Uwe Scherr und Max Eberl im Interview: Leidenschaft und Tiki-Taka

Von: Bernd Schneiders und Christoph Pauli
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„Diese neue Aufgabe in Aachen
Alemannias Uwe Scherr und Mönchengladbachs Max Eberl im Interview mit unserer Sportredaktion. Grafik: Birkenstock/imago/Claßen

Aachen/Mönchengladbach. Zuletzt haben sie sich zufällig in einem Swimmingpool auf Ibiza getroffen. Die Wege von Uwe Scherr und Max Eberl haben sich häufig gekreuzt. Früher in der Bundesliga, dann traf man sich als Leiter der Nachwuchsleistungszentren von Schalke und Mönchengladbach.

Und nun begegnen sich die beiden Manager jener Klubs, die sich am Samstag im Pokal in Aachen duellieren: Borussia und Alemannia. „Man kennt, respektiert und schätzt sich”, sagt Uwe Scherr.

Würden Sie einen Trainer mit Gladbacher Stammbaum verpflichten?

Scherr: Wenn er der Alemannia weiterhelfen würde...

Aber Sie kennen die Probleme, die Michael Frontzeck gehabt hat?

Scherr: Ich glaube trotzdem, dass er erfolgreich in Aachen gearbeitet hat. Prinzipiell würde nur Dinge machen werde, die sinnvoll für Alemannia sind. Und das gilt auch für die Trainersuche. Wobei ich sagen muss: Mein Netzwerk funktioniert und ich hätte in einem solchem Fall schon Kandidaten. Und nebenbei: Wir haben gerade einen guten Trainer, die Frage stellt sich gerade nicht.

Eberl: Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, die Verpflichtung eines Trainers von der Vergangenheit als Spieler abhängig zu machen. Es geht um die Frage: Passt ein Trainer zur Mannschaft. Und dann dürfte die Frage, wo er vor 12 oder 15 Jahren als Spieler aktiv gewesen ist, nicht vordergründig eine Rolle spielen.

Könnte Sie sich denn vorstellen, enger zusammenzuarbeiten?

Scherr: Man könnte darüber nachdenken, ob man junge Spieler ausleiht, wenn man in die 2. Liga aufsteigen sollte. Aber jetzt im Moment sind die Grundlagen in Aachen nicht so prickelnd, dass die Zusammenarbeit mit einem Top-Bundesligisten zustande kommen könnte.

Für Gladbach wäre die räumliche Nähe doch ideal, Herr Eberl.

Eberl: Das ist immer eine sinnvolle regionale Zusammenarbeit. Das haben wir damals mit Fortuna Düsseldorf mit Johannes van den Bergh, genauso wie Tobias Levels. Und genau so könnte etwas mit Aachen entstehen. Wir haben relativ gute Jungs, die vielleicht weniger zum Spielen kommen aufgrund des Kaders. Und dann macht es immer Sinn, nicht in die Ferne zu schweifen. Er kann hier wohnen bleiben, wir können ihn jede Woche weiter beobachten.

Hat es eine Zusammenarbeit schon gegeben?

Eberl: Das ist immer eine Sache von Angebot und Nachfrage. Bisher hat noch keiner gefragt.

Wie haben Sie Alemannia in den letzten Jahren wahrgenommen?

Eberl: Aachen ist für mich ein ganz besonderer Verein. Einmal wegen der Nähe, aber auch, weil ich noch auf dem alten Tivoli spielen durfte. Am Tag nach der Geburt meines Sohnes haben wir in Aachen einen Punkt geholt, deshalb habe ich eine besondere Beziehung. Ich habe natürlich auch mitbekommen, dass Alemannia mit dem neuen Stadion einen Schritt gewagt hat. Und natürlich ist es immer schade zu erleben, wie eine Mannschaft sportlich nicht ganz folgen kann. Im Sport zu sagen, ich baue ein neues Stadion und habe automatisch den sportlichen Erfolg - die Gleichung funktioniert nicht zwingend und dann ist es mehr Klotz am Bein als eine Hilfe. Und dann ensteht dieser Strudel, der dich so schnell nach unten zieht, den kannst du gar nicht oder nur unglaublich schwer aufhalten.

