Dieter Hecking: „Ich will temporeichen Fußball sehen“

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
13885285.jpg
Weiß, wo‘s langgeht: Gladbachs neuer Trainer Dieter Hecking hat einen Plan für die nächsten Monate. Foto: imago/Eibner

Mönchengladbach. Einen leichten Job hat sich Dieter Hecking nicht ausgesucht, aber damit hat der neue Trainer von Borussia Mönchengladbach auch nicht gerechnet. Seine Spieler müssten sich erst einmal Erfolgserlebnisse erarbeiten, um Selbstvertrauen zurückzugewinnen, sagt er.

Im Interview spricht Hecking, 52, über seine bisherigen Erkenntnisse, sein bevorzugtes System, die Wichtigkeit der Sechser-Position und die Entwicklungen im Trainergeschäft.

Wenn man die Spiele in Düsseldorf und Darmstadt analysiert, sitzen die Probleme womöglich doch tiefer als Sie gedacht haben . . .

Hecking: Nein, ich bin davon ausgegangen, dass bei einer Mannschaft, die über einen längeren Zeitraum nicht die erhofften Ergebnisse geliefert hat, einiges im Argen liegen muss. Ich habe nicht erwartet, dass Handauflegen reicht und alles wird gut. Das ist viel tiefgründiger, nach so vielen Negativerlebnissen spielt auch die Psyche eine wichtige Rolle. Das, was ich vorgefunden habe, hat mich nicht so negativ überrascht.

Gibt es eine große Diskrepanz zwischen Trainingsleistung und Spiel?

Hecking: Nochmal: Das Darmstadt-Spiel kommt mir etwas zu kritisch weg. Klar, es war ein 0:0 beim Tabellenletzten, aber man muss immer schauen, wie die Situation ist. In der Hinrunde der letzten Saison wäre ein Spiel gegen den Letzten wohl anders ausgefallen. Da war die Mannschaft im Flow, sie hatte Selbstvertrauen. Jetzt ist die Situation ganz anders, kein Flow, personelle Probleme, das erste Spiel unter einem neuen Trainer, der neue Dinge mit einbringt. Und wir haben ein Spiel in Darmstadt, in dem du eigentlich nur verlieren kannst. Nach wie vor wird die Erwartungshaltung der Situation nicht gerecht. Die Erfolgserlebnisse und das Selbstvertrauen müssen wir uns erst zurückerarbeiten.

Ist es übertrieben zu behaupten, es ist ziemlich schwierig, gegen Darmstadt zu verlieren?

Hecking: Mit der Frage kann ich nicht viel anfangen. Auch der Gegner will mit aller Macht noch die Klasse halten. Und mir ist da auch der Respekt Darmstadt gegenüber nicht hoch genug. Sie versuchen, sich auf ihre Urtugenden zu besinnen, nachdem der andere Weg zuvor nicht erfolgreich war. Gerade dieser Punkt in Darmstadt kann für uns im Nachhinein ein wichtiger Punkt sein.

Aber wenn nicht zu Null gegen Darmstadt, gegen wen denn dann?

Hecking: In Augsburg ist im Dezember so ein ähnliches Spiel noch verloren gegangen. Womöglich hat die Mannschaft daran gedacht und gesagt, diesmal nehmen wir lieber den Punkt mit. Das wäre dann zumindest schon mal so etwas wie ein kleiner Reifeprozess.

Sie haben Hofmann überraschend gebracht, Simakala eingewechselt. Bleiben Sie so als neuer Trainer glaubwürdig, der eben keine Erbhöfe akzeptiert?

Hecking: Das war ja das Gute, dass ich ganz unvoreingenommen an die Mannschaft rangehen konnte. Ich habe die Arbeit der ersten 17 Tage beurteilt, und da haben sowohl Jonas Hofmann als auch „Chance“ Simakala einen guten Eindruck auf mich gemacht. Und wenn ich das so wahrnehme, setze ich das in der Regel auch so um.

