Cheftrainer Schubert über seinen „Aufstieg“ und seine Ideen

Von: Bernd Schneiders
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Große Aufgabe vor großem Hintergrund: André Schubert will auch als Cheftrainer weiter mit Borussia erfolgreich sein. Foto: Moritz Müller

Mönchengladbach. Auch auf dem Papier ist André Schubert nun Cheftrainer – von Borussia Mönchengladbach. Als Interimslösung hatte der 44-Jährige wochenlang die Fachwelt und auch seine Vereinsbosse mit attraktivem und erfolgreichem Fußball verblüfft und letztendlich überzeugt.

Dabei gilt für den ehemaligen U 23-Coach nach wie vor seine Erkenntnis: „Wir sind doch alle Interimstrainer.“ Will heißen: Die Arbeit eines Fußballlehrers in der Bundesliga ist endlich. So wie auch jede Serie. Doch heute gegen Hannover 96 will Schubert nichts davon wissen. In sieben Bundesligaspielen seit Schuberts Amtsantritt hat Borussia nicht verloren. Mit der skurrilen Möglichkeit, ausgerechnet in seinem ersten Spiel als Cheftrainer erstmals zu verlieren, beschäftigt er sich nicht: „Wir tun alles dafür, gegen Hannover erfolgreich zu sein.“

Max Eberl hat zugegeben, eigentlich eine andere Idee im Kopf gehabt zu haben. Wie konnten Sie ihn davon abbringen?

Schubert: Es war wohl besonders die Art und Weise, wie wir Fußball spielen in den vergangenen Wochen. Ich glaube, er hat gesehen, wie wir sie im Training erarbeiten, was für einen Plan wir haben, wie wir das den Jungs mitgeben haben, wie sie es im Spiel umsetzen. Das hat auch die Zuschauer begeistert.

Sogar bei Niederlagen?

Schubert: Unabhängig davon, ob wir gewonnen haben, was häufig vorkam. Gegen ManCity verlierst du zu Hause, und dennoch gehen alle nach Hause und sagen : Boh! Super Spiel! Gegen Juve genauso. Das ist das, was wir wollen. Das ist auch, was dem Verein gefällt. Deshalb ist auch die Entscheidung so gefallen.

Hatte Eberl aufgrund der Ergebnisse überhaupt noch eine andere Chance?

Schubert: Man hat immer eine andere Chance. Er ist ja Herr seiner Sinne, und der Verein hat doch in der Hand, was er macht. Die Frage ist immer, wie weit man sich vom Druck beeinflussen lässt. Der Verein vermittelt mir den Eindruck, dass er sich nicht so sehr davon beeinflussen lässt, sondern danach entscheidet, was gut ist für den Klub.

Es gibt Stimmen, die nach dieser Entscheidung von einem Risiko sprechen.

Schubert: Im Fußball hat doch schon alles mal funktioniert: junge Trainer, alte Trainer, erfahrene Trainer, unerfahrene Trainer, und genauso haben all die schon mal nicht funktioniert. Es gibt für alles Beispiele im Fußball. Der Verein muss immer gründlich überlegen, welcher Trainer in welcher Situation zum Verein passt. In Gladbach haben wir noch die außergewöhnlich gute Situation gehabt, dass man über sechs, sieben Wochen sich kennenlernen konnte. Nicht nur der Verein mich, sondern ich auch den Verein. Ich hab ja auch eine gewisse Erwartungshaltung. Und habe hier gemerkt, dass die Arbeit eine sehr seriöse, eine sehr ruhige ist, selbst in dieser schwierigen Phase. Ich habe vor kurzem zu Max Eberl gesagt, eigentlich müsste man es immer so machen, dass alle sich so kennenlernen. Schließlich sind auch Informationen keine Garantie, dass es funktioniert. Erinnern Sie sich an Klinsmann damals bei Bayern München. Bekannt ohne Ende, man weiß alles über diesen Menschen, er ist der große Heilsbringer. Und dann passt es plötzlich aufgrund verschiedener Dinge doch nicht.

Sich ein fundiertes Urteil zu bilden, ist auch für viele Beobachter schwierig, oder?

Schubert: Es ist schwierig, weil man die meisten die Dinge ja nur von außen betrachten kann. Deshalb bewegt sich bei den Medien vieles im Bereich der Spekulation. Das ist ganz normal, davon lebt der Fußball ja auch. Auch hier. Aber glaubt denn beispielsweise jemand ernsthaft, die Mannschaft hätte gegen Lucien gespielt? Das ist völliger Käse.

Sie haben erklärt, Ihr Lebensglück hinge nicht von einem Job in der 1. oder 2. Liga ab. Prompt wurde Ihnen Unaufrichtigkeit unterstellt.