Was ist das für eine Liga, diese Nummer 3?

Eberl: Das ist jetzt keine Schönmalerei, was in Aachen passiert, ist kompliziert. Aber wie das Uwe und Ralf Aussem hinbekommen haben, das ist schon bemerkenswert. Aus der 1. Liga abzusteigen ist schon schlimm, aber von der Zweiten in die Dritte ist noch komplizierter, gerade für Traditionsvereine. Hier gehts nur um eins: aufsteigen.

Herr Scherr, welche Situation haben Sie vorgefunden?

Scherr: Ich erlebe jeden Tag Überraschungen. Aber ich glaube, was wir in den drei Monaten geschafft haben, ist nicht schlecht. Wir müssen angesichts der Probleme mit dem Stadion dafür sorgen, dass der Fußball wieder in den Mittelpunkt rückt. Ich glaube, das hatte sich in den vergangenen Jahre ein bisschen verschoben.

Alemannia konnte bei Null anfangen, ohne sportlich- personelle Altlasten und auch strukturell für einen echten Neubeginn sorgen.

Scherr: Exakt. Ich habe die Spieler, die in der vergangenen Saison noch Vertrag hatten, alle abgearbeitet, sie gefragt. Letztendlich waren es sechs Mann, die sich dazu bekannt haben. Und das deutet ja schon mal darauf hin, dass die einen guten Charakter haben. Es wurden Gehaltseinbußen bis zu 66 Prozent akzeptiert. Und ich glaube, dass wir ein paar sehr gute Verpflichtungen getätigt haben. Auch wenn wir am Samstag gnadenlos enttäuscht haben, sind wir trotzdem noch der beste Absteiger.

Sie müssen doch positiv überrascht sein, wie groß die Zuschauerresonanz in Aachen in der 3. Liga ist.

Scherr: Wenn man bei einem Traditionsverein anfängt, weiß man, dass die Fans beim Abstieg leiden und trauern. Aber in der Situation, in der wir wieder bei Null angefangen sind, haben viele Aachener ihre Liebe neu entdeckt.

Haben Sie in der Stunde Null, Mentoren gehabt oder Menschen, bei denen Sie sich Rat holen konnten?

Scherr: Ja, das hab ich. Wenn man in einem Jugendleistungszentrum arbeitet, hat man ein gutes Netz. Und das gilt für den Max als auch für mich: Wenn du dort arbeitet, da geht es unheimlich oft um Details, man erwirbt ein großes Knowhow. Das ist unser großer Vorteil.

Eberl: Früher gabs einen Jugendleiter, der sich um die Passangelegenheiten und Turniere gekümmert hat. Der Trainer war für sich, du als Talent sowieso. Das hat sich heute mit den Leistungszentren gravierend geändert. Wenn du dort Leiter bist, bist du verantwortlicher Manager für 220 Jugendspieler, 10 bis 25 Trainer und Betreuern plus Elternschaft, plus Fahrdienst, plus Pädagogen, plus Psychologen, plus Schule - das musst du alles in der Hand haben. Und du musst eine Philosophie, eine Richtung vorgeben. Parallel musst du die Eltern bei Laune halten, die fragen, warum spielt mein Junge nicht? Das musst du alles bewältigen. Es ist ein phantastischer Job, fernab der Öffentlichkeit. Das heißt, du kannst auch mal einen Fehler machen. Nachdem ich als Manager anfing - vielleicht war das beim Uwe auch so - dachten viele, da kommt ein Greenhorn. Da stimmte nicht. Wir hatten eine komplexe Ausbildung, die ganz Viele so nicht genossen haben.

Das notwendige Selbstbewusstsein für die neue Aufgabe entstand in der Jugendabteilung?

