Borussias „Raffael-Hahn-Kruse-Show“

Von: Heribert Förster
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Einfach unwiderstehlich: Egal, welche Schalker (links Roman Neustädter, rechts Christian Clemens) sich ihm auch in den Weg stellen, Mönchengladbachs Raffael ist nicht zu stoppen. Foto: sport/Eibner/Revierfoto
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Jubelstimmung: André Hahn (links) und Max Kruse harmonieren nicht nur beim Torjubel.

Mönchengladbach. Die Zuneigung zum Verein muss schon sehr groß sein, wenn ein glückliches Paar 50 Jahre nach der Hochzeit den Festtag beim Fußball verbringt. Oder wenn der Opa mit seinem Enkel 101 Jahre nach seiner Geburt am 13. September 1913 den Jubeltag im Stadion ausklingen lässt.

Doch es gab an diesem Samstag kaum einen besseren Ort für Anhänger des Mönchengladbacher Klubs als den Borussia-Park. Yann Sommer fasste die furiosen 90 Minuten in Worte: „Es war ein toller Fußballabend, es ging richtig die Post ab.“

Und niemand widersprach dem Torhüter, dem eine besondere Rolle zugedacht war beim beeindruckenden 4:1 (1:0)-Erfolg der Borussia gegen Champions-League-Teilnehmer Schalke 04.

Die Hauptrollen beim glänzenden Gladbacher Auftritt besetzten jedoch drei Offensiv-Akteure: André Hahn, Max Kruse und Raffael. Für jeden gäbe es eine Berechtigung, speziell gewürdigt zu werden, jeder Einzelne drückte dem Spiel seinen Stempel auf, jeder Einzelne hob sich auf seine Art ab – und alle drei beschworen das hohe Lied auf die Mannschaft.

Schwächen in der Defensive

Anfangs ließen die Schalker nicht erkennen, dass sie eine (speziell in der Abwehr) arg umformierte Elf auf den Rasen schicken mussten, „sie waren 20 Minuten besser, haben dominiert“. Doch Borussias Trainer Lucien Favre musste sich nicht lange sorgen um den Verlauf des Abends, denn nach 17 Minuten begann die „Raffael-Hahn-Kruse-Show“. Von dieser Sekunde an waren die Gelsenkirchener nur noch ein Spielball der Mönchengladbacher, deren durchaus sichtbare Schwächen in der Defensive keine Folgen haben sollten. Zu gut agierte das Team im Vorwärtsgang, zu groß war die individuelle Klasse.

Zum Beispiel die von André Hahn. Der Neuzugang vom FC Augsburg beeindruckte mit seinem Willen, seiner Zielstrebigkeit, seinem Abschluss. Sportdirektor Max Eberl lobte den 24-Jährigen: „Das ist André, wie er leibt und lebt. Ein Spieler, dem vielleicht die Finesse fehlt, der aber mit unglaublich viel Herz und Engagement, mit unglaublich viel Willen arbeitet“ (auch für die Defensive, was leicht übersehen wird).

Von Max Kruse ganz fein angespielt, hämmerte Hahn in der besagten 17. Minute den Ball humorlos in den Winkel, mit dem Kopfball nach Kruses Freistoß (50.) sorgte er für die Vorentscheidung. Dass er vollkommen frei die Flanke verwerten durfte, lag nicht nur an Schalker Schlafmützigkeit. Granit Xhaka hatte Hahns Gegenspieler vorbildlich geblockt und seinem Mitspieler so den freien Raum verschafft. Dass die Schalker dank Choupo-Motings Elfmeter (Stranzl hatte bei einem Luft-Zweikampf mit Boateng den Ball an die Hand bekommen) hoffen durften (52.), war nur ein kurzes Intermezzo.

Leicht und locker ist es nicht

Denn mit Raffael und Max Kruse sorgten die beiden weiteren herausragenden Borussen für die Entscheidung. Einen Pass, wie Raffael ihn gefühlvoll in den Lauf von Kruse vor dessen Tor zum 3:1 (56.) servierte, sieht man nicht alle Tage in der Liga. Überhaupt war der Brasilianer glänzend aufgelegt, nicht zu stoppen. Und wenn er geschmeidig seine Gegenspieler wie E-Juniorenkicker stehen ließ, sah alles ganz leicht und locker aus. „Ist es aber nicht“, sagten unisono Raffael, Hahn und Kruse, der bei seinem Saisondebüt wirbelte wie in besten Zeiten der vergangenen Saison.

Speziell mit Raffael. Bislang noch nicht so richtig in der Saison angekommen, lieferte der Gestalter ein brillantes Spiel ab, gekrönt mit dem eher schnörkellosen finalen Tor (79.). So spektakulär sein Auftritt war, so unspektakulär sind seine Analysen. „Es hat heute gut geklappt“, sagte der Brasilianer trocken, als die Goldhochzeiter, der rüstige Rentner und über 50000 weitere Borussen-Fans noch immer von einem wunderbaren Fußballabend schwärmten.

Selbst Lucien Favre, der stets nach Perfektion strebende Trainer, war angetan, aber durchaus auch ungehalten über zu viele Nachlässigkeiten in der Schlussphase, als Sommer seine starke Leistung veredelte. Hatte der Schweizer Nationaltorwart zuvor schon gegen Choupo-Moting glänzend das mögliche 1:1 verhindert (26.), durfte er gegen die eingewechselten Huntelaar und Draxler mit Blitzreflexen seine Wertigkeit fürs Borussia-Spiel dokumentieren (wie zuvor schon als glänzend mitspielender und präzise abschlagender letzter Mann).

Erfreut registrierte Favre auch, dass seine Einwechselspieler sofort im Spiel waren. Patrick Herrmann wirbelte nach seiner Einwechslung nach der Pause für den angeschlagenen Tony Jantschke (der Abwehrspieler war umgeknickt, heute erfolgt eine genaue Untersuchung) wie lange nicht mehr, Branimir Hrgota hatte sofort eine Großchance. „Wir werden alle Spieler brauchen“, sagt Favre, dessen Mannschaft am Donnerstag gegen den FC Villarreal in der Europa League und am Sonntag im Derby beim 1. FC Köln gefordert wird.

Diese Aufgaben gehen die Borussen demütig an, und André Hahn gibt die Losung vor: „Wir dürfen bloß nicht abheben.“ Das durften und taten am Samstag allein die Fans. Alle, nicht nur Goldhochzeiter und 101-Jährige.

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