Schubert: Ich glaube, man kann anhand meines Lebensweges sehen, was ich will. Das, was ich in Gladbach gesagt habe, habe ich auch schon bei St. Pauli gesagt, auch in Paderborn gesagt. Ich war selbst kein Profifußballer. Ich habe im höchsten Amateurbereich gespielt und mir immer das Lebensziel gesetzt, einmal auf einem guten Niveau im Fußball arbeiten zu dürfen. Anfang des Jahrtausends waren in den Vereinen die Posten besetzt durch ehemalige Profis, die Leistungszentren wurden gerade erst eingerichtet. Es gab noch gar nicht so viele Jobs in diesem Bereich. Es ist dann explodiert in den folgenden Jahren. Da war es für mich nicht selbstverständlich, dass ich im Fußball arbeiten darf. Für mich galt: Ich bin dankbar, wenn ich mich im Fußball beruflich verwirklichen kann, auf einem ordentlichen Lebensniveau.

Mit dem Job beim DFB waren Sie aber dann doch nicht glücklich?

Schubert: Jugendnationaltrainer zu sein, ist ein fantastischer Beruf. Und wer weiß, wenn ich für eine andere Altersklasse verantwortlich gewesen wäre, wäre ich heute vielleicht gar nicht hier. Ich wollte aber gerne eine Mannschaft entwickeln, und das ist im U 15-Bereich kaum möglich. Da geht es um Sichtungsarbeit. Deshalb war der Weg zur Borussia der richtige Schritt.

Frei von höheren Ambitionen?

Schuster: Wenn man zu Anfang der Saison zu einem Verein gehen konnte, bei dem der Trainer sicher im Sattel saß, dann war das Borussia Mönchengladbach. Obendrein hat der Verein alles dafür getan, Lucien zu halten. Ich habe nicht auf irgendwas spekuliert, nicht auf irgendwas hingearbeitet, die Arbeit im U 23-Bereich hat super Spaß gemacht. Ich habe in meinem Leben gelernt, dass sich Dinge einfach ergeben, wenn du gute Arbeit machst und es wenig Sinn macht, auf irgendwas hinzuarbeiten.

Sie haben gesagt, Sie seien nicht mehr so perfektionistisch und ungeduldig wie einst. Auch Ihr Vorgänger Lucien Favre gilt als Perfektionist. Kann diese Eigenschaft in gewissen Phasen kontraproduktiv sein?

Schubert: Nein, dieses perfektionistische Denken steckt immer noch in mir. Das will ich auch gar nicht verlieren. Es ist gut, weil es dazu führt, dass du immer wieder über alles nachdenkst, dass du sagst – auch wenn es gut läuft: Das und das können wir verbessern. Ich spreche jetzt nur für mich: Ich war früher oft unzufrieden und habe diese Unzufriedenheit auch vermittelt, selbst wenn es gut lief: Du gewinnst irgendwo 3:0 und gehst nach dem Spiel auf den Platz und sagst dem Innenverteidiger: Weißt du noch, in der 76. Minute hättest du das und das besser machen können. Der Spieler schaut dich an und sagt: Hej, Trainer, wir haben gerade 3:0 gewonnen. Perfektionistisches Denken ist gut, aber in der Vermittlung, der Arbeitsweise mit den Spielern musst du mehr über positive Dinge sprechen. Ich wollte zu schnell zu viel.

Vor allem auch bei St. Pauli?

Schubert: Dort habe ich angefangen, als es gerade richtig gut für den Klub lief. Und dann kommt jemand von außen und sagt, dies und das müssen wir verbessern. Da habe ich mir natürlich auch zu viele Fronten aufgebaut. Diese Ungeduld habe ich mir abgewöhnt, und das ist besser für mich und alle Beteiligten. Ich bin heute entspannter und kann die Arbeit viel mehr genießen als früher.

Kann diese perfektionistische Überforderung auch das Gladbacher Problem zu Beginn der Saison gewesen sein?

Schubert: Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, was wir machen und aus welchem Grund. Als ich übernommen habe, haben wir die aktuelle Situation analysiert und nicht die Arbeit von Lucien Favre. Wir haben überlegt, was können wir mit der Mannschaft machen, wie können wir spielen, was könnten die Ziele sein, wie können wir das auf dem Platz vermitteln?

Es geht also nicht um die Verwirklichung Ihrer Handschrift, sondern um Problemlösung?

