Ein Leichtgewicht macht es 96 zu schwer

Von: Bernd Schneiders
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Tor-Tanz: Ibrahima Traoré (links) feiert mit Vorlagengeber Mahmoud Dahoud das 1:0. Foto: dpa

Mönchengladbach. Basisdemokratie führt nicht zwanghaft auf einen Erfolgsweg. Das muss André Schubert gespürt haben, obwohl er zum Arbeitsauftakt als Favre-Nachfolger eine andere Erfahrung gemacht hat. Vor sieben Wochen beteiligte er die Bundesliga-Mannschaft von Borussia Mönchengladbach bei der Neuorientierung hin zu einer neuen Spielweise.

Das mündete in der höchsten deutschen Spielklasse in sechs Siegen in Folge und einem Unentschieden. Während der achten Partie aber entschied sich der 44-Jährige gegen ein Plebiszit, stattdessen für sein Bauchgefühl. Hätte Schubert in der 60. Minute gegen Hannover im Borussia-Park per Akklamation über die erste Auswechslung abstimmen lassen, es hätten sich bei der Nennung von Raffael alle 52.000 Arme in den Himmel gereckt.

Doch André Schubert ließ den an diesem Samstagnachmittag arg schwächelnden Brasilianer auf dem Feld – und wurde dafür mit dem Sieg belohnt. Nach einem Pass von Innenverteidiger Andreas Christensen gelang Raffael der Schuss aus sechs Metern über die Torlinie: 2:1 für die Borussia in der 84. Minute – ach ja, und der erste Dreier von André Schubert als Cheftrainer.

Doch das hörte der ehemalige U 23-Trainer am Samstag gar nicht gerne. Die Frage nach seiner Gefühlswelt angesichts dieses „historischen Moments“ lenkte er sichtlich genervt – die wochenlangen Nachfragen nach einem neuen Vertrag lassen grüßen – auf den Sport. „Ich will darauf gar nicht mehr antworten. Es geht um die Spieler. Die machen einen super Job.“

Also hören wir auf den jungen Trainer, der bisher so erfolgreich zu pendeln versteht zwischen sachlichen und emotionalen Entscheidungen. Und dabei landet man automatisch bei Ibrahima Traoré. Will man den Sieg, der so lange auf des Messers Schneide stand, personalisieren: Der Nationalspieler aus Guinea bietet sich am ehesten an.

Seine Tempoläufe, seine Zuspiele und schließlich auch sein Tor zum 1:0, bei dem er eine perfekte Seitenverlagerung von Mahmoud Dahoud zu einem Außenristkunstschuss durch die Beine von Hannovers Torhüter Ron-Robert Zieler nutzte (34.), machten den Sturmsprinter zur auffälligsten Person auf dem Platz. „Ich muss nicht immer nur die Linie rauf- und runterrennen“, erklärte das 61-Kilo-Leichtgewicht seine Leistungsexplosion. „Jetzt darf ich auch mal nach innen gehen.“

Weniger spektakulär, aber genau so wertvoll erwies sich wieder einmal Fabian Johnson. Der US-Nationalspieler hielt mit seinem perfekten Mix aus Offensiv- und Defensivkünsten die Defizite seiner Kollegen im Rahmen. Häufiger als ihm lieb sein konnte, musste er gefährlich in Richtung Gladbacher Tor vorstoßende 96er ablaufen. Womit man nach der Personalisierung beim Kollektiv-Problem ist. Die Kompaktheit ist irgendwo zwischen dem Ingolstadt-Spiel vor zwei Wochen und der Partie gegen Hannover verloren gegangen. Selten haben die Gladbacher einem Gegner so viel Möglichkeiten gewährt wie den Niedersachsen.

„Wir haben nicht ins Positionsspiel gefunden und nicht gut aufgebaut“, kritisierte Schubert. Sein Torhüter, der mit etlichen Paraden eine Bestrafung dieser überraschenden Schwächen verhinderte, glaubt den Grund zu kennen. „Nach einer Länderspielpause ist es schwierig, wieder reinzukommen“, glaubt Yann Sommer, der zuvor wie etliche seiner Kollegen bei der Nationalmannschaft weilte. Eine recht überraschende Theorie.

Bei einer Liebesbeziehung facht eine räumliche und zeitliche Trennung die Gefühle verstärkt an. Bei einer Arbeitsgemeinschaft führt sie beim Wiedersehen offensichtlich zur Entfremdung. Sowohl in der Vorwärts- als auch in der Rückwärtsbewegung waren die Distanzen zwischen den einzelnen Schubert-Schülern zu groß. Diese Kontaktprobleme der wiedervereinten Borussen boten den Gästen ungeahnte Räume.

Der junge Däne Uffe Manich Bech hätte dies siegbringend nutzen können. Doch seine Durchbrüche blieben ertraglos. „Ich werde einem 20-Jährigen nicht den Vorwurf machen, zwei Mal vor dem Tor die falsche Entscheidung getroffen zu haben“, sagte Hannovers Trainer Michael Frontzeck, der „unser bestes Auswärtsspiel“ gesehen hatte. Lediglich Lasse Sobiech bestrafte die Gladbacher Defensiv-Unzulänglichkeiten nach einer Ecke mit einem Stocherball zum 1:1 (65.).

Am Mittwoch in der Champions League wird Gast FC Sevilla nicht so zurückhaltend sein wie die 96er. Aber vielleicht bekommt André Schubert in den drei Tagen die Probleme ja abgestellt oder zumindest reduziert. Offensichtlich liegen ihm Crashkurse während Englischer Wochen mehr als Blockunterricht in Länderspielpausen.

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