Verein im Ausnahmezustand: Alemannia mit Negativschlagzeilen

Von: Marlon Gego
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Aus der kurzen großen Zeit der Alemannia Mitte der Nullerjahre ist nur noch das neue Stadion übrig, das mittlerweile der Stadt Aachen gehört. Foto: dpa
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Nach der Auseinandersetzung am Montagabend: Der frühere Alemannia-Angestellte Harald Heinen erhebt schwere Vorwürfe gegen den Verein und Sportdirektor Alexander Klitzpera. Foto: privat, sport/Revierfoto
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Nach der Auseinandersetzung am Montagabend: Der frühere Alemannia-Angestellte Harald Heinen erhebt schwere Vorwürfe gegen den Verein und Sportdirektor Alexander Klitzpera. Foto: privat, sport/Revierfoto

Aachen. Es ist noch gar nicht lange her, dass Alemannia Aachen im DFB-Pokal-Endspiel gestanden hat, 2004 war das, ein sonniger Tag Ende Mai. Im Berliner Olympiastadion waren 25.000 Alemannia-Fans, ihre Schlachtrufe waren lauter als die der Anhänger von Werder Bremen, das zwei Wochen zuvor Deutscher Meister geworden war.

Für Alemannia folgten die Teilnahme am Uefa-Pokal und der Aufstieg in die erste Liga, doch damals in Berlin verdichtete sich der rasante Aufstieg der Alemannia von den trostlosen Jahren in der dritten Liga zurück ins Establishment des deutschen Fußballs zu Momenten, die viele Alemannia-Fans ihr Leben lang nicht vergessen werden. Die Alemannia im Berliner Olympiastadion, heute noch unglaublicher als damals schon.

Von der kurzen großen Zeit der Alemannia Mitte der Nullerjahre ist nur das neue Stadion übriggeblieben, das im überschwänglichen Vertrauen auf die Fortsetzung der damaligen Erfolge gebaut wurde, die dann nicht kamen, im Gegenteil: Abstiege, Insolvenz, die Stadt übernahm trotz prekärer Finanzlage das Stadion, um den Verein vor dem Untergang zu retten. Eine geschenkte Zukunft.

Weit entfernt vom Selbstbild

Doch diese Zukunft brachte bislang nicht das, was die Alemannia und ihre Fans sich von ihr versprochen haben. Und das Bild, das Alemannia Aachen derzeit in der Öffentlichkeit abgibt, könnte kaum weiter vom Selbstbild und vom eigenen Anspruch entfernt sein. Am Montagabend ging der Co-Trainer der U 19 Harald Heinen auf Sportdirektor Alexander Klitzpera zu und schlug ihn ins Gesicht. Mitte der Woche wurde bekannt, dass die Aachener Staatsanwaltschaft wieder am Tivoli ermittelt: Es geht um sexuellen Missbrauch, um Nötigung, um Steuerhinterziehung. Es geht um schmutzige Wäsche aller Art. Ein Verein im Ausnahmezustand.

Nach der Schlägerei am Montagabend setzte der mittlerweile fristlos entlassene Harald Heinen gemeinsam mit einem Rechtsanwalt ein Schreiben auf, das er am Mittwoch an verschiedene Medien schickte. Dieses Schreiben enthielt Behauptungen, deren ungeprüfte Verbreitung möglicherweise strafbar gewesen wäre. Doch nach entsprechenden Recherchen unserer Zeitung hat die Aachener Staatsanwaltschaft in der Tat ein Ermittlungsverfahren gegen einen früheren Angestellten der Alemannia geführt, der Vorwurf: sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen, Pädophilie, ein ungeheuerlicher Verdacht.

Nachdem die Verantwortlichen von Alemannia Aachen der Polizei ein anonymes Schreiben weitergeleitet hatten, in dem die Behauptung des sexuellen Missbrauchs erhoben wurde, leitete die Staatsanwaltschaft am 25. November ein Ermittlungsverfahren ein. Allerdings ergaben die Ermittlungen nicht den geringsten Hinweis darauf, dass bei der Alemannia irgendwer sexuell missbraucht worden sein könnte. Die in dem anonymen Schreiben formulierten Vorwürfe stellten sich im Gegenteil als vollkommen haltlos heraus, wie die Staatsanwaltschaft am Freitag auf Anfrage unserer Zeitung erklärte. Am 6. Januar wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt.

