Gladbachs Athletiktrainer: „Ich nehme mir jede Verletzung zu Herzen“

Von: Bernd Schneiders
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Gladbachs Fitnessexperte: Klaus Luisser. Foto: sport/Defodi

Mönchengladbach. Der Mann hat schwer zu tragen! Man könnte meinen, kein Problem für einen, der sein Geld als Athletiktrainer in der Fußball-Bundesliga verdient. Aber Klaus Luisser, seit dem Sommer bei Borussia Mönchengladbach in Brot und Arbeit, lädt sich extrem viel auf.

„Ich nehme jede Verletzung auf meine Schulter“, bekennt der Österreicher. Da hat der 38-Jährige allerhand zu tun. Vor einem Jahr führte Borussia die Rückrundentabelle mit den wenigsten Verletzungen an und schloss sie auch im Sommer als „heilste“ Mannschaft ab. In der aktuellen Halbzeit-Tabelle, damit in der Ära Luissers, ist Gladbach auf Rang 12 zurückgefallen. Tabellenführer ist nun Darmstadt 98. Ein Dokument des Versagens also? Nicht die Spur, nur gut 20 Prozent der Blessuren sind muskulärer Art. Doch die Entlastung nimmt der Athletiktrainer nicht an. „Ich nehme mir jede Verletzung zu Herzen und frage mich auch bei Kopfverletzungen oder anderen Unfällen, wie hätte man das verhindern können?“

Immerhin gibt es Hoffnung, dass seine frei erwählte Herkulesaufgabe etwas leichter wird. In der Rückrunde fällt die Dreifachbelastung weg. 17 Spiele (fast) im normalen Wochenrhythmus, zum Start am Samstag das Duell mit der Borussia aus Dortmund. „Im vergangenen Jahr ging es in erster Linie um Erholung, Regeneration, Supplementierung, Essenskontrolle.“ Nun aber gibt es Spielraum fürs Kerngeschäft eines Fitnesstrainers: „Das ist schön, jetzt passiert mehr im athletischen Bereich“, sagt Luisser. Darauf freut sich der Mann aus dem Burgenland auch deshalb, weil er in den sechs Monaten am Niederrhein eine positive Erfahrung gemacht hat: „Die Jungs sind unheimlich willig, interessiert und wollen lernen.“ Keine Selbstverständlichkeit. „Das war während meiner zehn Jahre bei RB Salzburg nicht bei allen so.“

Nachholbedarf im Fußball

Dabei sieht Luisser noch großen Nachholbedarf. „Der Fußball hat sich so sehr entwickelt, ist extrem schnell geworden – die athletische Ausbildung hat da nicht mitgehalten.“ Im Vergleich zu Einzelsportarten werde im Fußball noch zu wenig gemacht. Diesen Nachholbedarf umzusetzen und diese Entwicklungsmöglichkeiten auszuschöpfen, kann in seinen Augen nur über eine Individualisierung des Trainings gehen. Und die individuelle Konfrontation mit der athletischen Leistungsfähigkeit seines Fußball-Körpers fällt für den Protagonisten schon mal überraschend aus.

Luissers Kategorien: Nicht-Sportler, Freizeitsportler, Hobbysportler, Amateursportler oder Profisportler? Recht häufig entlarvt er die Selbsteinschätzung des Profifußballers mit Hilfe zweier Tests als Selbstüberschätzung: mindestens fünf Klimmzüge und der problemlose Einbeinstand. „Da reißen die Jungs schon mal die Augen auf.“ Wer will durch das Scheitern schon gerne Hobbysportler sein . . .

Sein Anspruch, seine „Klienten“ besser zu machen, treibt ihn. „Ich bin nie zufrieden.“ Und dazu gehört auch, sich selbst ständig weiterzuentwickeln und zu –bilden. Natürlich hat sich, nachdem Mark Verstegen die Fitnessszene in der Bundesliga als Athletiktrainer von Jürgen Klinsmann und Bayern München wachgeküsst hat, einiges getan. „Das hatte auch starken Einfluss in Österreich.“ Doch Luisser bezweifelt, dass das Rad in diesem Bereich neu erfunden werden kann. „Es gibt keine neuen Übungen. Es gibt nur unterschiedliche Ausführungen.“ Und den eigenen Einfluss aufs Kerngeschäft zu überschätzen, ist nicht das Ding des Österreichers. „Meine Arbeit ist nur ein kleiner Baustein.“

Geerdet ist der 38-Jährige, der bereits mit drei Jahren auf Skiern stand, später aufs Snowboard wechselte und dessen Tenniskarriere von einer Schulterverletzung gestoppt wurde, buchstäblich. Und da passt es, dass er neben allen Stabilisierungs- und Koordinationsübungen auch für solche Momente vorsorgen will, wenn seine Schützlinge zu Boden gehen. „Alle Skifahrer lernen fallen. Aber die Fußballer . . .“ Der Wechsel von Lucien Favre zu André Schubert brachte trotz unterschiedlicher Spielauffassung erst einmal keine Veränderung für Gladbachs Konditions- und Fitnessspezialisten. Nur selten ging es in den Englischen Wochen in den Belastungsbereich. Doch auch seit dem Jahreswechsel gibt es für Luisser nicht unbedingt einen Paradigmenwechsel. „Sprinttraining haben wir auch unter Lucien gemacht. André arbeitet viel mit Spielformen. Wichtig ist deshalb, mein Training an seinen Übungen auszurichten und nicht auch noch mit vielen Stopps and Goes zu operieren, wenn er das zuvor in seinen Übungen gemacht hat.“

Die Rückrunde entscheidet darüber, wie stark er in der kommenden Saison seine originäre Arbeit einbringen kann. Dennoch richtet er seine Wünsche fußballerisch aus. Was würde ihn im Sommer also zufrieden zurückblicken lassen? „Champions-League-Qualifikation“, lautet die prompte Antwort. „Und das Gefühl, dass die Jungs meine Arbeit annehmen, die Früchte zu sehen und ihre Werte verbessert sind.“ Und als Koordinationsfachmann bringt er auch Fußball und Athletik, Siege und Körperentwicklung zusammen: „Ohne dass der Serotonin-Spiegel hoch ist, brauchst du sie gar nicht erst trainieren.“ Einfache Übersetzung, die auch für das Duell mit Dortmund gilt: Drei Punkte lassen die Brust schwellen.

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