Auch Borussias Ausgleich war ein Wunder

Von: Bernd Schneiders
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Alle Hände voll zu tun, um mehr Stuttgarter Gegentreffer zu verhindern: Marc-André ter Stegen, hier gegen Timo Werner. Foto: sport/mika

Mönchengladbach. „Ein Wunder“ sagte Lucien Favre. Mit einiger Berechtigung hätte Borussia Mönchengladbachs Trainer damit auch das 1:1 seiner Mannschaft gegen den VfB Stuttgart meinen können. Doch diese überirdische Einordnung gehörte einer Statistik: 20 Flanken wurden an diesem Samstagnachmittag auf Seiten seiner „Sollte-sein-Kombinierer“ gezählt, für die Borussia anno 2014 wahrlich ein geschichtsträchtiger Wert.

Und wohl auch Ausdruck eines Scheiterns: Mit den üblichen, unter dem Schweizer Coach antrainierten Fähigkeiten, gelang es dem vor dem Spiel Tabellenvierten nicht zu demonstrieren, dass sie dem Tabellenfünfzehnten in nur irgendeiner Hinsicht überlegen waren – vom üblichen Ballbesitz einmal mehr abgesehen.

Lange Grusel-Liste

„Schlecht in der Balleroberung, fehlende Entschlossenheit, mangelnde Bereitschaft zu leiden und zu verteidigen“, gab Favre die Grusel-Liste wieder. Die Defizite zeigten sich nicht nur bei der frühen Führung der Schwaben. Die hatte Juan Arango völlig sinnfrei mit einem Kopfball in Richtung eigenes Tor eingeleitet. Am Ende stand das 1:0 für den VfB – und die Gladbacher Protagonisten saßen wie überhäufig an diesem Nachmittag auf dem Hosenboden. Patrick Herrmann, der gemeinsam mit Julian Korb ein unglaublich anfällige rechte Seite bildete, schaute verdutzt bis verlegen, Interims-Kapitän Tony Jantschke kam zu spät: Daniel Didavi nutzte einen missglückten Schussversuch des Kollegen Timo Werner (12.).

Slapstick-Einlagen gab es auch weiterhin im Borussia-Park zu bewundern. Eine Rutschpartie von Arango leitetet eine von „drei Tausendprozentigen“ (VfB-Sportdirektor Fredi Bobic) Chancen der Gäste ein. Lediglich Torhüter Marc-André ter Stegen bewahrte die Gladbacher vor einem 0:2, 0:3 oder 0:4.Eine Flut an Hochkarätern, die eine personelle Entscheidung Favres absurd erscheinen lässt: Die Doppel-Sechs mit zwei Spielertypen wie Havard Nordtveit und Christoph Kramer zu besetzen, rechtfertigt sich ausschließlich durch defensive Stabilität. Die war nicht einmal ansatzweise vor der Pause vorhanden, wie auch schon nicht eine Woche zuvor, als die um eine Niederlage bettelnden Nürnberger nur nicht in der Lage waren, dies auszunutzen.

Was das Duo an Patzern zeigte, angefangen von Kerzen bis hin zu Ballverlusten in der Roten Zone, wäre einem Granit Xhaka um die Ohren gehauen worden, und der Schweizer Selbstbewusstseinsbolzen wäre erneut auf Monate aus der Mannschaft verbannt worden. Mit technischen Unzulänglichkeiten gleich in doppelter Version auf dieser so wichtigen Schaltstelle kann man nicht ernsthaft glauben, um den Qualifikations-Platz für die Champions League mitspielen zu können. Speziell wenn zusätzlich auch Rechtsverteidiger Julian Korb mehr mit den eigenen Nerven als seinen Gegenspielern zu tun hat. Sein Vordermann Patrick Herrmann war da keine Hilfe, im Gegenteil – eher ein Kollege im Geiste.

Der Wechsel von Xhaka für Kramer kam Favre üblich spät (70.), die Uninspiriertheit der Abteilung Attacke war und blieb grundlegend in diesen 92 Minuten. „Fehlendes Tempo und Laufbereitschaft“ bemängelten Spieler und Trainer unisono. Und obendrein ein fataler Makel, der nicht zum ersten Mal kollektiv auftrat: War ein Tor-Schuss angebracht, spielten Raffael & Co. noch einmal ab, war ein Pass zwingend, wurde sinnentleert abgezogen (Herrmann). Dieser gestörte Instinkt ist beunruhigend. „Die Nase kann man nicht trainieren“, seufzte Favre. Per se aber sollte etwas vorhanden sein, was auch nur in Maßen einzuüben ist: die Grelligkeit im Zweikampf. „Wir haben bravourös gekämpft“, lobte Huub Stevens seine Stuttgarter.

Die sich selbsterfüllende Angst der Schwaben vor einem späten Gegentreffer aber hat auch der zur Rettung verpflichtete Niederländer noch nicht in den Griff bekommen. Gladbachs Erfüllungsgehilfe Arango nutzte die 20. Flanke (Kruse), um nach 24 Bundesligatoren mit links sein erstes mit dem Kopf zu erzielen (89.). 1:1 – unverdient, für den Venezolaner und auch für Borussia.

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