Noch am selben Tag leitete die Staatsanwaltschaft ein neues Ermittlungsverfahren ein, mit dem nun der Verfasser des anonymen Schreibens gesucht wird. Der Vorwurf: Nötigung, Höchststrafe drei Jahre Haft. In diesem Verfahren wird Harald Heinen als sogenannter Beschuldigter geführt, es besteht also der Verdacht, dass Heinen selbst es war, der den Mitarbeiter, der mittlerweile nicht mehr bei Alemannia Aachen beschäftigt ist, zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs bezichtigt hat. Heinen hatte in seiner Stellungnahme geschrieben, drei Stunden lang von der Polizei vernommen worden zu sein. Die Ermittlungen laufen noch, ein weiterer Zeuge wurde vernommen, Wasserstandsmeldungen über den Stand des Verfahrens möchte die Staatsanwaltschaft nicht abgeben.

Sollte es tatsächlich Heinen gewesen sein, der den anonymen Brief verfasst hat, stellt sich die Frage, was ihn dazu treibt, jemanden durch haltlose Vorwürfe derart in Misskredit zu bringen. Ein Mensch, der die Verhältnisse am Tivoli gut kennt, seinen Namen in diesem Zusammenhang aber nicht in der Zeitung lesen möchte, erklärte am Freitag im Gespräch mit unserer Zeitung, dass verschiedene Umstrukturierungen im sportlichen Bereich der Alemannia bei manchen Mitarbeitern Wunden hinterlassen haben. Zuständigkeiten wurden neu vergeben, Arbeitsabläufe geändert, alte Routinen durchbrochen. Möglich, dass manche Mitarbeiter deswegen nicht gut auf den neuen Sportdirektor Alexander Klitzpera und den Leiter des Nachwuchsleistungszentrums Philipp Kaß zu sprechen sind, die diese Umstrukturierungen maßgeblich verantworten.

Viele offene Rechnungen

Heinen erklärte in seiner Stellungnahme, dass er den anonymen Brief nicht geschrieben habe. Er hat den Eindruck, dass „aus mir das Bauernopfer“ gemacht werden soll, das zu Unrecht verdächtigt wird. Dies sei auch der Auslöser der Schlägerei am Montagabend gewesen, erklärte Heinen weiter. Er habe während einer Zusammenkunft, bei der den vielen Trainern des Vereins der neue Trainer der ersten Mannschaft Fuat Kilic vorgestellt wurde, über die beiden Ermittlungsverfahren sprechen wollen, er habe aber keine zufriedenstellenden Antworten erhalten.

Weiter beschuldigt Heinen die Alemannia, sie habe ihn „vor einem steuerlichen Hintergrund“ angewiesen, weniger Stunden auf seinem Stundenzettel zu dokumentieren, als er tatsächlich geleistet habe. „Man müsse schließlich Steuern sparen“, wie es in Heinens Stellungnahme heißt. Obwohl die Alemannia in einer Erklärung vom vergangenen Donnerstag erwiderte, Heinen „zu keinem Zeitpunkt angewiesen“ zu haben, „Stundenzettel zu manipulieren“, ist es nicht ausgeschlossen, dass sich die Steuerfahndung für die Angelegenheit interessieren wird.

Alemannia Aachen ist das sportliche Aushängeschild einer Stadt, die immer etwas mehr sein möchte, als sie ist. Die Insolvenz der Alemannia und die drei Abstiege waren deswegen nicht nur für den Verein besonders bitter, sie wirkt bei vielen direkt und indirekt Beteiligten nach. Es gibt viele Befindlichkeiten und viele offene Rechnungen. Das Umfeld der Alemannia ist in ständiger Unruhe.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass etwas im Verein selbst nicht stimmt, die jüngsten Vorfälle sind dafür Beleg genug. Es gilt als offenes Geheimnis, dass es nicht immer ein Spaß ist, am Tivoli zu arbeiten, das Betriebsklima ist schlecht, sagen manche Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand. Ob dafür allein der neue Sportdirektor verantwortlich ist, wie viele Fans glauben, spielt eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass es seit Monaten keinem der Verantwortlichen im Verein gelingt, das herzustellen, was die Alemannia eigentlich am dringendsten benötigen würde: Ruhe.

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