Aachen - Alemannia: Zwischen Skepsis und Erleichterung

Alemannia: Zwischen Skepsis und Erleichterung

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Zwischen Skepsis und Erleichterung: Der frühere Geschäftsführer von Alemannia Aachen, Frithjof Kraemer, wird in Zusammenhang mit der ersten Insolvenz des Vereins 2012 nach derzeitigem Verhandlungsstand 50.000 Euro Geldbuße bezahlen müssen und eine Bewährungsstrafe von bis zu zwei Jahren erhalten. Ein mitangeklagter früherer Mitarbeiter muss 5000 Euro Geldstrafe bezahlen. Foto: Ralf Roeger
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Den neuen Tivoli zu groß und aufgrund von allzu optimistischen Erwartungen geplant zu haben, mag ein Versagen der damaligen Entscheidungsträger sein. Eine Straftat ist es aber nicht. Der Prozess gegen Ex-Geschäftsführer Kraemer zeigt: Er ist keinesfalls der Hauptschuldige an Alemannia Aachens Dauerkrise. Foto: Archiv/imago/revierfoto

Aachen. Der Prozess ist nicht zu Ende, auch wenn es sich nach nur zwei Prozesstagen so anfühlt, doch für die Anhänger von Alemannia Aachen, für viele, die ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden besitzen, bleibt schon jetzt ein seltsames Gefühl.

Ein für viele identifikationsstiftender Traditionsverein ist mehr oder weniger untergegangen, die Steuerzahler in Aachen tragen schwer an den ihnen aufgebürdeten Kosten für den neuen Tivoli, Tausende Fan-Seelen sind seit Jahren schwer verwundet. Und dann bekommt der angeklagte frühere Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer, der das Chaos am Tivoli mitverursacht hat, nur eine Bewährungsstrafe und muss eine Geldbuße bezahlen?

Die Justiz hat es seit jeher schwer, großen Emotionen in Urteilen gerecht zu werden. Das liegt daran, dass vor Gericht ausschließlich Straftaten verhandelt werden. Bestraft wird juristisch relevantes Fehlverhalten, bestraft werden nicht moralische Verfehlungen.

Deswegen mag sich die Strafe, die Frithjof Kraemer am 28. Juni erhalten wird, 50.000 Euro Bußgeld plus Haftstrafe auf Bewährung, anhören, als habe Kraemer milde Richter gefunden. Aber der Eindruck täuscht: Kraemer hat sich nicht bereichert, er ist nicht vorbestraft, hat eine günstige Sozialprognose und ist gewiss nicht der Hauptverantwortliche für Alemannias Dauerkrise.

Staatsanwalt René Seppi, der seit fast fünf Jahren in der Sache ermittelt, sagte am Mittwoch, dass die lange zurückliegenden Taten, die Kraemer zum Teil im Auftrag und mit Wissen vieler involvierter Gremien und Personen begangen habe, es nicht rechtfertigten, „ihn heute dafür ins Gefängnis zu schicken“. Denn Seppi stellte heraus, dass diese Personen und Gremien „sehr sicher nicht immer fehlerfrei gehandelt haben“.

Was Seppi damit zwischen den Zeilen andeutete, ist, dass es der Staatsanwaltschaft nicht gelungen ist, führenden Funktionären, Amtsträgern oder anderen Involvierten strafrechtlich relevantes Fehlverhalten nachzuweisen. Die Alemannia-Akte umfasst inzwischen 25.000 Seiten. Doch offenbar findet sich nirgendwo ein Hinweis darauf, dass sich einer der mehr oder weniger prominenten Menschen, die von den Fans für den Untergang der Alemannia verantwortlich gemacht werden, strafbar machte – außer Kraemer.

Keine schriftliche Dienstanweisung, die angreifbar wäre, keine Zeugenaussage, mit der einer dieser Menschen weiter belastet worden wäre. Ein Stadion zu bauen, das viel zu groß geriet und auf viel zu optimistischen Annahmen beruhte, mag Versagen und Selbstüberschätzung von Entscheidern dokumentieren; aber es ist eben keine Straftat.

Kraemer gestand am Mittwoch 38 Fälle von Bankrott, indem er Verbindlichkeiten der Aachener Stadion GmbH mit Geld der Alemannia Aachen GmbH beglich. Nur für diese Taten erhält er seine Strafe, alle anderen Vorwürfe gegen ihn wurden fallengelassen. Im Raum stand auch der Vorwurf des schweren Betruges, die Stadt Aachen warf Kraemer vor, sie vor der Vertragsunterzeichnung zur Schuldenübernahme aus dem Stadionbau am 31. Mai 2012 nicht über die sich verschlimmernde finanzielle Situation der Alemannia informiert zu haben.

Kraemers Hinweis, dass die Stadt sich vor dem 31. Mai 2012 bei ihm nicht über den aktuellen Verbindlichkeitsstand informiert habe, hielt die Stadt Aachen in einer am Mittwoch im Gericht verlesenen Stellungnahme ihres Rechtsanwaltes entgegen, dies sei „nachweislich falsch“ und überdies „eine ehrenrührige Behauptung“.

Kraemer und seine Verteidiger gingen nicht weiter auf das Thema ein. Kraemer gab allerdings zu, dass er damals viel regelmäßiger den finanziellen Status des Vereins hätte überprüfen müssen, dass er sich allzu sehr auf die Steuerberater verlassen habe. „Und vielleicht habe ich damals auch die Augen vor der Realität verschlossen. Das tut mir heute sehr, sehr leid.“

Die Geschehnisse der Jahre 2011 und 2012, die sportlich mit Alemannias Abstieg in die dritte Liga und wirtschaftlich mit der ersten Insolvenz des Vereins endeten, beschäftigen Kraemer immer noch. „Es geht mir bis heute nah, und es tut mir sehr leid, dass ich den Niedergang auch aufgrund eigener Versäumnisse nicht verhindern konnte“, sagte Kraemer, und er klang keineswegs so, als würde er irgendeine billige Entschuldigung formulieren, um der von ihm erwarteten Reue formal gerecht zu werden.

Das Urteil soll am 28. Juni um 10.15 Uhr in Saal A 0.020 des Aachener Landgerichts verkündet werden.

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