Hans Meyer und Lucien Favre haben in ähnlichen Notsituationen das Fohlen von hinten aufgezäumt. Ihr Vorgänger, André Schubert, hat es umgekehrt – über die Offensive – versucht. Und ist gescheitert. Wie macht das Dieter Hecking?

Hecking: Es zählt, was man vorfindet. Ich bin immer noch in der Findungsphase. Mein Spektrum an Ergebnissen wird mit jedem Tag reichhaltiger. Im Moment glaube ich, ist es wichtig, erst mal Stabilität reinzubringen, ein System zu finden, in dem sich die Mannschaft wohlfühlt, in dem sie nicht zu häufig wechseln muss. Das ist das eine. Das andere ist: Im modernen Fußball sieht man, dass viele Mannschaften in der Arbeit gegen den Ball hervorragende Dinge machen. Und dass das Offensivspiel dann zum Tragen kommt, wenn alle mitmachen. Die Bayern waren vor vier, fünf Jahren nach hinten anfällig, weil Robben und Ribéry noch nicht mitgemacht haben. Jupp Heynckes hat es dann geschafft, die beiden so zu erziehen, dass sie auch nach hinten mitgearbeitet haben.

Defensive Probleme lassen sich nicht nur auf die Abwehr reduzieren?

Hecking: Nein, ich will, dass jeder Spieler zu jeder Sekunde am Spiel teilnimmt. Auch wenn er nicht in unmittelbarer Ballnähe ist. Richtiges Stellungsspiel, Räume zustellen, nach hinten durchschieben: Das sind alles Dinge, die ich versuche, der Mannschaft zu implantieren.

Hilft dabei die Viererkette?

Hecking: Ich sehe bei uns im 3-5-2 oder 3-4-1-2 so manche Position nicht optimal besetzt. Zumindest im Moment nicht. Deshalb war es naheliegend, so zu spielen, wie wir es in Darmstadt getan haben. Es ist nicht so einfach, mit Dreierkette zu spielen. Im Training hatte ich oft den Eindruck, dass die Spieler auf dem Platz gestanden haben und sich fragten, wer muss jetzt wohin laufen? Das kannst du dir in der Bundesliga nicht erlauben. Das war mir alles nicht klar genug, und deshalb habe ich mich für die andere Variante entschieden.

Wäre es auch eine Option, komplett zum Ballbesitzsystem von Favre zurückzukehren, das die Spieler ja über Jahre eingebläut bekommen haben?

Hecking: Da muss man erst mal bedenken, dass wir nicht mehr die gleichen Spieler haben wie Lucien Favre. Da fällt ein Zurückgreifen sehr schwer: Mike Hanke ist nicht mehr da, Max Kruse nicht, Martin Stranzl, Granit Xhaka, Havard Nordtveit, alle waren prädestiniert für das System. Das waren andere Voraussetzungen. Das waren prägende Figuren.

Wie wird die Handschrift von Dieter Hecking aussehen?

Hecking: Wenn wir uns Stück für Stück verbessern, werden wir sicher den offensiven Stil wieder prägen, für den Borussia steht. Das hat mich als junger Spieler angesprochen, das hat mich immer angesprochen. Diesen temporeichen Fußball will ich wieder sehen.

Sie haben in Wolfsburg mit Dost als echter Spitze gespielt. Was bevorzugen Sie: Strafraum- oder Halbstürmer?

Hecking: Man kann für beide Typen Argumente bringen. Ich war selbst früher Mittelstürmer, und es macht mir immer wieder Spaß, Strafraumstürmer wie Lewandowski oder Gomez zu sehen. Wenn die in Position gebracht werden, haben die halt eine hohe Erfolgsquote. Aber solche Spielertypen sind selten geworden, die müssen wir im Nachwuchs suchen und auch erst mal ausbilden. Es fehlen auch Außenbahnspieler, die im Eins-gegen-Eins mal was auflösen. Deshalb tut es mir auch weh, dass uns derzeit Ibo Traoré fehlt. Die Nachwuchsleistungszentren sind gefordert, dort mehr auszubilden.

Dirk Bremser folgt Ihnen stets als Assistent. Gibt es auch Spieler, die Ihnen folgen könnten?

