Dieter Hecking: „Wie schon im letzten Jahr fehlt die letzte Gier“

Von: Marc Basten
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Wer möchte in die Erste Elf? Die Auswahl für Mönchengladbachs Trainer Dieter Hecking (l.) ist in diesem Sommer besonders groß. Foto: imago/DeFodi

Rottach-Egern. Zum sechsten Mal in Folge bezogen die Gladbacher Borussen ihr Sommertrainingslager in Rottach-Egern. Örtlichkeiten und Abläufe waren bestens bekannt, auch das Wetter am Tegernsee spielte wieder mit. Für den emotionalen Höhepunkt der Woche sorgte jemand, der vier dieser sechs Aufenthalte der Borussen mitgestaltet hat, bevor er im September 2015 fluchtartig aus Mönchengladbach türmte: Ex-Trainer Lucien Favre.

Der Schweizer, mittlerweile äußerst erfolgreich in Frankreich bei OGC Nizza tätig, reiste mit seinem Team zum Testspiel an. Das erste öffentliche Wiedersehen fiel ausgesprochen herzlich aus, alle ehemaligen Weggefährten bereiteten ihm einen warmen Empfang, die zahlreichen Fans sowieso. Favre war sichtlich gerührt und rang teilweise um Fassung angesichts der Sympathiewellen.

Doch bevor es zu viel mit der Gefühlsduselei wurde, holte Favre seinen ehemaligen Verein wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Durch zwei späte Tore siegte Nizza mit 2:1 und schärfte die Sinne aufseiten der Gladbacher. Die Niederlage hatte, genauso wie das Remis wenige Stunden zuvor gegen den englischen Zweitligisten Leeds United, damit zu tun, dass beide Gegner kurz vor dem Pflichtspielauftakt stehen, während die Borussen mitten in der Vorbereitung stecken. „Am Ende haben die Körner gefehlt“, sagte Trainer Dieter Hecking, der sich dennoch etwas ärgerte. „Ich hätte mir schon gewünscht, dass ein bisschen mehr geht.“

Hecking konnte am Tegernsee erstmals nach dem Urlaub in nahezu kompletter Besetzung trainieren. „Wir konnten alles so durchziehen, wie wir es uns vorgenommen hatten“, zog er ein zufriedenes Fazit. „Es war wichtig, aus der intensiven Woche ohne Verletzungen herauszukommen.“ Hecking nutzte die Gelegenheit, neben physischen Grundlagen verstärkt im taktischen Bereich zu arbeiten. Das 4-4-2 System, das der 52-jährige nach seiner Amtsübernahme im Winter wiederbelebte, soll zumindest situativ ergänzt werden. Daher wurde eine Formation mit Dreier- bzw. Fünferkette einstudiert und auch in den Testspielen praktiziert.

Dabei wurden einige Abstimmungsschwierigkeiten deutlich, was Hecking „als ganz normal“ einstufte. „Es ist doch klar, dass nicht sofort alles reibungslos funktioniert. Dafür trainieren wir und insgesamt gab es schon deutliche Fortschritte. Wir werden weiter daran arbeiten, damit Sicherheit in die Abläufe kommt.“

Neben der Erweiterung des taktischen Repertoires ging es natürlich auch um die Integration der neuen Spieler. Borussias Toptransfer Matthias Ginter fehlte zwar noch, doch die weiteren Neuzugänge gaben durchaus vielversprechende Visitenkarten ab. Vor allem der erst 17-jährige Mickaël Cuisance machte auf sich aufmerksam. „Der Junge macht schon Spaß“, sagte Hecking. „Er tritt auf, als wäre er 22. Man sieht genau, dass er weiß, wie es geht.“

Ein wenig treten sie bei Borussia auf die Bremse, was den jungen Franzosen betrifft. Dennoch schließt Hecking nicht aus, dass der Mittelfeldspieler eine ernsthafte Alternative für den Pflichtspielauftakt werden könnte. Das gilt noch mehr für Denis Zakaria (20). Der Schweizer deutete an, dass er im zentralen defensiven Mittelfeld eine wirkliche Verstärkung werden kann, selbst wenn er sich noch an einige Abläufe im Gladbacher Spiel gewöhnen muss.

Auch Angreifer Julio Villalba (18) aus Paraguay sowie der für ein Jahr aus England ausgeliehene Innenverteidiger Reece Oxford (18) lassen zumindest Potenzial erkennen. Borussia hat hier spannende Transfers getätigt, deren Nachhaltigkeit sich jedoch erst noch zeigen muss. Der ehemalige Freiburger Vincenzo Grifo (24) ist dagegen schon sehr weit, er wird den kreativen Spielraum erweitern und gleichzeitig den Konkurrenzkampf im offensiven Bereich anheizen.

„Im Moment bin ich sehr zufrieden mit dem Leistungsstand“, erklärte Hecking. „Wir haben eine hohe Dichte im Kader und die gilt es, auf den Platz zu bringen.“ Dabei könnte es durchaus einige Härtefälle geben, sofern nicht das Verletzungspech wieder so gnadenlos zuschlägt wie in der vergangenen Saison. „Es ist die schwierigste Aufgabe für einen Trainer, letztendlich die Entscheidungen zu treffen, was die Aufstellung angeht“, weiß Hecking. „Aber das als Problem darzustellen, wäre total falsch. Es gehört gut moderiert, das wird meine Aufgabe sein.“

Bei aller Zufriedenheit über die Verfassung des Teams blieb auch am Tegernsee das Rätsel ungelöst, wie die Borussen die fehlende Durchschlagskraft im Angriff in den Griff bekommen wollen. In den Trainingseinheiten und Testspielen gab es zwar viele ansehnliche Kombinationen zu sehen, der richtige Abschluss blieb allerdings zu oft aus. Gegen Nizza traf Hazard mit einem Distanzschuss, gegen Leeds Herrmann per direktem Freistoß. „Wie schon im letzten Jahr fehlt die letzte Gier“, bestätigte Hecking. „Das werden wir mit der Mannschaft ausführlich besprechen. Da müssen sich die Typen auf dem Platz entwickeln und das durch Körpersprache untermauern. Es fehlt nicht viel, aber wir hätten gerne noch ein bisschen mehr.“

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