Mönchengladbach - Hans Meyer: „Das ist einfach sensationell“

Hans Meyer: „Das ist einfach sensationell“

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„Das ist kein Glück, sondern grundsolide erarbeitet“: Hans Meyer, ein mehr als zufriedenes Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach. Foto: imago/Jan Hübner

Mönchengladbach. Die Saison begann wie die eines Abstiegskandidaten – und sie endete in der Qualifikationsrunde zur Champions League: Borussia Mönchengladbach hat eine bemerkenswerte Spielzeit hinter sich. Präsidiumsmitglied HansMeyer, einst Trainer der „Fohlen“, blickt im Interview mit unserem Redakteur Bernd Schneiders zurück und voraus.

Sie haben als Trainer und Fußballer schon viel erlebt. So eine Saison auch schon mal?

Meyer: Nein, so etwas habe ich nicht für möglich gehalten. Dass so etwas in einer Meisterschaft, die etwas auf sich hält, passiert; dass eine Mannschaft, die nach dem 5. Spieltag eigentlich bei Minus 1 steht, weil sie obendrein ein miserables Torverhältnis besitzt, und dann so da rauszukommen und noch Vierter zu werden – ist etwas vielleicht Einmaliges.

Sie wirken echt überwältigt.

Meyer: Ich wäre gerne nach dem fünften Spieltag den Deal eingegangen: Wenn wir im März nicht immer noch abstiegsgefährdet sind, bekommen Sie 500 Euro. Wer mich kennt, weiß, dass das viel ist bei meinem Geiz.

Können Sie denn diese Überraschung etwas plastischer beschreiben?

Meyer: Es ist einfach sensationell, wenn man die Umstände bedenkt: Es war ja nicht nur der Negativstart. Plötzlich haben wir einen Trainer-Neuling. Zudem ist es ein Wechsel vom Typ und von der Spielweise her, der krasser nicht sein kann. Und dann ist er auch noch gezwungen, junge Spieler einzubauen. Martin Stranzl, Alvaro Dominguez, Tony Jantschke brechen langfristig weg – dafür müssen und dürfen 19-Jährige ran wie Christensen, Elvedi, Dahoud. Und dann werden wir Vierter und Schubert zaubert auch noch ein sensationelles Torverhältnis hin – wir erzielen obendrein die drittmeisten Treffer. Unglaublich! Ist das plastisch genug?

Und wie. Man scheint sich aber schnell an diese sensationelle Wendung gewöhnt zu haben. Hat Schubert dafür denn die entsprechende Wertschätzung erhalten?

Meyer: Von Klubseite und den meisten der Fans ja. Aber wie ein großer Teil der Medien mit ihm umgegangen ist, ist völlig unerklärlich nach seinen Resultaten und unverständlich.

Woher stammt denn dieses Misstrauen oder Unbehagen in Sachen Schubert?

Meyer: Ich weiß es wirklich nicht, und ich habe auch kein Verständnis dafür.

Ist denn nach dem vierten Einzug in einen europäischen Wettbewerb innerhalb von fünf Jahren Europa eine Selbstverständlichkeit geworden?

Meyer: Man könnte es fast annehmen, ist es aber auf keinen Fall. Es ist allerdings ein Hinweis auf die richtig gute Arbeit der sportlich Verantwortlichen. Jetzt ist Max Eberl mit seinen Trainern und Mitarbeitern gelungen, was finanziell schon länger passiert war: Eine Basis zu legen für nachhaltig stabile Leistungen auf dem Platz. Borussia war über Jahrzehnte, außer bei den Glücksmomenten unter Bernd Krauss mit dem Pokalsieg und Platz 8, kaum zu sehen. Und jetzt vier Mal im Europapokal. Ich verwende diese Worte normalerweise nicht so schnell: Aber das ist einfach sensationell. Das ist kein Glück, sondern grundsolide erarbeitet.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Meyer: Wie wir uns neben der beeindruckenden Aufholjagd in den Punktspielen in der Champions League in dieser Hammergruppe verkauft haben. Das war außerhalb meiner Fantasie. Der kleine Wermutstropfen: Ich werde jetzt immer in meinem Bewusstsein haben, dass es selbst unter einem Trainer, der so sensationell gearbeitet hat, möglich ist, fünf Mal hintereinander zu verlieren.

