Max Eberl: „Luftschlösser können schnell platzen“

Von: Frank Hellmann
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Hat sich zu einem anerkannten Fachmann unter den Bundesliga-Managern entwickelt: Borussias Sportdirektor Max Eberl. Foto: sport/nph
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Fitnessprogramm in Belek: Max Eberl (links) ist seinen Profis beim Fußballtennis ganz nah. Foto: sport/Eibner

Belek. Wer sich mit der besonderen Entwicklung von Borussia Mönchengladbach beschäftigt, kommt an Max Eberl nicht vorbei. Seit 2008 lenkt der ehemalige Profi als Sportdirektor die Kaderplanung und genießt in der Branche als Pfiffikus mittlerweile enormen Stellenwert. Das Wort des 41-Jährigen gewinnt in der Bundesliga zunehmend an Gewicht.

Eberl erklärt im Trainingslager im türkischen Belek auch, warum er sich jetzt sogar mit dem FC Bayern angelegt hat.

Trainingslager ist bei Ihnen ja wörtlich zu nehmen: Bei fast jeder Übungseinheit sieht man Sie schwitzend um den Trainingsplatz joggen. Mit welchem persönlichen sportlichen Ziel ist der Sportdirektor nach Belek gereist?

Eberl: Ich habe mir keine Kilometer-Vorgabe gemacht, weil es am Ende wohl erschütternd wäre, wie wenig dabei zusammengekommen ist (lacht). Im Ernst: Ich möchte einfach im Trainingslager näher an der Mannschaft sein, was während der Saison schwer möglich ist, weil ich im Büro meine Arbeit erledige, während die Spieler trainieren.

Ist das der Nachteil an Ihrem 2008 angetretenen Job als Sportdirektor, dass sie zu viel an den Schreibtisch gefesselt sind?

Eberl: Gar nicht nur an den Schreibtisch, sondern auch ans Auto oder an Besprechungen. Das bringt die Aufgabe mit sich, die ich sehenden Auges angenommen habe. Dementsprechend sind leider ein paar Pfunde hinzukommen. Jetzt versuche ich, ein paar Gramm zu verlieren.

Vor dreieinhalb Jahren spielte Borussia Mönchengladbach noch in der Relegation und sie mussten sich Beschimpfungen von Berti Vogts anhören, eine Initiative plante den Umsturz. Heute klatschen mitgereiste Anhänger Applaus, wenn sie vorbeilaufen. Empfinden Sie Genugtuung?

Eberl: Das sehe ich als Zeichen von Anerkennung für unsere Entwicklung. 2011 war eine unheimlich lehrreiche Erfahrung auch für mich. Letztlich ist der ganze Verein aus dieser Phase gestärkt hervorgegangen. Wenn ich hier immer noch die Realität in den Vordergrund rücke, dann vor diesem Hintergrund.

Sie haben jetzt gesagt, sie seien für „populistische Euphorie“ nicht zu haben. Ist es ein Problem der Branche, viel zu schnell Urteile zu fällen?

Eberl: Wir sind in der Hinrunde ernsthaft damit konfrontiert worden, wir sollten uns als Bayern-Jäger outen. Wir versuchen, diese Extreme in die Bahnen zu lenken; das Umfeld, die Fans, aber auch die Mannschaft. Ohne Kontinuität bei den Entscheidungsträgern gibt es keinen Erfolg.

Außer Bayern, Dortmund, Leverkusen und Schalke hat nur Ihr Klub in den letzten drei Jahren immer einen einstelligen Tabellenplatz belegt.

Eberl: Weil alle Verantwortlichen bei uns in eine Richtung arbeiten. Luftschlösser können in der Liga heutzutage ganz schnell platzen. Es hilft nichts, wenn in der Führung der eine offensiv denkt und der andere defensiv spricht. Dann kommt es zu einem schlecht beherrschbaren Ping-Pong-Spiel.

Ihr Verein hat sich bei einem bald vermeldeten Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro, aber nur 36 Millionen Euro Lizenzspieleretat, in die Spitzengruppe geschlichen. Heribert Bruchhagen, der Vorstandschef von Eintracht Frankfurt, sagt voraus, dass Sie gar nicht umhinkommen, die Gehälter anzuheben oder die wichtigsten Spieler zu verlieren. Hat er Recht?

Eberl: Ich bin nicht so lange im Geschäft wie Heribert, aber ich habe in meinen sechs intensiven Jahren als Sportdirektor auch meine Erfahrungen gemacht. Wenn ein Verein überraschend erfolgreich ist, droht immer ein Verkauf wichtiger Spieler – das haben wir erlebt, als wir Vierter wurden und mit Marco Reus, Roman Neustädter und Dante drei Topakteure verloren haben. Derzeit geht immer nur einer: Marc-André ter Stegen vergangene Saison, Christoph Kramer nach dieser Spielzeit. Natürlich kann es uns passieren, dass sich Topvereine wie Bayern oder Barcelona bei uns bedienen, aber die Zeiten sind vorbei, dass Bremen, Hamburg oder Stuttgart zugreifen.

