Gladbacher Höhenflug mit Tiefgang

Von: Bernd Schneiders
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Das Entscheidungstor: Christoph Kramer dreht jubelnd ab, nachdem er den Ball zum 2:0 über die Linie gezwungen hat. Foto: Dieter Wiechmann

Mönchengladbach. Fast muss man der Mönchengladbacher Mannschaft dankbar sein, dass sie beim sehenswerten 3:0 über Hannover 96 ein paar schwache Phasen einstreute. Der Sprung von einem „Übergangsjahr“, wie Borussias Sportdirektor Max Eberl die letzte Saison nennt, zu einer erneuten Hochzeit, womöglich noch besser als in der Reus-Ära, wäre zu schwindelerregend gewesen.

Doch die neue Offensiv-Pracht war auch so schon beeindruckend genug. „Das Gladbacher Spiel war von großer Kreativität geprägt“, schnalzte sogar Mirko Slomka mit der Zunge. Und es hätte nicht viel gefehlt und der 96er-Trainer hätte sich in die Aussage verstiegen, gegen diesen Gegner wäre kein Kraut gewachsen gewesen.

Da wäre er als sportlich Verantwortlicher fein raus gewesen. Aber die Niedersachsen spielten nicht gegen den FC Bayern. Und auch wenn Slomka noch nachschob – „Respekt vor Borussia: Es war großartig anzusehen, wie sie uns in Schwierigkeiten gebracht haben“ –, dass die 96er in Gladbachs schwachen Minuten nicht zumindest den Anschlusstreffer erzielt haben, lag an ihnen selbst und einer brillanten Doppel-Reaktion von Manuel Neuer, pardon: Marc-André ter Stegen.

Lucien Favre scheint mit Raffael und Max Kruse sein „missing link“ gefunden zu haben, die Spieler, die Ballbesitz mit Torgefahr verbinden. Beide Offensivkräfte bringen die Qualität ein, ohne die ein Tiki-Taka leerläuft: Kreativität und Tiefe, zumindest an diesem Tag. Etliche Szenen ließen sicherlich auch das Herz des Schweizer Tüftlers hüpfen.

Doch die endlich gefundene Tiefe besiegt nicht die Höhen-Angst. „Man darf das alles nicht zu hoch hängen“, versicherte Kruse bemüht erdnah. „Wir haben heute längst nicht alles richtig gemacht.“ Das wird bei den Ansprüchen eines Lucien Favres eh auf ewig unerreichbar bleiben. Der 55-Jährige gab durchaus zu, „das war spielerisch sehr, sehr gut“. Aber die Probleme in Darmstadt und München sind für Favre nicht nur auf seinen CDs zur Spielanalyse präsent. „Es war ein 3:0 gegen Hannover – mehr nicht!“

Lehrbuchhafter Rückpass

Die Effektivität, die seine Offensivreihe am Samstag anders als zuvor gegen die Bayern gezeigt hat, muss wiederholt werden. Das wird nicht immer so spektakulär gelingen wie gegen die Slomka-Elf. Der nächste Test ist am Samstag in Leverkusen – schon eine andere Hausnummer als Hannover.

Doch dass Gladbach an spielerischer und kreativer Qualität zugelegt hat, ist unübersehbar. Die Ballbehandlung von Raffael ist eindrucksvoll und befähigt den Brasilianer, sogar unter Druck den Ball auch gegen drei Gegner zu behaupten. Lehrbuchhaft seine Übersicht beim Rückpass von der Torauslinie zu Kruse, den dieser eiskalt zum 1:0 verwandelte (20.). Max Kruse findet die Lücken wie ein Wildschwein die Trüffel.

In der Verfassung von Samstag ist dieses Duo ein Alptraum für eine Innenverteidigung: Durch ihre Flexibilität, Technik, Spielintelligenz und gedankliche Schnelligkeit glitschen sie den Verteidigern immer wieder wie Fische durch die fangbereiten Hände. Da kommt bei ihnen schnell die Sehnsucht auf nach einem orthodoxen, körperlich starken Mittelstürmer – einem echten Neuner.

Da passt es, dass Kruse, der auch den Handelfmeter (Daems zum 3:0/66.) erzwang, vor dem Entscheidungstor, dem 2:0, eiskalt wie ein Fisch blieb. Nach seinem abgeblockten Schuss wartete er sekundenlang, um dann mit einem Schlenzer aus spitzem Winkel Salif Sané zu einem Pfostenschuss zu zwingen. Nutznießer – Christoph Kramer, der den Ball über die Linie zwang (53.). „Du brauchst den Willen“, beschrieb Favre diese Leistung des dritten Neuzugangs. Und auch eine Pferdelunge. Damit bildet der Leih-Spieler eine perfekte Ergänzung zur spielerischen Brillanz des Duos Raffael/Kruse.

Kramers Suche nach der Balance

„Er muss von Box zu Box das Spiel machen“, beschreibt Favre die Aufgabe eines Sechsers. Dann muss Kramer ein Super-„Boxer“ sein. In einem Moment nicht nur am oder im gegnerischen Strafraum (box), sondern sogar an der Torlinie, um im nächsten Moment als Libero für die überspielten Innenverteidiger am eigenen Tor zu retten.

Der Mittelfeldspieler kann das, aber nicht über 90 Minuten. „Der Trainer hat mir gesagt, dass ich noch die Balance zwischen Offensive und Defensive finden muss.“ Die Kraft einteilen – Arango, der durch die spielerische Seelenverwandtschaft mit Raffael sichtlich aufblüht, gelang das trotz seiner Reisestrapazen.

In dem Moment, als aber Amin Younes für ihn ins Spiel kam (77.), fiel der nicht mehr einsame Edeltechniker förmlich in sich zusammen. Auch der Mann mit dem brillanten Linksfuß weiß, dass er nicht mehr Gladbachs alleiniger Hüter der spielerischen Klasse ist. Konkurrenz macht Beine. Und auch Flügel. „Vielleicht sollte ich Arango jedesmal nach Venezuela fliegen lassen“, griemelte Lucien Favre. „Wenn er dann immer so spielt . . .“

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