Der seltsame Mijnheer van der Kroft ist tot

Von: Jochen Schmitz
Letzte Aktualisierung:
Leo van der Kroft
Der frühere FIFA-Schiedsrichter Leo van der Kroft ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Foto: Nationaal Archief

Mönchengladbach. Vor 40 Jahren hatte ein niederländischer Schiedsrichter etwas gegen Gladbachs Erfolg gegen Real Madrid. Danach musste er büßen. Jetzt meldet die Uefa, dass er im Alter von 87 Jahren gestorben ist.

Es gab schon freudvollere Abende im Leben des Fußballprofis Rainer Bonhof als jenen im März vor 40 Jahren. Am liebsten würde der Gladbacher, damals 23 und schon Weltmeister, das Spiel im Bernabeu aus seinem Gedächtnis streichen. „Aber das kann man nicht. Es ist so, wie es ist. Es bleibt haften“, sagt Bonhof, heute 63 und Vizepräsident von Borussia Mönchengladbach, unserer Zeitung. „Dieses Spiel am 17. März 1976 ist Teil der Vereinshistorie.“

Es gehört zu den magischen Europapokal-Nächten. Ohne Happy End und trotz eines spielerischen Feuerwerks der Gladbacher zu den schwärzesten Stunden des Niederrhein-Klubs. Wie auch der legendäre Büchsenwurf am Bökelberg viereinhalb Jahre zuvor – mit der späteren Annullierung des 7:1 gegen Inter Mailand. Als dessen Star Roberto Boninsegna – angeblich getroffen von einer leeren Cola-Dose – mit einem theatralischen Auftritt den späteren Europapokal-K.o. des VfL einleitete.

„Es war der Tag, an dem die Borussia verschaukelt wurde“

An jenem 17. März 1976 war alles noch schlimmer: Das skandalöse Geschehen im Estadio Santiago Bernabeu spielt sich innerhalb der 90 Minuten ab. Nach dem 2:2 im Viertelfinal-Hinspiel des Landesmeisterpokals in Düsseldorf ist Real (mit Günter Netzer und Paul Breitner) favorisiert. Im Rückspiel schreien sich die „Aficionados“, die Anhänger der Madrilenen, vor dem Anstoß die Kehlen heiser. 120 000 Zuschauer sorgen für eine atemberaubende Kulisse. „Es war die Hölle, von Beginn an eine hitzige Atmosphäre. Die zweite Hälfte werde ich nie vergessen“, erinnert sich Gladbachs Mittelfeld-Laufwunder Hacki Wimmer 40 Jahre später.

Nichts deutete darauf hin, das ein gewisser Leonardus van der Kroft, ein international erprobter Schiedsrichter aus Den Haag, die Hauptrolle an sich reißen und mit seinem Linienrichter-Kollegen Ben Hoppenbrouwer die Gladbacher am Ende zweimal entscheidend benachteiligen würde – wie die Fernsehbilder zweifelsfrei belegten. „Es war der Tag, an dem die Borussia verschaukelt wurde. Wir waren raus aus dem Landes-Meisterpokal und verstanden die Welt nicht mehr“, ereifert sich Bonhof, der in zwei Skandalspielen (Mailand, dann Madrid) dabei war, rückblickend.

Zur Pause hatte Gladbach gegen Real noch mit 1:0 geführt. Nach einem umstrittenen Freistoß machte Santillana den Rückstand wett, nun war Real weiter. In der 69. Minute erzielte Henning Jensen nach Vorarbeit von Klinkhammer die 2:1-Führung für die Gäste. Dachte man. Während Assistent Hoppenbrouwer Tor signalisierte, entschied van der Kroft auf Abseits. „Eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit“, findet Wimmer noch heute: „Ein absolut regulärer Treffer.“ Das aber war noch nicht die „Krönung“ der seltsamen Entscheidungen des Mijnheer van der Kroft: Sieben Minuten vor dem Abpfiff staubt Hans-Jürgen Wittkamp zum „erneuten“ 2:1 ab. Diesmal hat van der Kroft den Durchblick, lässt sich aber von Hoppenbrouwer überstimmen, der ein Foulspiel des Torschützen gesehen haben will. Es bleibt beim 1:1, Real steht wegen der mehr erzielten Auswärtstore im Halbfinale.

Van der Kroft muss nach dem Spiel für seine Fehler büßen

In den Katakomben des Fußball-Tempels fiel nach dem Abpfiff so manches unschöne Wort. Trainer Udo Lattek kochte, Manager Helmut Grashoff war mit seinen Gedanken schon einen Schritt weiter. Wieder in Deutschland angekommen, legte der Bundesligist zügig Protest ein. Vergeblich. Die Uefa schmetterte die Klage nach langen Beratungen ab. Lapidare Begründung: Tatsachenentscheidung. Kosten der Gladbacher: 22 000 Mark.

Doch das war’s noch nicht: Van der Kroft bekam kurz danach die „Quittung“. Für das Olympische Fußballturnier in Montreal wurde der Niederländer von der Liste der Unparteiischen gestrichen, seine internationale Karriere als Schiedsrichter endete. Selbst im eigenen Land wurde er nur noch als Funktionär geduldet. Zu den skandalösen Vorfällen im Bernabeu-Stadion wollte sich der nun verstorbene van der Kroft, so richtete er dem holländischen Verband (KNVB) aus, nicht mehr äußern. Dem „Spiegel“ sagte er vor zehn Jahren: „Ich bin mit mir und den deutschen Schiedsrichter-Kollegen im Reinen.“

Borussia Mönchengladbach hat den Schmerz nach der schwarzen Nacht von Madrid schnell überwunden und feierte drei Monate später die vierte Deutsche Meisterschaft – es war der erste Titel unter der Leitung der Trainerkoryphäe Udo Lattek.

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