Sogar Stindls Pässe besitzen soziale Kompetenz

Von: Bernd Schneiders
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Nüchtern, aber optimistisch: Gladbachs Kapitän Lars Stindl. Foto: imago/Eibner

Mönchengladbach. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die Hinweise auf den Charakter und die Einstellung eines Fußballprofis liefern. Lars Stindl wohnt in Mönchengladbach. Das ist nicht selbstverständlich. Das nahe Düsseldorf reizt als Lebensmittelpunkt etliche seiner Kollegen, besonders die Junggesellen. Der ehemalige Hannoveraner aber entschied sich bewusst für die Nähe zum Arbeitgeber.

„Ein kurzer Weg zum Trainingsplatz“, erklärt Stindl. „Und außerdem wollte ich den Verein und die Stadt kennenlernen.“ Das beruhte auf Gegenseitigkeit, und bereits ein Jahr später mündete dieses Beschnüffeln in einer neuen Aufgabe: Der 28-Jährige ist seit der Vorbereitung der Kapitän der Borussia. „Das ist etwas Besonderes, eine Ehre“, sagt der Offensivspieler das, was ein jeder Kapitän sagen muss.

Doch es gibt Indizien, dass mehr dahinter steckt als eine professionelle Floskel. „Schauen Sie sich mal um!“, fordert Stindl auf und weist auf die mit zahlreichen historischen Aufnahmen geschmückten Wände. „Tradition!“ sagt er beinahe ehrfürchtig. „Und wenn man die Stimmung am Mittwoch im Borussia-Park erlebt hat, oder die weiße Wand im Hinspiel in Bern – da ist unglaublich.“

Dabei ist Borussia nicht sein erster Klub mit reicher Geschichte. Sieben Jahre beim Karlsruher SC, fünf zuletzt bei Hannover 96. Doch Gladbach scheint sein erster Verein zu sein, der es geschafft hat, die Tradition nicht als Last zu spüren. „Der Verein hat sich unglaublich entwickelt. Dafür haben die Verantwortlichen hart gearbeitet. Borussia hat nicht nur Tradition, sondern auch einen Plan.“

Umso mehr freut es Stindl, Teil dieser Entwicklung geworden zu sein. Zwei Mal hinterein­ander die Teilnahme an der Gruppenphase der Champions League. Der Mann, der am Freitag 28 Jahre alt wurde, hat sich auch seine sportliche Wertigkeit erarbeitet. Im Kreis der offensiven Sprinter mit Patrick Herrmann, Thorgan Hazard, André Hahn und vor allem mit Raffael bildet er einen ruhenden Pol – der für Unruhe sorgt. „Ich bin nicht besonders schnell. Aber ich stehe für Ballbesitz, Positionsspiel, in die richtigen Räume zu gehen und zu spielen.“ Kurzum, seine Aufgaben und Qualitäten fasst er knapp zusammen: „Chancen kreieren und vollstrecken.“

Dafür hat er ein Gespür entwickelt, das ihn als ideale Ergänzung für die Edeltechniker erscheinen lässt. Stindl ist ein schlauer Zweikämpfer. „Nicklig“ beschreibt diese Qualität am besten. Er setzt sich durch, auch mit unerlaubten Mitteln. Dabei beschreibt er seine aktuelle Spielweise als weniger emotional und hitzig als zuvor. „In der vergangenen Saison hatte ich fünf Gelbe Karten, davor noch bei Hannover 96 sieben und eine Gelb-Rote gegen den VfB Stuttgart – aber die war unberechtigt“, untermauert er diese zarte Wandlung.

Etwas zu sagen zu haben, sich verstärkt Gedanken zu machen und konstruktive Kritik zu äußern, ist ein Entwicklungsprozess. „Ich musste das lernen.“ Zwar debütierte er einst bereits als A-Jugendlicher im Regionalligateam des KSC. Aber das war ein „einsamer“ Einsatz. „Ich war nicht frühreif, sondern eher später dran.“

Nüchterne Einordnung

Zehn Jahre später kann er sich allumfassend einbringen. Seine „soziale Kompetenz“ (Stindl) zeitigt Früchte auf und neben dem Platz. Sein selbstloser Pass auf Raffael zum 3:0 gegen Bern war ein fußballerischer Ausdruck dieser Fähigkeit. Die nüchterne Einordnung des rauschhaften Sieges am Mittwoch ist die mentale Variante.

„Wir wissen das gut einzuordnen“, sieht er sich in guter Gesellschaft hinsichtlich der neuen Herausforderung am Samstag gegen Bayer Leverkusen. Das die vermeintliche Leichtigkeit, mit der die Young Boys aus dem Borussia-Park geschossen wurde, kein Selbstläufer war, unterstreicht er mit seiner Entstehungsgeschichte. „Die Basics haben gestimmt. Das war das Fundament.“

Und erst dann sei das Spielerische dazugekommen. Und überhaupt sieht Stindl die Borussia 2016/2017 defensiv gefestigter. „In Bern gab es auch bereits eine Phase, in der das Spiel zu kippen drohte. Da haben wir kühlen Kopf bewahrt.“ Und zurückgeschlagen. „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir das abrufen können“, sagt der Borussen-Kapitän. Wie tief die neue Defensivqualität bereits verankert ist, „wird sich gegen Leverkusen zeigen“.

Die Begegnung mit dem Werksklub ist für Stindl auch deshalb so spannend, weil „Leverkusen sich richtig gut verstärkt hat und zum ersten Mal öffentlich dazu bekennt, mehr als Platz drei zu wollen“. Wie immer das Duell auch ausgehen wird: Am Samstagabend wird für den Familienvater Adrenalinabbau angesagt sein – wie in der Nacht zu Donnerstag: „Zu Hause, in meiner Oase.“

Voraussichtliche Aufstellung: Sommer - Elvedi, Christensen, Jantschke - Kramer, Strobl - Traoré, Hazard, Wendt - Stindl, Raffael

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