Von der Alemannia ins afghanische Nationalteam

Von: Helga Raue
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Aachen. An seine ersten Lebensmonate in Kabul hat er verständlicherweise keine Erinnerungen. Kanischka Taher war noch nicht einmal ein Jahr alt, als seine politisch verfolgten Eltern 1991 mit ihm nach Deutschland flohen. Im niederrheinischen Korschenbroich fand der junge Afghane eine neue Heimat. Erst 23 Jahre später lernte Kani, wie er genannt wird, sein Geburtsland kennen.

Mit der afghanischen Fußball-Nationalmannschaft machte der 24-Jährige in der Hauptstadt erstmals vor den Südasienmeisterschaften Station. Und wurde bei seiner Rückkehr mit seinen Teamkollegen begeistert gefeiert, denn erst im Finale war Afghanistan Indien nach Verlängerung 1:2 unterlegen.

„Das war sensationell. Ich war nach der Niederlage ziemlich am Boden, doch in Kabul war das vergessen. Die Begeisterung der Menschen war so groß“, erzählt Kani Taher. Ein Trainerwechsel im November 2015 hatte sich für ihn als glückliche Fügung erwiesen: Der Kroate Petar Šegrt (Mannheim), der u.a. Co-Trainer bei Zweitligist MSV Duisburg war, baute anders als sein Vorhänger Slaven Skeledi gleich im ersten Spiel, der WM-Qualifikation gegen Kambodscha, auf den 24-Jährigen als Stammspieler.

„Er sieht mich als Leistungsträger, für mich ist er ein Glückfall. Und für die Mannschaft insgesamt, denn er versteht die Mentalität, wusste gleich, wie er uns ansprechen musste“, gerät Taher, der 2015 gegen Japan sein Debüt gegeben hatte, fast ins Schwärmen. Als „Sechser“ lief er auch bei der Südasien-Meisterschaft 2015 auf.

„Da habe ich im Halbfinale gegen Sri Lanka ein Tor geschossen und ein weiteres vorbereitet“, sagt der Defensivakteur, der im Mittelfeld die Fäden zieht, mit berechtigtem Stolz. Nur im Finale, „da haben wir alle einen schlechten Tag erwischt. In Normalform hätten wir gewonnen, vielleicht haben wir uns selbst unnötig unter Druck gesetzt“, hadert er ein wenig angesichts der vergebenen Chance.

Doch auch ohne Titel wurden die Fußballer in Kabul gefeiert. „Die Menschen dort hungern nach positiven Meldungen“, erlebte Taher einen tollen Empfang. Für den 24-Jährigen war es eine höchst emotionale Reise, denn er lernte seine Großmutter und seinen Onkel persönlich kennen.

„Ich war einfach nur glücklich, meine Familie endlich einmal zu treffen“, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Doch der Besuch in der afghanischen Hauptstadt erschütterte ihn auch. „Ich hatte mir Afghanistan gefährlich und vom Krieg mitgenommen vorgestellt. Aber ich hätte niemals gedacht, dass es so heftig ist. Und ich weiß wirklich nicht, wie Lothar de Maizière sagen kann, dass Afghanistan ein sicheres Herkunftsland ist“, haben Taher die Eindrücke mitgenommen.

„Wir waren ohne Sicherheitsleute unterwegs, und ich muss sagen, ich habe mich keine Sekunde in Afghanistan sicher gefühlt – obwohl ich die Sprache (Dari) spreche und wie ein Einheimischer aussehe.“

In den sechs Tagen des ersten Besuchs, als die afghanische Nationalmannschaft nach dem Vorbereitungslager in Katar kurze Zeit in Kabul trainierte, wurde die Stadt in sechs Tagen von drei Anschlägen erschüttert. „Einer ganz in unserer Nähe im Botschaftsviertel, in dem wir auch untergebracht waren. Ich habe Angst gehabt, immer, nur ein Narr hat dabei keine Angst“, sagt der junge Fußballer eindringlich und beschreibt alltägliche Situationen: „Wenn sich der Verkehr staut, wenn es Menschenansammlungen gibt – das sind gefährliche Situationen in Kabul. Und im Hinterland herrscht sowieso absolute Gesetzlosigkeit, da die Taliban wieder auf dem Vormarsch sind.“

Was Taher am meisten nahe gegangen ist: „Die absolute Aussichtslosigkeit in den Gesichtern der Menschen, das war erschreckend. Ich kann jeden Jugendlichen verstehen, der aus Afghanistan weg will, denn in seinem Land hat er absolut keine Chance.“

Um so schöner war der emotionale Empfang der Fußballer: „Dass die Menschen uns trotz der Umstände dort gefeiert haben, war heftig. Und es hat mich sehr stolz gemacht. Ich habe es immer für eine Floskel der Journalisten gehalten, dass der Fußball die Menschen verbindet“, sagt Taher mit einem Augenzwinkern, „aber in Kabul habe ich erlebt, dass es so ist. In Afghanistan gibt es viele Völkergruppen, die teilweise untereinander Krieg führen, aber beim Fußball sind sich alle einig.“ Die Südasienmeisterschaft war live übertragen worden, teilweise hatte es Public Viewing in Kabul gegeben.

Die Spieler der Nationalmannschaft sind fast auf der ganzen Welt verteilt, alleine aus Deutschland kamen acht Akteure, andere aus den Niederlanden, Dänemark, den USA und Thailand. Und weitere fünf aus Afghanistan selbst. Zur Vorbereitung trifft man sich in Katar, dessen Fußballverband die Afghanen ebenso wie der DFB unterstützt. Es gibt auch eine Liga in Afghanistan, die aber nur zwei, drei Monate im Jahr spielt.

Am Freitag spielt Taher mit dem Nationalteam die WM-Qualifikation in Japan, und am Dienstag erwartet Afghanistan Singapur – in Teheran, wo der afghanische Verband seine Heimspiele austrägt. In den Hinspielen gab es gegen Japan ein 0:6, und in Singapur ein „unglückliches 0:1. In den Rückspielen müssen wir drei Punkte holen, dann wären wir als Dritter direkt für die Asiengruppe qualifiziert“, hofft Taher – angesichts der Überlegenheit der Japaner – auf einen Erfolg gegen Singapur.

Nach Afghanistan will Taher auf jeden Fall zurückkehren. „Ich würde schon gerne einige Zeit dort bleiben, um auch diese Facette und Wurzel meines Lebens besser kennenzulernen“, sagt Taher, „aber es gibt kein Land, in dem ich mich so wohlfühle wie in Deutschland. Deutschland ist meine Heimat, mein Zuhause.“

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