Max Eberl und der Kampf um den Anschluss

Von: Bernd Schneiders
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Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl prophezeit einen verschärften Wettbewerb. Foto: Moritz Müller/imago

Mönchengladbach. Die meisten Personalien hat Max Eberl abgearbeitet. Der Kader steht (fast) für die kommende Saison. Doch Borussia Mönchengladbachs Sportdirektor wird den Markt weiter beobachten und gegebenenfalls zuschlagen. Ein Offensivmann der besonderen Art stünde dem Kader noch gut zu Gesicht: Stoßstürmer, jung, Garantie über mindestens 20 Treffer pro Saison, guter Fußballer, umsonst!

„Ja, die eierlegende Wollmilchsau“, grinst Eberl. Doch der Manager versteht die Sehnsucht nach einem Vollstrecker, stellt aber Bedingungen auf, die einen derartigen Transfer erst sinnvoll machen würden.

„Wir halten die Augen auf, aber er muss in unsere Spielweise passen und obendrein noch eine weitere, andere Qualität mitbringen. Eine Qualität, die wir noch nicht haben.“ Solche Typen suchen viele. Und auch deshalb kosten sie eine Menge Geld. Ein Ausweg wäre deshalb ein Leihgeschäft.

Im eigenen Nachwuchs ist dieser Stoßstürmer nicht zu finden. Grundsätzlich tut sich das NLZ seit Jahren sehr schwer, dem Bundesligateam auf dieser Position als Quelle zu dienen. Eberl korrigiert erst einmal die Begrifflichkeit. „Nicht Stoßstürmer – anderer Stürmertyp. Wir haben viele Fußballer entwickelt, aber keinen klassischen Stoßstürmer, keinen Brecher. Wir sagen nicht zu einem 19-Jährigen mit 1,92 Meter: So, du bist jetzt unser Stoßstürmer! Wir haben im 2000er Jahrgang einen, Mawerick Dreßen. Und natürlich sagen wir ihm, er soll seine Spielweise beibehalten.“

Spielende Stürmer oder „Neuneinhalber“ haben Konjunktur. Aber der Sportdirektor weist auch noch auf eine andere Problematik hin: Was passiert, wenn Vincent Janssen von Tottenham oder Bertrand Traoré aus Amsterdam gekommen wäre? Einer muss auf die Bank oder Tribüne.“ Die aktuelle ist anders als die abgelaufene keine „englische“ Saison. Die Einsatzmöglichkeiten sind reduziert. „Das Wichtigste ist, dass Stindl, Hazard und Raffael gesund bleiben, in den Rhythmus kommen. Wer Stürmer Nummer 4 wird, entscheidet sich zwischen Villalba und Simakala. Noch ein gestandener Stürmer kann wie gesagt auch ein Risiko im Mannschaftsgefüge sein.“

Die Transfer-Ideen

Die größte Herausforderung war und ist, den Verlust von Ausnahmeverteidiger Andreas Christensen und Mittelfeldtalent Mo Dahoud zu kompensieren. Eberl vertraut auf Matthias Ginter, Denis Zakaria und Leihgabe Reece Oxford. In der Abteilung Attacke gab es keinen Aderlass. Dennoch wurde wohl wegen der mangelnden Durchschlagskraft dort mit Grifo (24) und Villalba (18) aufgerüstet. „Ein Gestandener, der schon für Furore gesorgt hat, und ein Junger, der noch Erfahrungen sammeln muss“, beschreibt Eberl.

Eberl wird nicht müde, die Einkaufs- und Verkaufspolitik der Borussia zu erklären. „Wir brauchen junge Spieler. Das ist unser Kapital, um erfolgreich zu sein, aber auch, um Transfererlöse zu erzielen. Hazard, Elvedi und auch Ginter gehören dazu. Und in dieser Dimension für viele vielleicht überraschend Vestergaard.“

Kritiker benutzen gerne spöttisch den Begriff „Kindergarten“. Für Eberl eine Fehleinschätzung: „Sie übersehen, dass wir mit vielen Alten, Endzwanzigern, verlängert haben: Stindl, Johnson, Jantschke, Traoré, Sommer – das haben wir lange nicht gemacht!“

