Die Bayer-Elf spürt den Atem der Borussia

Von: Bernd Schneiders
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Der Fußballlehrer und sein Musterschüler: Gladbachs Trainer Lucien Favre hat aus Christoph Kramer einen perfekt ausgebildeten Jung-Profi geformt. Foto: sport/Moritz Müller

Mönchengladbach. Es war eigentlich ein Festabend für Lucien Favre: Souverän war seine Mannschaft in die K.o.-Runde der Europa-League eingezogen, seine Mannschaft hatte beim 3:0 über den FC Zürich den richtigen Mix aus Kontrolle, Offensivgeist und defensiver Stabilität gefunden.

Und dann waren einem seiner Lieblingsschüler sogar noch zwei beeindruckende Tore gelungen, die seine Mahnungen zu dem mit talentierten und ambitionierten Spielern gefüllten Kader bestätigten: „Vergesst mir Hrgota nicht!“

Allein die Miene des Mönchengladbacher Trainers spielte nicht mit. Nicht einmal das T-Shirt des Betreibers einer Stadionkneipe im Letzigrund, mit dem für Favres Fußballphilosophie programmatischen Namen „Flachpass“, vermochte einen Hauch von Glückseligkeit oder Rührung auf sein Gesicht zaubern. Wahrscheinlich dachte der Weltmeister im Vorausdenken von Eventualitäten still bei sich: „Was wäre gewesen, wenn der gute Mann mit meinem Konterfeitauf seinem T-Shirt einem Verlierer seine Zuneigung und Verehrung demonstriert hätte?“

Und so kramte der Gladbacher Fußballlehrer, während sein Landsmann Granit Xhaka zeitgleich in der Mixed-Zone seine Enttäuschung über den FC Zürich formulierte, lieber in seinen frischen Erinnerungen, bis er fündig wurde: „Als sie nach einem Eckball für uns einen Konter gefahren haben, wenn sie den nur etwas konzentrierter angegangen wären, hätte es gut 0:1 stehen können.“ Lucien Favre aber war der Einzige, dem bei seinen eigenen Worten ein Schauer über den Rücken jagte. Der Tabellenzweite der Schweizer Liga war chancenlos an diesem Abend. Doch Kleinreden ist für den Borussen-Coach ein Zeichen von mangelndem Respekt. Zum Glück erwartet ihn am Sonntag in der Bundesliga mit Bayer Leverkusen ein anderes Kaliber, bar jeder Möglichkeit einer Geringschätzung.

„Sehe uns nicht weit entfernt“

In Leverkusen darf man sich einem benachbarten Bundesligisten reiben, der immer noch dem Klub vom Niederrhein voraus ist – nicht nur tabellarisch -, aber bereits den Gladbacher Atem im Nacken fühlt. „Ich sehe uns nicht soweit entfernt von Leverkusen“, formulierte Max Eberl das neue Mönchengladbacher Selbstvertrauen. Der Sportdirektor traut sich das zu sagen. Seinem Trainer wären jede Menge an Gegenargumenten eingefallen. Viele Duelle zwischen beiden Vereinen fielen in jüngster Zeit pro Werksklub aus. Mit Bayers Gehaltsgefüge kann Borussia nicht mithalten. Und so verlor Max Eberl das Buhlen um Josip Drmic, der so perfekt Favres Vorstellung eines Stoßstürmers entspricht. Oder das Transfergerangel um das Juwel Julian Brandt, der neben der Anziehungskraft der zahlreichen Nullen auf dem Gehaltszettel auch dem Charme eines Rudi Völlers erlag.

Die Personalie Christoph Kramer, der am Freitag bereits wieder trainierte, nachdem er in der Schlussphase des Zürich-Spiels umgeknickt war, passt nur bedingt in diese Reihe. Natürlich bietet Leverkusen dem Mittelfeldspieler mehr Geld als Gladbach kann oder will. Anders als Drmic oder Brandt hat das Mitglied der Weltmeistermannschaft einen Vertrag mit dem Werksklub. Wenn Bayer ihn ziehen lässt, dann nicht zu dem Bundesligisten, der dabei ist, am Thron des Nachbarn zu rütteln.

Kramer ist ausgeliehen, und Leverkusen erhält einen von Entwicklungsexperten Favre (fast) perfekt ausgebildeten Jung-Profi zurück, dessen Qualitäten sie selbst ausschöpfen oder weiterverscherbeln können. Nur am Sonntag zählt all dies noch nicht. Noch im Gladbach-Trikot kann Christoph Kramer seinen Besitzer ärgern. Doch Favres Mannschaft hängt nicht ab von seinen Qualitäten – anders als die Bayer-Elf einst von der Form eines Sidney Sam oder aktuell eines Karim Bellarabi. Darin ist Gladbach den Leverkusenern bereits überlegen.

Mögliche Aufstellung: Sommer - Korb, Stranzl, Jantschke, Dominguez - Kramer, Xhaka - Hahn, Herrmann - Kruse, Hazard

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