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An sein 1:1 kann sich Kramer erinnern...

Von: Bernd Schneiders
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Dieser Schuss ist einen Punkt wert: Christoph Kramer hat zu Borussias 1:1 gegen den VfB Stuttgart abgezogen. Foto: sport/Team 2

Mönchengladbach. Der Mann steht noch unter Droge – und die wirkt seit dem 13. Juli. WM heißt sie, und Christoph Kramer ist ein Teil der Mannschaft, die den Titel in Brasilien geholt hat. Borussia Mönchengladbach profitierte Sonntagabend von diesem Elixier mit der Langzeitwirkung.

Der 23-jährige Mittelfeldspieler brauchte ganze 16 Minuten nach seiner Einwechslung, um ein fast schon verlorenes Bundesliga-Auftaktspiel gegen den VfB Stuttgart zumindest noch in ein 1:1 und einen Punktgewinn umzubiegen. Im WM-Finale gegen Argentinien kam er fast auf die doppelte Einsatzzeit, bevor er mit einer Gehirnerschütterung ausgewechselt werden musste.

Sein 31-minütiger Einsatz in Rio verschwand in einer Erinnerungslücke. Deshalb „ist es schön, dass ich mich heute an alles erinnern kann“, grinste Kramer. Etwa an seinen Treffer. „Es sah besser aus, als es gewollt war, ich wollte ihn einfach nur irgendwie ins Tor machen.“ Die WM-Amnesie dämpft auch die Droge Selbstbewusstsein nicht: Gerade eine Minute auf dem Platz, da servierte der Leverkusener Leihspieler den Ball gekonnt in den Lauf, doch der Schuss des ebenfalls eingewechselten Thorgan Hazard knallte nur an den Pfosten (74.).

Einer der zahlreichen Höhepunkte nach der Pause. Davor verlor sich dagegen die Favre-Elf in ödem und uninspiriertem Ballgeschiebe. Das kann man nicht personalisieren, und so lag diese enttäuschende Vorstellung weniger an den später ausgewechselten André Hahn, Branimir Hrgota oder Havard Nordtveit. Es mangelte an der richtigen Einstellung – nicht im Sinne von Moral, sondern von Spielauffassung. Borussia hat durch die Transferpolitik des Max Eberl in der Offensive kräftig aufgerüstet, doch wie bereits in der Vorsaison überließ man dem Gegner das Spiel. Der hieß aber nicht Bayern München, sondern VfB Stuttgart. „Wir haben gegen eine sehr, sehr gute Mannschaft gespielt – keine Diskussion“, erklärte Lucien Favre die Passivität, die sich in permanentem Verschieben ausdrückte. „Es hat das Tempo gefehlt, die Pässe waren nicht scharf genug“, sah der Schweizer Trainer dagegen die Probleme nicht in der Grundeinstellung, sondern in Details. Dabei hätte Favre speziell mit den offensiven Sprintern wie Hahn oder Traoré auch mal die Möglichkeit, die Gegenspieler im Aufbau früher und aggressiver anzulaufen.

Bayer Leverkusen hatte tags zuvor beim 2:0-Sieg in Dortmund Anschauungsunterricht in Sachen Vorwärtsverteidigung gegeben. Doch speziell nach den Gegentorerlebnissen in Sarajevo und in Homburg beim Pokalspiel setzte Favre anders – als sein Kollege Roger Schmidt – auf das Primat der Defensive. Ein Beleg dafür war seine Aufstellung: Die Defensivspezialisten Julian Korb und Alvaro Dominguez begannen auf den Außenverteidiger-Positionen. Das brachte Stabilität zu Lasten von Torgefährlichkeit.

„Nach der Pause haben wir läuferisch abgebaut, und Gladbach ist mehr Risiko eingegangen“, analysierte VfB-Trainer Armin Veh. Ausgerechnet das 1:0 seiner Stuttgarter durch Alexandru Maxim (51.) weckte die Gladbacher aus ihrer Lethargie und verwandelte den Bundesliga-Auftakt endlich in ein Heimspiel. Hrgota (61.), Hazard (70.) und Raffael (78.) hätten die nun aktive Spielhaltung eher belohnen können. Ihre Zurückhaltung aber ermöglichte ein Drehbuch, das nur der Fußball so schreiben kann. Vor dem Anpfiff vom Borussen-Präsidium für den WM-Titel geehrt, schwang sich Christoph Kramer zum Retter eines halbwegs gelungenen Bundesligastarts auf. „Ich habe mich gut gefühlt und auf meinen Einsatz gebrannt“, sagte der Mittelfeldspieler. „So ein 1:1 zum Schluss fühlt sich ein bisschen an wie ein Sieg.“

Die Rechnung „eher einwechseln, dann wäre ein echter Sieg möglich gewesen“ entlarvt der 23-Jährige als Illusion. „Ich brauche noch zwei Wochen für 100 Prozent. Jetzt reicht es maximal für eine Halbzeit.“ Beruhigend, dass die WM-Droge zwar inspirieren, aber keine Trainingslehren aushebeln kann.

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