Eberl: Die gute Kombination ist unsere Erfahrung als Profis, kombiniert mit den Erfahrungen aus dem JLZ. Mir hat diese Kombination die Angst genommen, es nicht schaffen zu können. Deshalb mein Rat: Nicht alle im Profibereich anfangen, sondern im Jugendbereich. Das ist eine Superlehre.

Scherr: Das ist ein Fulltimejob hoch zehn. Du solltes morgens der Erste sein, und abends bleibst du noch ein bisschen länger. Und das machst du über Jahre. Du willst jeden Tag nutzen, um besser zu werden, das Niveau zu erhöhen. Wenn du das über Jahre gemacht hast, ist man ganz gut für den Profifußball vorbereitet.

Ist der Aufstieg im Verein dann aber vielleicht besonders schwierig, weil der Prophet im eigenen Land ja häufig nicht viel gilt?

Scherr: Ich kann da ja nur für Max sprechen: Natürlich kannst du nicht sagen, ich komme aus dem Jugendleistungszentrum und schicke mal eben acht Profis weg. Aber DFB-Pokalhalbfinale, vierter Platz und Qualifikation für die Champions League: Da sieht man eine Entwicklung, der Max hat schon was vorzuweisen.

Trotzdem haben Sie vor einem Jahr viel Gegenwind gespürt?

Eberl: Ich bin ja kein Mensch, der sich immer in den Vordergrund drängt. Ich bin einer, der sich die Meriten durch Arbeit verdienen will. Ich habe mich immer darauf reduziert: Ich muss von allen Entscheidungen, die ich zu treffen habe, überzeugt sein. Diese Überzeugung hatte ich, auch als wir große Probleme hatten.

Ist diese mentale Robustheit da gewachsen?

Eberl: Ich musste mir immer alles erarbeiten, war immer ein sehr einfacher und gradliniger Fußballer. Ich habe meine Überzeugungen: Etwa im Alter von 30 Jahren zu sagen: Ich übernehme jetzt das Jugendleistungszentrum.

Scherr: Ich habe auch nur elf Jahre gespielt, ich hatte 15 Knieoperationen mit sechs Rehaphasen, die länger als sechs Monate gedauert haben. Das hat mich auch geprägt. Ich komme aus einer sehr, sehr großen Familie. Ich rede sehr ungern über mich, aber ich wusste immer, was es heißt, hart zu arbeiten. Wir haben nicht nur immer auf dem Platz Gas gegeben, sondern auch nach unserer Laufbahn als aktiver Spieler. Das Nachwuchsleistungszentrum hat uns beide strukturiert und organisiert.

Kann man bei dieser Aufgabenvielfalt Leiter des Jugendleistungszentrums und Manager zugleich sein?

Scherr: Ich habe sehr viele gute Leute im Nachwuchsbereich vorgefunden, die allerdings keinen Plan hatten. Die werden jetzt an die Hand genommen. In drei Wochen werden wir ein Konzept in-stalliert haben, mit dem der Verein über Jahre gut aufgestellt sein wird - unabhängig von Personen.

Ist es wichtig für Sie, Ansprechpartner in den Gremien mit hoher Fußball-Kompetenz zu haben wie etwa Rainer Bonhof oder Hans Meyer?

Eberl: Das ist immer eine Hilfe. Fußball ist keine One-man-Show, sondern immer Teamsport. Genauso ist es neben dem Platz. Die Möglichkeit, dass deine Entscheidung richtig ist, ist größer, wenn du mit solchen Leuten diskutierst, als wenn du sie alleine triffst.

Solche Ansprechpartner haben Sie in Aachen nicht?

Scherr: Unsere verschiedenen Gremien haben im Moment andere Probleme, die bearbeitet werden. Aber ich stehe natürlich im regen Austausch mit dem Trainerteam.

Das ist auf einer anderen Ebene. Die Leute, die am Ende des Tages auch über Sie entscheiden, haben nicht diesen Sachverstand.

Scherr: Ich habe Leute kennengelernt, die Fußballfachwissen haben, aber der Topexperte war jetzt noch nicht dabei. