Ein „gefundenes Fressen“ für den BVB

Von: Bernd Schneiders
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Nicht zu fassen: Ein paar Sekunden nach seiner Einwechslung erzielt Dortmunds Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang den Ausgleich und überwindet auch Gladbachs Abwehrchef Andreas Christensen. Foto: imago/Revierfoto

Mönchengladbach. „Ich würde gerne noch mal gegen Euch spielen“, raunte Thomas Tuchel seinem Kollegen Dieter Hecking zu, als sie gemeinsam das Presskonferenz-Podium verließen. Eine Nettigkeit mit Interpretationsspielraum. Gerade hatte Borussia Dortmund bei Borussia Mönchengladbach 3:2 gewonnen.

Tuchel wollte auf diesem Wege womöglich seiner und der anderen Borussia Mut zusprechen: Am Dienstag trifft die Hecking-Elf im Halbfinale des DFB-Pokals auf Eintracht Frankfurt. Tags drauf muss der BVB bei den Bayern ran. Setzen sich die Kontrahenten vom Samstag durch, kommt es zwischen den Borussias zu einem Wiedersehen am 27. Mai im Berliner Olympiastadion, dem traditionellen Finalort.

Als Wunschgegner könnte man die Gladbacher demnach bezeichnen, ein vergiftetes Kompliment. Speziell nach der 2:3-Niederlage der Elf vom Niederrhein am 30. Spieltag der Bundesliga. Denn in der Form von Samstag stellen Stindl & Co. ein gefundenes Fressen dar für titelhungrige Teams. Gladbach schaffte es, in der ersten Halbzeit so mies zu spielen, dass sie damit den Anspruch auch auf nur das kleinste Erfolgserlebnis verloren hatten, und es gab so auch keinen Anlass zum Wehklagen, dass der Dortmunder Siegtreffer „unglücklich“ in der 87. Minute fiel. „Das war nicht die Borussia, die wir in der Rückrunde gewesen sind“, ätzte Tobias Strobl. Und forderte „wieder mehr Leidenschaft“ ein.

Auf dem Irrweg

Die zeigte verblüffenderweise der Gast aus dem Ruhrgebiet, trotz der schockierenden Erlebnisse und der Strapazen nebst Misserfolgserlebnis drei Tage zuvor in der Champions League. Die Hecking-Zöglinge konnten sich dagegen eine Woche lang ausgiebig auf das Borussen-Duell vorbereiten. Anzumerken war es ihnen nicht, weder körperlich noch taktisch.

Obendrein verweigerten sie sich den Hilfestellungen ihres Fußballlehrers. Der musste mit ansehen, wie Dortmund seine Eliteklasse durch aggressives Forechecking und eine extrem hoch und riskant aufgebaute Fünferkette in der Abwehr völlig aus dem Spiel nahm. Ausrutscher, Stock-, Abspielfehler pflasterten Gladbachs Irrweg. Die Defensivreihe des BVB mal zu überloben kam niemanden in den Sinn, auch nicht, mit einem simplen Doppelpass zu versuchen, in den Rücken von Schmelzer & Co. zu kommen. „Wir wollten kompakt spielen, waren aber viel zu passiv“, kritisierte Hecking. Noch ärger aber war der kollektive „Ungehorsam“: „Obwohl wir schon nach kurzer Zeit die Anweisung gegeben haben, nicht mehr hinten herauszuspielen, sondern den langen Ball zu wählen, ist das nicht durchgekommen zu den Leuten.“

Wie ein Wunder kam sein Team aus dieser Not zur Halbzeit mit einem 1:1 heraus. Ein von Marco Reus verwandelter Foulelfmeter (10.) war die einzige Ausbeute der schwarz-gelben Dominatoren, der Ausgleich „ein halbes Eigentor“, wie Tuchel zu Recht befand: Der eingewechselte Mikel Merino lieferte mit einem Fehlpass den bis dahin nicht für möglich gehaltenen Beweis, dass André Hahn doch ein Zuspiel an den Mann, hier Lars Stindl, bringen kann. Der Kapitän nutzte den unerzwungenen Patzer zum 1:1 (43.).

Gladbach wurde nach der Pause besser, wenn auch nicht taktisch klüger. Schmelzers „komplettes“ Eigentor (48., Vorarbeit Oscar Wendt) lockte die Gastgeber aus der unorganisierten Reserve, doch mit der unverdienten Führung konnten sie ebenfalls nicht umgehen. Statt „mehr Ruhe reinzubringen, lieferten wir uns einen offenen Schlagabtausch“, mäkelte Hecking. Der eingewechselte Pierre-Emerick Aubameyang nutzte dies leichtfüßig zum 2:2 (59.). Ein Kopfballtor von Raphael Guerreiro bedeutete den gerechten Schlussakkord in einem Fußballfestival, in dem auch Dortmund nicht alles gelang. „Wenn du in der 87. Minute einen Standard gegen dich kriegst, muss jeder wach sein“, analysierte der Gladbach-Coach. „Da darf es nicht sein, dass Guerreiro mit 1,70 Metern ein Kopfballtor macht.“ Kann aber passieren, wenn kurz zuvor der 1,77 Meter große Julian Korb für den 1,88 Meter großen Nico Elvedi aufs Feld kommt.

Gepfiffen wurde beim Wechsel nicht. Anders als zuvor, als Hecking Mo Dahoud rausnahm. Der Bald-Dortmunder wirkte so abwesend wie er es erst ab Juni sein wird. Dazu passte sein Foul (Pulisic) an oder auf der Strafraumlinie, das zum Strafstoß führte. „Wenn sie meinen, sie müssen ihre eigenen Spieler auspfeifen, dann sollten sie zuhause auf der Couch bleiben. Das war Mo gegenüber unwürdig“, kritisierte Strobl die Fans.

Eine niedliche Variante zum Thema Lieblings-Pokalgegner lieferte der Ex-Gladbacher Reus direkt vor der Heimfahrt. „Spielt ihr am Dienstag?“, fragte der Torschütze Pressesprecher Markus Aretz. Der Medienboss seines ehemaligen Klubs bejahte, leicht irritiert über das Nichtwissen. Das „Schade!“ muss Reus wohl nur laut gedacht haben.

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