Borussia Mönchengladbach siegt durch Gefühl und Technik

Von: Bernd Schneiders
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Salif Sané grätscht Vinzenco Grifo – unnötig – ab und löst damit das Schlussspektakel mit Videobeweis aus. Foto: imago/Dieter Wiechmann

Mönchengladbach. Durch Gefühl und Technik zum Sieg: So könnte ein neues DFB-Motto lauten nach dem 2:1-Erfolg von Borussia Mönchengladbach gegen Hannover 96. Das Happy End im Borussia-Park für die Hausherren lieferte ein Mann mit Roten Haaren.

Das passt zum Traditionsverein, dessen Trainer-Ikone Hennes Weisweiler einst formulierte: „‚Ne Vosse muss ich han.“ Damals bekam der Coach den 18-jährigen Winfried Schäfer. Zum Glück der Mönchengladbacher diente rund 50 Jahre später ein 37-Jähriger, und der ist kein begnadeter Mittelfeldspieler, sondern ein Schiedsrichter.

Christian Dingert also, und der urteilte sich in den späten Mittel- und Höhepunkt der Partie: Als Hannovers Salif Sané in der Nachspielzeit dem eingewechselten Vincenzo Grifo im 96er Strafraum in die Parade fuhr, entschied Dingert instinktiv auf Foulelfmeter.

Was dann folgte, benötigte der Schiri gar nicht mehr: Drei Minuten lang folgte die technische Überprüfung des unparteiischen Gefühls. Erst im Kölner Videoraum durch Wolfgang Stark, dann noch einmal durch Dingert, der sich die Szene auf Anraten seines Kollegen noch einmal auf dem Monitor vor der Gegentribüne anschaute. Drei Minuten knisternde Spannung, untermalt vom gesungenen Vorwurf der Nordkurve: „Ihr macht unseren Sport kaputt!“ Doch die Gründlichkeit war angebracht.

Schließlich ging es um die finale Gelegenheit für Borussia, das 2:1 und damit den Dreier einzuheimsen. Und die Unterbrechung machte sich bezahlt: Dingert bewertete die Situation wie bereits zuvor. Thorgan Hazard wurde von seinem Warten erlöst und schoss überlegt zum 2:1 ein.

Gefühl und Technik: Der Siegtorschütze schilderte wenig später sein Kopfkino aus der Wartezeit. „Schieße ich links, oder rechts, oder zentral?“ Der Belgier guckte Hannovers Keeper Phillipp Tschauner aus und versenkte den Ball unten links. „Es ist nicht einfach, wenn du warten musst“, gab Hazard zu. „Er ist ein Eisvogel“, wunderte sich sein Trainer Dieter Hecking nicht über die Abgebrühtheit seines Stürmers. Obendrein besitzt der 24-Jährige eine gute Schusstechnik, auch wenn viele daran nach dem 1:6 in Dortmund zu zweifeln begonnen hatten.

Vermeintliches Handspiel

Das Videospektakel wurde kollektiv goutiert, sogar von den Hannoveranern in Person von Trainer André Breitenreiter und Manager Horst Heldt, denen es einen verdienten Punkt raubte. Sie alle sangen das Lied von der Gerechtigkeit. Vorsinger dabei: Hecking. „Wir sind alle gefordert, dem Videobeweis die Chance zu geben sich durchzusetzen.“ Der 53-Jährige wusste genau, dass er sich nicht einmal hätte beschweren können, wenn Martin Harnik das Spiel wenige Minuten vor dem Schlusspfiff in eine andere Richtung gelenkt hätte.

Doch der Schuss des freistehenden Routiniers (30) klatschte aus drei Metern ans Quergestänge. Immerhin war er zuvor erfolgreicher, als Hannover die Abwesenheit von Kopfballriese Jannik Vestergaard ausnutzte und nach einer Ecke durch Harniks Kopfball zum 1:1 kam (71.).

Auch ein vermeintliches Handspiel im Gladbacher Strafraum von Fabian Johnson (74.) wurde nach Videobeweis oder in diesem Fall besser: Videointerpretation nicht geahndet. Selten verdiente ein Spiel so sehr das Attribut eng. Dazu passt auch, dass es nur wenige hochkarätige Torchancen gab. Bei der Hecking-Elf schlichen sich speziell vor der Pause Ungenauigkeiten ein, die sich bei den Kombinationen von Station zu Station potenzierten und letztlich jedes Tempo raubten. In der Mitte der ersten Hälfte war stattdessen eine Bilderbuch-ein-Kontakt-Stafette des selbstbewussten Aufsteigers zu bewundern, der eine Erinnerung auslöste: War da nicht auch mal was bei Gladbach?

Als Alibi für den Verlust dieses Tempospiels blieb den Borussen diesmal immerhin noch die Verunsicherung durch die BVB-Klatsche. Das sah auch Hecking und forderte zur Pause mehr Risiko. Diese Order benötigte Michael Cuisance. Der 18-Jährige spielte bei seinem Startelfdebüt als einziger unbelastet auf. „Er geht Risiko ein, wir wollten einen Risiko-Spieler“, begründete Hecking die Premiere. Sie nutzte Borussia, der Franzose gab die Freistoßflanke, die Matthias Ginter zum 1:0 – seinem ersten Tor für Gladbach – reinstocherte (67.). Sie gefährdete aber auch die Gesundheit des Gladbacher Managers Max Eberl. „Ich bin ja schon einiges gewohnt durch die Kunststücke im 16er von Marc-André ter Stegen, aber Cusiance ist der erste Spieler, der mich nahe an den Herzinfarkt gebracht hat.“ Durch einen missglückten Hackentrick des Edeltechnikers, den Hannover fast ausgenutzt hatte.

„Er kann besondere Momente erzeugen“, schwärmte Eberl und meinte damit nicht seinen Beinahe-Herzinfarkt. „Er ist ein Instinktfußballer, der eine große ...“, brach der Sportdirektor seine Eloge ab. „Karriere vor sich hat“, wollte er nun doch nicht öffentlich sagen. Ein Sportdirektor mit Gefühl, ein Hoffnungsträger mit Technik, ein Trainer mit Zufriedenheit: „Wenn man auf die Tabelle schaut (Platz 7), sieht man, dass wir im grünen Bereich sind.“ Schier rosarote Aussichten.

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