Was ist ein Anführer ohne Gruppe schon?

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Thorsten Burkhardt: „Das Problem kann kein Trainer oder Manager lösen, es ist die vielmehr die Aufgabe der Mannschaft.” Foto: Birkenstock

Aachen. Nicht ansatzweise hat Thorsten Burkhardt ahnen können, wie turbulent seine ersten Monate in Aachen werden. Im Sommer kam er aus Fürth und landete bei einem Verein, der gerade täglich neue Kapitel schreibt. Der Mittelfeldspieler äußerte sich im Interview mit Christoph Pauli vor dem mannschaftsinternen Krisengipfel am Montagabend.

Haben Sie sich vor dem Arbeitgeberwechsel über Ihre neue Mannschaft informiert?

Burkhardt: Sicher habe ich mir bei Kollegen Informationen eingeholt. Natürlich war auch die Krise im Frühjahr ein Thema, als man sich auch mit den Fans zusammengesetzt hat. Ich bin davon ausgegangen, dass eine Mannschaft aus der Situation gestärkt herausgeht.

Sie sind davon ausgegangen, in eine intakte Mannschaft zu kommen?

Burkhardt: Ja! Ich sehe auch jetzt nicht, dass sich die Mannschaft nicht versteht. Aber es gibt Gesprächsbedarf. Wir haben 25 Spieler, und jeder hat seine eigenen Gedanken. Es wäre falsch, nur die Gedanken von vier, fünf Spielern zu hören.

Wie sind Ihre Gedanken zum Zustand des Teams?

Burkhardt: Wir haben es nicht geschafft, die vorhandenen fußballerischen Fähigkeiten auf den Platz zu bringen. Nimmt man die Einzelspieler, haben wir eine sehr gute Mannschaft, aber langfristig zeigen wir es nicht. Normalerweise müsste man mit diesem Kader auf einem guten Niveau mit sporadischen Ausrutschern spielen. Bei uns ist es umgekehrt.

Hat dieses Team eine Hierarchie?

Burkhardt: Die Frage stelle ich mir oft. Im Moment sind wir keine Mannschaft, das heißt weiter, dass wir derzeit auch keine Häuptlinge haben. Jedem hören nur zwei, drei Spieler zu. So funktioniert es aber nicht, deswegen laufen wir dann in unterschiedliche Richtungen. Wir haben hundertprozentig Typen, die führen können. Aber wir sind derzeit nicht die Mannschaft, die wir sein sollen. Was ist ein Anführer ohne Gruppe? Das ist der Ansatzpunkt, da müssen wir zusammenrücken.

Wenn man Ihre Biographie mit 217 Spielen in der 2. Liga sieht, müssten Sie auch Häuptlingsfedern tragen.

Burkhardt: Meine zentrale Position würde das mit sich bringen. Aber ich bin in einem neuen Verein, und weil die Mannschaft und ich selbst derzeit nicht die Leistung bringen, ist es für jeden einzelnen schwierig, die Rolle zu finden. Es reicht ja nicht, nur Ansprüche verbal zu formulieren. Ein Führungsspieler muss respektiert werden.

Ist es das Problem der Mannschaft, oder ist es auch das Problem, wie die Mannschaft angeleitet wird?

Burkhardt: Gegenbeispiel: Angenommen, ein Trainer moderiert eine Mannschaft falsch. Dann müsste aber jemand auf dem Platz stehen und sagen, dass das falsch ist und wie man sich richtig verhalten muss. Dem ist nicht so. Es ist nicht die Frage der Moderation von außen, es ist die Frage der Mannschaft auf dem Platz. Wir müssen in der Lage sein, eigenständig und flexibel auf wechselnde Spielsituationen zu reagieren. Es ist kein Problem, das ein Trainer oder Manager lösen kann, es ist unsere Aufgabe.

War ein Anstoß von außen notwendig, um sich eingehend intern mit der Situation zu beschäftigen?

Burkhardt: Der Prozess hat schon direkt nach dem Spiel begonnen. Wir wussten da noch nicht, dass parallel oben die Fans warteten. Es war selbstverständlich, dass wir uns geschlossen als Mannschaft gestellt haben. Das reicht natürlich nicht. Wir müssen als Mannschaft funktionieren, damit der Funke auf die Fans überspringt.

Cristian Fiel hat als Beobachter eine „tote Mannschaft” gesehen. Wie war Ihr Empfinden?

Burkhardt: Was ist mit dieser Beschreibung gemeint?

Eine Mannschaft, die sich nicht wehrt, die sich ergibt, die mit sich selbst beschäftigt ist.

Burkhardt: Uns fehlt erkennbar diese Entschlossenheit. Jeder versucht, sein Ding zu machen, aber wir ziehen nicht an einem Strang. So kann ein solcher Eindruck entstehen. Es ist nicht wichtig, wer spielt oder wie der Gegner heißt. Das Thema ist, dass die Mannschaft zu sich finden muss. Das ist der notwendige Prozess.

Haben Sie in den letzten Wochen gemerkt, dass die Mannschaft auf keinem guten Weg ist?

Burkhardt: Die Vorbereitung war sehr ordentlich, das Betriebsklima gut, der Start war zäh, aber ich hatte nach den Siegen den Eindruck, dass wir gut unterwegs seien. Für uns Spieler kommt der Einbruch überraschend, sonst hätten wir eher geredet.

Kann eine so ambitionierte Mannschaft jetzt das Programm Abstiegskampf aufspielen?

Burkhardt: Alle müssen die Situation erkennen und akzeptieren. Wir müssen wieder Leistung bringen, um das Blatt zu wenden. Das klingt profan, ist aber der einzige Weg.

Leidet eine Mannschaft darunter, wenn Manager und Trainer kommen und gehen?

Burkhardt: Es macht die Dinge nicht einfacher, sie beeinflussen eine Mannschaft, die Schwerpunkte verändern sich. Es entstehen neue Konstellationen, gibt neue Präferenzen. Für eine Mannschaft, die sich noch finden muss, ist das nicht einfach. Aber es eignet sich nicht als Ausrede.

Ist es nicht bequem für einen Profi, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass der jeweils aktuelle Verantwortliche nächste Woche wieder ein anderer sein kann?

Burkhardt: Wer so denkt, denkt falsch. Die Ausgangslage ist doch, dass 16 Verträge hier auslaufen. Jeder muss sich zeigen.

Sind die auslaufenden Verträge also eher leistungsfördernd?

Burkhardt: Ein klares sowohl als auch. Es ist ein Anreiz. Aber wer in einer negativen Spirale ist und kaum spielt, kommt so schnell nicht raus. Auch Leute mit Vertrag müssen sich bewusst sein, was denn passiert im Fall X. Dann käme ich von einem abgestiegenen Verein. Wer will so einen?

Gute Frage.

Burkhardt: Stellt sich aber nicht, weil wir die Klasse halten.
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