Mit der Ausrichtung, junge Spieler zu verpflichten, steht Gladbach schon länger nicht mehr alleine da. Inzwischen bedient sich selbst Branchenprimus Bayern München auf diesem Markt. Wie reagiert Borussia darauf? „Wir müssen früher aktiv werden“, sagt Eberl. Mit 19, 20 sind vielversprechende Talente für uns schon zu teuer. 17, 18 ist allerdings die magische Grenze. Jünger wird es nicht werden, darf es auch nicht.“

Die Hatz nach Talenten

Finanziell kann der Klub vom Niederrhein mit der inzwischen auch hochkarätigen Konkurrenz nicht mithalten. Wie also kann Max Eberl bei Vertragsgesprächen die Umworbenen überzeugen? „Bei uns kommen sie durch. Hier ist die Wahrscheinlichkeit größer als bei Bayern & Co., dass sie in der Bundesliga zum Spielen kommen und dann zu einem großen Verein wechseln können. Das ist unser Trumpf, das sind unsere Argumente, ist unsere Visitenkarte.“

Davon profitierte beispielsweise Andreas Christensen: Gladbach bot ihm die Chance, zwei Mal Champions League und gegen die besten Stürmer der Welt zu spielen. „Jetzt ist er fünf Schritte weiter als andere junge Abwehrspieler, die bei Chelsea geblieben sind“, unterstreicht Eberl.

Mit einer U 20 ist Borussia in der Bundesliga nicht wettbewerbsfähig. Die Plätze sind also selbst in Mönchengladbach limitiert. Das könnte dazu führen, dass bei gesteigertem Kontingent die Jungen sich gegenseitig blockieren. Eberls Argumentation wäre damit bei Verhandlungen entkräftet. „Wenn von vier zwei spielen, reicht das“, hält der Manager dagegen. „Wir wollen nicht nur ausbilden. Wir wollen mit jungen Spielern vor allem erfolgreich sein. Dieser sportliche Erfolg steht über allem.“

Nachwuchsleistungszentrum

Borussia gehört zu den Klassenbesten, erhält bei der turnusmäßigen Bewertung durch die DFL fast schon traditionell die Höchstzahl an Sternen. Belegt das verstärkte Einkaufen von Talenten, dass das NLZ an Wert für die Bundesligamannschaft verliert? „Wenn pro Jahr einer durchkommt, wäre das fantastisch“, beteuert Eberl. „Zuletzt waren es sogar vier, drei, zwei – aber diese Ausnahmespieler haben wir derzeit noch nicht.“

Darin sieht der ehemalige Nachwuchschef allerdings kein grundsätzliches Problem. „Es gibt diese Wellenbewegungen: Der Jahrgang 2002 ist wieder sehr vielversprechend. Unsere erste Frage ist nach wie vor: Haben wir den Spieler im eigenen Haus? Wir wollen keinen blockieren.“ So war es im Fall von Zakaria, Oxford oder Cuisance. Diese Positionen kann Gladbach derzeit nicht mit dem eigenen Nachwuchs füllen. „Aber wenn wir die von außen Geholten entwickelt haben, kommen unsere zwei Jahre später wieder nach“, ist Eberl überzeugt.

Confed Cup

Unerwartet wurde eine zuvor als Aushilfsmannschaft diskreditierte DFB-Auswahl zum Erfolgsschlager beim Confed Cup. Gladbach war daran mit ehemaligen (ter Stegen, Younes), einem aktuellen (Stindl) und einem neuen Spieler (Ginter) beteiligt. Was liefert die Analyse des überraschenden Titelgewinns für Aufschlüsse, die für Gladbach interessant sein könnten? „Wenn wir Portugal mal rausnehmen, Chile, Mexiko und Deutschland agierten ohne Stoßstürmer. Es war vielsagend, dass Löw Wagner nicht gebracht hat, sondern lieber einen weiteren Mittelfeldspieler oder Stindl weiter vorgezogen hat“, erklärt Eberl.

Seine Folgerung: „Egal ob der Stürmer groß oder klein ist.Wesentlich ist: Wie spielst du mit ihm? Alle drei Mannschaften wollten Fußball spielen. Und bekamen auch die Tiefe. Das Tor im Finale war der beste Beweis, und Werner ein super Beispiel: ein Stürmer, der super presst und sich die Chance selbst erarbeitet. Das ist letztlich auch Bestätigung für uns.“

Zudem bestätige Löws Vorgehensweise, dass mannschaftliche Geschlossenheit, sogar bei Verzicht auf vermeintliche Superstars, nach wie vor ein Schlüssel zum Erfolg sein kann. Nicht unähnlich geht Borussia bei der Zusammensetzung ihres Kaders vor. „Wir haben noch keine Topspieler aus einer ausländischen Topliga geholt. Alle stammen aus Ligen in der Schweiz, in Belgien oder in den Niederlanden, alles sind Spieler mit Luft nach oben“, sagt Eberl.