Schubert: Kein Trainer der Welt kann etwas spielen lassen, mit dem er sich nicht identifiziert. Ich habe natürlich schon eine Idee gehabt, wie man mit der Mannschaft spielen kann. Als Erstes aber haben wir mit der Mannschaft darüber gesprochen, was stellt ihr euch vor, wie möchtet ihr gerne spielen? Und glücklicherweise trifft sich das mit meinen Vorstellungen. Ich möchte aktiven Fußball, viel Ballbesitz. Aber ich möchte auch, dass die Spieler schnell umschalten. Für mich gehören auch Emotionen dazu, Fußball sollte immer auch ein Erlebnis sein, besonders für die Zuschauer. Dafür machen wir es letztendlich alle.

Also eine Kombination aus Ballbesitz und vertikalem Spiel?

Schubert: Der Ansatz ist immer, möglichst viel Ballbesitz zu haben, aber nicht um den Preis des schnellen Umschaltens. Wir sehen schon, wenn wir die Möglichkeit haben, blitzschnell zum Tor zu kommen, und dann versuchen wir das auch. Aber jedesmal sollten wir abwägen: Wie groß ist das Risiko? Es gibt Mannschaften, die es immer versuchen. Wir versuchen dagegen die Qualität zu entwickeln, die richtige Entscheidung zu fällen: Macht es jetzt Sinn oder nicht? Wenn nicht, brechen wir ab und spielen auf Ballbesitz. Wir haben eine Lösung für Mannschaften, die hinten drinstehen, wir habe eine für Mannschaften, die uns hoch attackieren. Jetzt versuchen wir, taktisch noch flexibler, unberechenbarer zu werden.

All das zu erarbeiten, war selbst in den Englischen Wochen möglich?

Schubert: Ja, sogar schon in den anderthalb Trainingseinheiten bis zum ersten Spiel gegen Augsburg. Da konnte man bereits bestimmte Dinge sehen.

Das stimmt. Aber trotzdem schwer vorstellbar, dass das frisch erarbeitet war.

Schubert: So komisch sich das anhört: In den ersten zwei Minuten des ersten Trainings haben wir das schon trainiert: schnelles Umschalten, nach Ballverlust sofort attackieren – das war sofort das Thema. Nach Ballverlust sofort nach vorne, nicht nach hinten. Damit verbunden haben wir darüber gesprochen: Wo wollen wir spielen, wo attackieren. Wir haben uns nach vorne verschoben, haben hohes Pressing gespielt. Dazu benötigt man ein hohes Maß an Mut. All das konntest du in anderthalb Tagen besprechen und von der Idee, vom Impuls her schon trainieren. Was mich trotzdem überrascht hat, war, dass die Mannschaft es so mutig gespielt hat, dass dieser Impuls so schnell drin war.

Haben Sie dies als Lösung bereits vorher parat gehabt?

Schubert: Ich kannte die Mannschaft und habe von unserem Videospezialisten zudem mehrere Zusammenschnitte erhalten. Es war zu sehen, dass die Mannschaft im Spiel, ohne es zu wollen, immer defensiver wurde. Sie hat sich zurückgezogen, sie wurde etwas defensiver und in der Defensive dann auch passiv. Das war für mich einer der Ansätze: Die Spieler mussten versuchen, wieder aktiver zu werden. Diese Passivität hängt natürlich auch damit zusammen, dass du immer unsicherer wirst, kein Selbstvertrauen mehr hast, nicht mehr mutig bist. Dann wartest du, und wenn du wartest, kommst du einen Schritt zu spät, und wenn du zu spät kommst, läufst du nur noch hinterher. Das ist eine Kette.

Konnte man zuletzt gegen Ingolstadt nicht doch sehen, dass die neue Spielweise an den Kräften zehrt?

Schubert: Es ist alles über Strecke leistbar. Aber alle Mannschaften, die erst ein, zwei oder drei Jahre international spielen, haben ein Problem mit dieser Mehrbelastung. Wie zuletzt Augsburg. Das ist ganz normal. Wir haben eine Krise gehabt am Anfang der Saison, wir haben die Dreifachbelastung auf einem Niveau, das wir vorher nicht so hatten, und obendrein noch viele Verletzte. Deshalb muss man es umso höher schätzen, was die Mannschaft auch mit unglaublich viel Willen – und das nicht über ein oder zwei Spiele, sondern sieben, acht, neun, zehn Spiele – geleistet hat. Vielleicht nicht mehr ganz im allerletzten Spiel. Da konnten die Jungs nicht mehr so viele explosive Läufe machen, nicht den Laufumfang halten wie zuvor – aber spielen dann doch noch unentschieden. Und dabei gingen sie zum Ende der Partie mit einem Mann weniger immer noch auf Sieg, während ich draußen stand und signalisierte. Nehmt doch den Punkt, es ist doch gut! Diese Mannschaft hat einen unglaublichen Willen!

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