Wer war die größte Überraschung?

Meyer: Was Dahoud und Christensen am Anfang ihrer Hochleistungskarriere gezeigt haben. Das war so nicht zu erwarten und für uns alle mehr als erfreulich.

Für die kolportierte Rekord-Ablösesumme von 43 Millionen Euro verlässt Kapitän Granit Xhaka die Mannschaft zum FC Arsenal. Ist das problematisch?

Meyer: Xhaka ist ein toller Spieler, und es ist schade, dass wir ihn verlieren. Er wird uns fehlen, wie alle Borussen-Spieler, die uns aus den unterschiedlichsten Gründen den Rücken kehren. Ich darf allerdings daran erinnern, dass in den letzten Jahren durch gescheite Transferpolitik die entstandenen Lücken sehr gut geschlossen wurden. Ich bin sicher, es wird uns auch in diesem Jahr gelingen.

Und was sagen Sie zu André Hahn?

Meyer: Er hat uns auf unglaubliche Art und Weise in der Schlussphase zum Erfolg verholfen. Mit seiner Athletik, seiner Einstellung und seiner Anpassungsfähigkeit hat er seine Verletzungspause schnell vergessen gemacht. Solche Typen sind für die Balance in einem Team unbezahlbar.

Kämen Sie in einer Zeit der Laptop-Trainer und Begriffen wie Gegenpressing und abkippender Sechser auch noch klar als Bundesliga-Coach?

Meyer: Kaum, vielleicht sollte man im Fernsehen diese Leute mal fragen, was sie darunter verstehen. Der Unterschied zwischen Pressing und Gegenpressing ist mir nicht ganz klar. Ich dachte, Pressing ist immer gegen etwas. Aber sicherlich würde ich mich als Trainer richtig dahinterklemmen und noch eine paar Lehrgänge besuchen.

Bei Ihnen hieß das vor 17 Jahren auf dem Bökelberg Vorwärtsverteidigung.

Meyer: Das haben wir schon 1970 unter Georg Buschner gespielt. Nur hieß das damals Forechecking. Das kann nur funktionieren, wenn man es im Kollektiv macht. Fragen Sie doch mal Magath & Co., was Ernst Happel teilweise hat spielen lassen. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass bei aller Theoretisierung wesentliche Dinge etwas aus der Hand gleiten. Man sollte nicht vergessen, dass man nicht nur überragende Fußballer im kreativen Bereich braucht. Charakterstarke Siegertypen und überragende defensiv denkende Spieler sind als Ergänzung unverzichtbar.

Sind Sie enttäuscht, dass kein Gladbacher, etwa ein Spieler wie Dahoud, von Joachim Löw nominiert wurde?

Meyer: Nein, die Zeit wird noch kommen. Gerade Löws Mittelfeld ist überragend bestückt. Das ist das Herzstück. Die Neuen, Sané, Brandt, Kimmich und Weigl sind ein tolles Quartett. Natürlich könnte man sich da sofort auch Dahoud vorstellen. Wer sich von den fünf in den nächsten Jahren zum Klassespieler entwickelt, hängt nicht von einer zeitigen, natürlich motivierenden Nominierung für eine EM ab.

In welcher Hinsicht muss Borussia sich noch entwickeln?

Meyer: Wenn man sich das Torverhältnis und auch die Anzahl der Chancen und ihre Verwertung anschaut, weiß man, wie stark die Mannschaft nach vorne spielen kann. Aber es waren auch Spiele dabei – sogar einige, die wir gewonnen haben –, in denen wir zu viel zugelassen haben. Die Kollektivität und die individuellen Fähigkeiten bei der Abwehrarbeit können und werden sicherlich noch verbessert werden.

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