Taktische Entwicklung/Spielweise

Die Erinnerungen an die Dreierkette sind rund um den Borussia-Park nicht unbedingt positiv. Dabei war beim Confed-Cup-Sieger Deutschland sichtbar, wie effektiv diese Variante sein kann. „Wenn Schubert mit Viererkette gespielt hätte, hätten wir die ändern sollen“, gibt Eberl die Gefühlslage vieler Fans nach der Ära des Ende des vergangenen Jahres entlassenen Trainers wieder. Sein Fazit: „Das ist also personenbezogen, die Dreierkette wird mit Schubert verbunden. Dabei ist sie ein Stilmittel, das wir einüben und beherrschen müssen. Dem Gegner müssen wir damit eine Aufgabe geben, wie damals zunächst mit unserem Konterfußball und später mit unserem Ballbesitzfußball.“

Saisonziel

Für die vergangene Spielzeit gab Max Eberl als Mindestziel einen einstelligen Tabellenplatz aus. Die Mannschaft erfüllte dies „schlechst“möglich: Platz neun. Wie lautet die Marke für 2017/2018 und entspringt sie eher einem Bauchgefühl, oder ist sie vor allem pädagogisch ausgerichtet? „Es ist eine Mischung aus beidem. Pädagogisch ist die Erinnerung daran, was wir geschafft haben und dass dies aber keine Selbstverständlichkeit, kein Automatismus. Mein Bauchgefühl sagt mir: Es ist möglich, dass wir am 8. Spieltag nur auf Platz 12 liegen. In der kommenden Saison wird eine unglaubliche Dichte herrschen.“ Der Manager prophezeit eine Steigerung gegenüber der vergangenen Spielzeit. „Da lagen zeitweilig zwischen Platz 6 und Platz 16 nur fünf Punkte. Jetzt ist das zwischen Platz 5 und Platz 18 möglich.“

Die Gründe sieht der 43-Jährige unter anderem in den Emporkömmlingen. Hannover 96 und der VfB Stuttgart seien keine typischen Aufsteiger. Und Eberl mahnt: „Die Dichte ist eine große Chance für jeden. Aber das muss man auch mit Demut angehen. Denn es beinhaltet auch ein großes Risiko: Der Verein, der als erster die Geduld verliert, in Aktionismus verfällt und bei dem die Unruhe groß ist, wird als erster rausfallen.“

Gegensteuern will Eberl mit der Abkehr vom Spektakel-Fußball. „Mein Credo: Die Defensive gewinnt die Meisterschaft oder erreicht die Saisonziele, die Offensive das Spiel. Lasst uns stabil sein! Lieber mal ein 0:0 oder 1:0. Ein Torfestival wie gegen Bern ist schnell vergessen, wenn du anschließend oft verlierst. Die Mannschaft, die stabil ist, wird es schaffen.“ Die jüngste Vergangenheit und die nahe Zukunft bereiten dem Sportdirektor Sorgen. „Hertha, Köln, Hoffenheim sind jetzt einmal an uns vorbeigezogen. Das soll nicht passieren. Und jetzt kommt auch noch ein Großkaliber wie der VfB auf uns zu! Das wird ungeheuer kompliziert.“

Zugänge

  • Vincenzo Grifo (SC Freiburg)
  • Matthias Ginter (Borussia Dortmund)
  • Reece Oxford (Leihe West Ham United)
  • Mickaël Cuisance (AS Nancy-Lorraine)
  • Julio Villalba (Cerro Porteño)
  • Denis Zakaria (BSC Young Boys Bern)
  • Florian Neuhaus (TSV 1860 München) Abgänge
  • Andreas Christensen (Leihende FC Chelsea London)
  • Mahmoud Dahoud (Borussia Dortmund)
  • Julian Korb (Hannover 96)
  • Djibril Sow (BSC Young Boys Bern)
  • Nico Schulz (TSG 1899 Hoffenheim)
  • Nils Rütten (U23)
  • André Hahn (Hamburger SV)
  • Florian Neuhaus (Leihe Fortuna Düsseldorf)
  • Marvin Schulz (FC Luzern)
  • Álvaro Dominguez

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