Ist die Entwicklung der Flügelspieler Patrick Herrmann, Ibrahima Traoré, André Hahn und Thorgan Hazard ein Beispiel, dass sich in Ihrem Klub Karriere machen lässt?

Eberl: Dieses Quartett spiegelt wirklich gut unsere Gedanken wider, weil die vier alles abdecken: Wir wollen Spieler finden, die wie Hazard oder Hahn Entwicklungspotenzial haben, die wie Herrmann aus unserer eigenen Akademie kommen oder wie Traoré schon ein Standing in der Bundesliga besitzen. Solche Verpflichtungen gelingen, weil wir in Steffen Korell jemand an der Spitze der Scouting-Abteilung haben, der bei allen Gesprächen dabei ist.

Sie haben jemand, der Ihnen etwas über die charakterliche Eignung eines neuen Spielers erzählt. Wer ist das?

Eberl: Diese Person möchte ich nicht nennen – es ist aber kein Geheimagent. Aber er nimmt uns viel Arbeit ab, denn das Fußballerische ist nur eine Facette. Wenn man einen Transfer tätigt, dann erwirbt man ja keine Maschine, sondern einen Menschen mit Seele, Psyche und Vorleben. Es geht dabei auch um seine Familie, seine Ausbildung oder seine Verletzungen. Dieses Gesamtpaket versuchen wir vorher zu ergründen. Umso mehr Teile in einem Mosaik zusammenpassen, desto besser wird das Bild.

Ist es heutzutage noch wichtiger, weil die Profis längst Personen des öffentlichen Lebens sind? Marco Reus wird den Makel nie mehr los, jahrelang ohne Führerschein unterwegs gewesen zu sein.

Eberl: Das habe ich beispielsweise auch nicht gewusst. Ich wusste, dass er anfangs keinen Führerschein besaß, weil ihn Tony Jantschke häufiger mitgenommen hatte. Als er dann irgendwann mit dem Wagen vorgefahren kam, bin ich davon ausgegangen, dass er die Fahrerlaubnis besitzt. Aber wir führen ja keinen Charaktertest durch. Und wenn einer in seinem Leben mal einen Fehler gemacht hat, ist das auch nicht unbedingt ein K.o.-Kriterium. Es würde unserem Kader bestimmt nicht guttun, nur Typen ohne Ecken und Kanten zu holen!

Wer aktuell Max Eberl bei Google eingibt, kommt auf Überschriften wie „Eberl kritisiert FC Bayern“. Können Sie noch mal erläutern, warum Sinan Kurt lieber in Mönchengladbach oder Joshua Kimmich lieber in Stuttgart hätten bleiben sollen?

Eberl: Der FC Bayern ist bei diesem Thema für mich Synonym für einen großen Verein mit unglaublichen Möglichkeiten – wie der FC Barcelona, Real Madrid oder FC Chelsea. Fast jeder junge Spieler würde mit dem Fahrrad dort hinfahren. Völlig legitim soweit. Aber: Wir leben davon, Spieler zu finden, von denen die Großen sagen, der hat schon Potenzial, aber der bringt mir als Nummer 35 nichts – diejenigen möchten wir entwickeln. Es gibt mehr Beispiele dafür, dass der Zwischenschritt für einen Spieler lohnender ist. Da habe ich jetzt eine gewisse Sorge – ich sehe uns nämlich nicht als Dependance dieser Großvereine. Wir haben doch mit Reus oder ter Stegen die besten Beispiele geliefert, wie gut dieser Weg über uns ist. Wenn die erhoffte Entwicklung einsetzt, landen die besonders Begabten ohnehin später bei den berühmtesten Vereinen Europas. Und zuvor haben alle davon profitiert.

Steckt Michael Reschke dahinter? In Leverkusen hatte es Methode, die Toptalente so früh wie möglich abzugreifen.

Eberl: Michael ist ein genialer Stratege. Da haben sich die Bayern zu 100 Prozent verstärkt. Aber jeder Fußballfan möchte doch auch noch, dass wir und andere den Bayern Paroli bieten können.

Bruchhagen sagt verkürzt, die Berater sind schuld an der Entwicklung.

Eberl: Berater sind ein Teil der Thematik. Diejenigen, die aufs schnelle Geld aus sind, bringen ihre Talente gerne sofort zu Bayern oder einem anderen Topklub.

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