Hecking: Klar, wenn das mit Kevin De Bruyne möglich wäre – perfekt! Den würde ich sofort wieder nehmen. Aber klar gab es solche Spieler in der Vergangenheit, die mir gefolgt sind: etwa Didavi, mit dem ich erfolgreich in Nürnberg zusammengearbeitet habe und der vom VfB Stuttgart ablösefrei zu Wolfsburg gekommen ist. Das gab‘s auch in Aachen mit Plaßhenrich und Scharping. Grundlegend aber ist, dass ich davon überzeugt sein muss, dass sie uns sportlich weiterbringen. Aus Gefälligkeit wird‘s das nicht geben. Aber es kann schon sein, dass auch mal ein Spieler in Gladbach auftaucht, mit dem ich schon gearbeitet habe.

Hat Gladbach ein zentrales Problem?

Hecking: Die Doppelsechs ist eine wichtige Position. Bei uns können Strobl, Benes, Dahoud und Kramer dort spielen. Strobl ist verletzt, und wir haben mit Mo und Laszlo zwei extrem junge Spieler. Es ist ein Riesen-Vertrauensvorschuss, dass die Verantwortlichen da nicht reagiert haben, weil sie von der Qualität dieser Spieler überzeugt sind. Das ist auch ein Weg von Borussia: solch jungen Profis die Zeit zu geben, in solch schwierige Positionen reinzuwachsen, anstatt ihnen einen neuen Xhaka vor die Nase zu setzen. Natürlich ist Mo Dahoud sehr jung, aber ich hoffe, dass er durch meine Hilfe ein noch besserer Spieler wird. Dass er ein Ausnahmetalent ist, das ist unbestritten. Er ist aber noch längst nicht ausgereift. Wir müssen deshalb aufpassen, dass wir ihm nicht zu viel in seinen Rucksack packen an Dingen, die er im Moment noch nicht leisten kann.

Mit Christoph Kramer ist es ähnlich: Er ist ein sehr umtriebiger Spieler, der bei mir seine Spielweise etwas ändern muss. Er soll nicht pausenlos unterwegs sein, er muss eine strategische Rolle übernehmen, bei der er trotzdem seine läuferischen Fähigkeiten einbringen kann. Auch das traue ich ihm zu. Ich glaube, dass auch er noch längst nicht am Maximum seiner Möglichkeiten spielt. Das sind zwei Spieler, die wahnsinnig interessant sind und mit denen ich gerne arbeite. Wir sollten froh sein, solche Spieler mit Entwicklungspotenzial, wie auch Benes, zu haben und daraus doch kein Problem machen.

Die Position hat aber auch viel mit Erfahrung zu tun.

Hecking: Die Mischung muss stimmen. Bei einem Spiel wie in Darmstadt muss Kramer zur Vaterfigur für Dahoud werden, aber da muss er reinwachsen. Er muss ihn führen, und Mo muss es annehmen.

Angesichts der vielen Laptop-Trainer in der Liga sind Sie mit Ihren 52 Jahren schon ein . . .

Hecking: Sagen Sie es ruhig: ein alter Sack! Aber ich fühle mich überhaupt nicht so.

Aber halten Sie sich angesichts dieser jugendlichen Extrovertiertheit mit Ihrer Ruhe und Zurückgenommenheit für eine Ausnahme?

Hecking: Es wäre schade, wenn dem so wäre. Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Alle reden natürlich gerade über Julian Nagelsmann, der das außergewöhnlich gut macht – in Hoffenheim. Er ist in der Tat ein Ausnahmetalent. Aber es gibt auch etliche andere junge Trainer, die in der Zweiten Liga oder ganz verschwunden sind. Womöglich bekommen sie nie mehr eine Chance. Doch auch die erfahrenen Trainer, die derzeit draußen sitzen, machen sich Gedanken, wie sie eine Mannschaft nach vorne bringen können. Wenn auch auf eine andere Art und Weise. Es wird auch wieder ein Umdenken geben und Erfahrung wird mehr gefragt sein.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert