Bodybuilding: Wenn der Körper-Kult zum Beruf wird

Von: Bernd Schneiders
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Wenn ein ehemaliger Dürener einen ehemaligen Dürener fotografiert – kommt dieses „hippe“ Bild dabei heraus: Sebastian Mansla in Szene gesetzt von Ulrich Oehmen. Foto: Ulrich Oehmen
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Die Geschichte eines Waschbrettbauchs (von links): Sebastian Mansla mit 15, 20 und 23 Jahren.
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Sein erster Erfolg: Sebastian Mansla gewinnt die „Cologne Beach Style 2014“.

Düren/Aachen. Dieser Waschbrettbauch – nur durch Training? Ein Lächeln huscht über Sebastian Manslas Gesicht. Er ist diese ungläubige, um nicht zu sagen misstrauische Reaktion gewohnt. Und als Bodybuilder muss er damit leben.

Auch wenn er in einer Sparte startet, die als „Natural Bodybuilding“ versucht, sich von der unter Doping-Generalverdacht stehenden klassischen Muskelaufbauerei und –Präsentation abzuheben. Der 26-Jährige verweist auf seine Genetik, die ihn offensichtlich mit Muskeln versorgt hat, die besonders leicht reizbar sind.

„Was machst Du?“, musste er sich bereits in frühen Jahren immer wieder von Vereinskollegen anhören, als er noch als Boxer aktiv war. Und zur Unterstützung dieser These vom Geschenk von Mutter Natur zeigt er auf Fotos die Entwicklung speziell seines Sixpacks, der bereits mit 15 Jahren extrem ausgebildet war. Diese Veranlagung ist auch familiär bedingt. Der Vater ist Pole, die Mutter aus Ecuador, und er erinnert sich noch gut daran, wie sie immer wieder erstaunt darüber war, dass ihr Körper so schnell auf Training reagierte.

Jung-Sebastian galt als Sporttalent. Bewegungsbegabt, schnell, kräftig, explosiv. In der Leichtathletik war er gut, er spielte Fußball, aber er entschied sich als 14-Jähriger fürs Boxen. „Rund 50 Kämpfe“, überschlägt er schnell. „Auch international in Russland und Polen.“ Vor allem aber für die Faustkämpfer Düren. In dieser Zeit kombinierte er das Boxtraining mit dem Krafttraining, in Maßen, um beweglich zu bleiben.

Ein Unfall stoppte die Faustkampf-Karriere. „Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Ein Glassplitter bohrte sich in sein Auge, als er sich in einem Geschäft aufhielt und ein Mann von draußen gegen die Scheibe schlug. Das war in Polen, Sebastian Mansla war 20. „Natürlich war es kein Sicherheitsglas.“ Was folgte, waren mehrere Operationen, im Aachener Klinikum wurde ihm eine künstliche Linse eingesetzt. „Eine furchtbare Zeit“, erinnert sich der gebürtige Dürener. Als klar war, dass sein Boxen Geschichte war, begann er intensiv mit Kraft- und Fitnesstraining. Fünf Mal die Woche modellierte er seinen Körper. Und auch hier gingen die erstaunten Fragen weiter: „Wie machst Du das?“

Der Sport hatte ihn zurück, „aber ich will mich auch messen“. Dem nun ehemaligen Boxer fehlte der Wettkampf. Den hat er bei der International Federation of Bodybuilding and Fitness (IFBB) gefunden. Gleich beim ersten Auftritt in der neuen „Men‘s physique“-Klasse beim „Cologne Beach Style 2014“ im Juli in Köln sahnte der Frischling mächtig ab. Der Sieg bedeutete gleichzeitig eine Wildcard fürs „Arnold Classic Europe“ im Oktober in Madrid. „Es geht bei dieser Klasse mehr um Ästhetik und Proportionen. Und beim Posing tragen die Sportler keine Mini-Slips, sondern lange Badeshorts – halt mehr Beachboy-Style, Fitness-Modeling. Da fühle ich mich, anders als beim orthodoxen Bodybuilding, in dem ich mich ein Mal versucht habe, wohl.“

Der Trainingsaufwand ist auch für diese Klasse riesig. Sebastian Mansla schindet sich täglich zwei Mal für solche Wettkämpfe. Inklusive Ernährungsumstellung. Dabei muss er immer im Auge halten, nicht zu breit, nicht zu massig zu werden. Dass aber auch in dieser vermeintlich natürlichen Klasse alle Athleten nur mit Training, Diäten und Nahrungsergänzungsmitteln arbeiten, will der Aachener nicht beschwören. Dopingtests gibt es auch hier nicht. Aber er glaubt, dass die erfahrenen Juroren einen Blick dafür haben, ob nachgeholfen wurde: unreine Haut, überproportional schwellende Muskeln, „das führt zu Abwertungen“.

Für ihn selbst kommt die chemische Entwicklungshilfe nicht in Frage. Der 26-Jährige hat gerade seinen Bachelor in Betriebswirtschaft an der FH Aachen gemacht. Thema seiner Arbeit: „Betriebliches Gesundheitsmanagement“. Zudem arbeitet er als Personaltrainer für „invita-aktiv“, einer Gesundheits- und Fitnessfirma mit Sitz in Aachen-Brand. Mansla besitzt die B-Lizenz als Fitnesstrainer, die A-Lizenz als Personaltrainer und ist ausgebildeter Ernährungscoach. All das soll einmal in einer Selbstständigkeit münden, er will mit zwei Bodybuilding-Kollegen, darunter ein Arzt, deutschlandweit Seminare anbieten, in denen es um Ernährung, Posing-Beratung und Wettkampfvorbereitung geht.

Er selbst wird von einer international erfahrenen Jurorin gecoacht zu werden, wie er sich auf der Bühne zu präsentieren hat. Netter Body ohne Ausstrahlung reicht nicht. „Wenn ich auf der Bühne bin, denke ich: Ich bin der Beste. Ich – und kein anderer. Das muss man auch zeigen, lächeln inklusive.“

Ausstrahlung benötigt er auch für einen weiteren Nebenjob. Der Aachener „Beachboy“ arbeitet auch als Model. Ein Fotograf, der seine Bilder im Internet entdeckte, kontaktierte ihn. Vor drei Wochen erst jettete Mansla in die USA, auf einer Sportmesse in Düsseldorf hatte er den Szene-Fotografen Ulrich Oehmen kennengelernt. Der lud ihn zu einer Fotosession ein. Erst dort stellten beide erstaunt fest, dass sie nicht nur ihre Bewunderung für fitte und muskuläre Körper gemein haben. Oehmen kommt wie Mansla aus Düren.

Studium, Wettkampfvorbereitung, Model-Arbeit – „es ist schwer, alles unter einen Hut zu bringen“, sagt der Sportler. Am 15. November stehen die NRW-Meisterschaften an, Ende des Monats folgen die Deutschen Meisterschaften. „Wenn ich Deutscher Meister werde, werde ich nur noch international starten“, plant der Athlet. Bei den Arnold Classics wurde Mansla auf Anhieb Dritter. Was er da noch nicht wusste: Das hätte ihn auch dazu berechtigt, bei den Weltmeisterschaften in Kanada anzutreten. Als er das Ergebnis erfuhr, ärgerte sich der 26-Jährige: Der Vierte vom Madrider Wettbewerb wurde Weltmeister.

Sein Model-Job ist eine Herausforderung – er muss schnell verfügbar sein, wenn er gebucht wird. Heißt: Er muss das Trainingslevel relativ hoch halten. Nach einem Wettkampf sich eine echte Erholungsphase zu gönnen, kann er sich nicht leisten. Doch der ehrgeizige Mann hat alles gut im Griff und findet sogar noch Zeit, am Wochenende rauszugehen. „Aber ohne Alkohol“, sagt er, „den brauche ich auch nicht.“ Anders als das Tanzen, das für seine Lebensqualität wichtig ist. Alle Aufmerksamkeit ist auf seinen Körper gerichtet. Doch auch mit dem narzisstischen Gefährdungspotenzial kann der Modellathlet gut umgehen. „Ich weiß, Bodybuilding, dieser Körperkult, dieser Sport ist nicht alles. Es gibt wichtigere Dinge im Leben.“ Wie schnell für einen Sportler etwas ins Auge gehen kann, hat er schließlich selbst erlebt.

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