Luuk de Jong arbeitet auch an einer Verbrüderung

Von: Bernd Schneiders
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Definiert sich nicht nur über Tore: Luuk de Jong ackert auch für die Mannschaft. Foto: imago/Jan Huebner

Mönchengladbach. Polyvalent will Lucien Favre seine Spieler haben, vielwertig. Luuk de Jong arbeitet dran, nicht nur sportlich. Dabei bewegt er sich auf nicht ganz legalem Eis: Seinen Traum, mit seinem Bruder Siem, Mittelfeldspieler bei Ajax Amsterdam, einmal zusammen zu spielen, kanalisierten findige Journalisten gleich in einen Arbeitsauftrag für Sportdirektor Max Eberl: „Hol Siem de Jong zur Borussia!“

Mönchengladbachs Stoßstürmer als Spielerberater, Zaakwaarnemer – unlizenziert, noch. „Ich arbeite dran“, schmunzelt Luuk de Jong. Noch hat der ältere Bruder zwei Jahre Vertrag bei den Ajaciden, die Sehnsucht, mit ihm gemeinsam in einer Mannschaft zu spielen, aber hat permanent Konjunktur. Als Ort der Familienzusammenführung ist derzeit allerdings die niederländische Nationalmannschaft realistischer.

Louis van Gaal hat die de Jongs zwar getrennt, Luuk spielt aktuell für Jong Oranje, der U-21-Auswahl des KNVB, und Siem im A-Team. Doch wenn sich der Lebensplan des Jüngeren erfüllt, wird er bei Borussia stärker werden und zum Eliteteam seines Bruders aufsteigen. Dabei schaut Siem zu Luuk auf, und das wird sich auch nicht ändern. „Zwei Zentimeter kleiner ist er“, grinst der Mönchengladbacher Borusse. „Ich gucke auf ihn runter!“ Das Verhältnis ist aber alles andere als ein distanziertes. „Er ist mein Freund, mein bester Freund.“

Das ist nicht immer der Fall bei Brüdern, die nur anderthalb Jahre auseinanderliegen. Der Ältere erwählt den Jüngeren schon mal gerne zum Quäl-Opfer. „Das war ganz früher vielleicht mal so. Aber durch den Fußball sind wir uns immer nähergekommen. Auch jetzt besuchen wir uns gegenseitig so oft wie möglich.“ Die sportlichen Stippvisiten hat er Siem allerdings verboten. Gegen Marseille saß Siem auf der Tribüne im Borussia Park.

Sein „kleiner“ Bruder aber verletzte sich am Knie und musste ausgewechselt werden. „Ich habe ihm gesagt, er soll lieber in Amsterdam bleiben und sich unsere Spiele am Fernseher anschauen.“ Die de Jongs als Jing und Jang: Zwei Mal spielten sie sogar schon in einer Mannschaft. In der U-15-Auswahl von de Graafschap Doetinchem und in der niederländischen U 21. Der frischeste Quell, aus der sich die Sehnsucht zur sportlichen Verbrüderung aber speist, ist das Arjen-Robben-Gedächtnisspiel zwischen Bayern München und Oranje im Mai 2012 in München. „Wir haben ein Gefühl füreinander.“

Seinen Instinkt hat Luuk de Jong aber auch schon solo bewiesen: zum Toreschießen. Sechs Tore in 18 Bundesliga-Einsätzen, zwei in sieben Spielen in der Europa League. Das klingt nicht berauschend nach 25 Toren in 31 Spielen in der Vorsaison für den FC Twente. Doch Borussia anno 2012/2013 spielt zwar wieder um einen Platz in der Europa League, doch in der Chancen-Tabelle liegt die Favre-Elf auf einem Abstiegsplatz. Bundesliga-Torschützen-König im Trikot von Borussia zu werden, ist heuer so wahrscheinlich wie eine Rückkehr von Horst Köppel als Trainer in Mönchengladbach.

Und so spezialisiert sich Luuk de Jong, für den sein Arbeitgeber rund elf Millionen Euro investieren musste, auf Mehrwert-Treffer. Die werden in keiner Extra-Statistik preiswürdig gelistet, bringen aber Punkte – drei jeweils. Der 22-Jährige zeichnet sich über Gebühr häufig für 1:0-Siege verantwortlich. „Drei Mal in den letzten fünf Spielen“, verkündet de Jong nicht ohne Stolz. Morgen hat er beim VfB Stuttgart die nächste Chance, einen Minimal-Sieg zu sichern.

Seine erste Saison in der Bundesliga ist nicht nur deshalb nicht einfach. Höhere Geschwindigkeit und mehr Kraftaufwand sind die Ansprüche, unter denen die ehemaligen Ehrendivisionisten naturgemäß leiden. „Klaas-Jan Huntelaar hatte auch Schwierigkeiten in seiner ersten Saison, bevor er anschließend Torschützenkönig wurde“, analysiert sein Landsmann.

Acht Tore in 24 Spielen für den „Hunter“ 2010/ 2011, den statistischen Wert, in jedem dritten Spiel zu treffen, hat de Jong bereits sechs Spieltage vor Saisonschluss erreicht. „Natürlich schießt jeder Stürmer gerne viele Tore, aber noch lieber gewinne ich“, gibt der Niederländer zu. Aber das ist nicht die einzige Währung, in der sich sein Wirken bezahlt macht. „Ich möchte wichtig sein für die Mannschaft.“ Das gelingt ihm auch abseits der Einnetz-Qualitäten. Er ackert, hilft hinten aus, kombiniert, bringt seine Mitspieler in Position. „Wenn es mal nicht klappt, musst du eben deine Arbeit machen.“

Die fällt bei Borussia derzeit hart aus. Durch das tiefe Stehen seiner Mannschaft ist der Weg nach vorne weit, ein Torjäger als Kilometer-Fresser – so weit ihn die Füße tragen. Denn ausgeruhter ist die Fehlerquote bei Groß-Chancen womöglich geringer. „Aber ich habe das Gefühl, dass ich stärker werde. Jeden Tag. Und das war einer der Gründe, warum ich in die Bundesliga gewechselt bin.“

Natürlich ist es nur ein Gerücht, dass Borussia derzeit vor dem Verwaltungstrakt speziell für de Jong einen Trainingsparcours und –hügel baut, um auch noch seine Sprinterqualitäten zu verbessern. „So langsam bin ich gar nicht“, entgegnet der 1,88 Meter große Stürmer. „Zuletzt gegen Greuther Fürth waren meine Werte nicht so schlecht: 31,5 km/h.“

Ein Usain Bolt wird Luuk de Jong aber nicht mehr werden. Muss er auch nicht – wenn Lucien Favre es schafft, das Spiel seiner Mannschaft dauerhaft nach vorne zu verlagern.

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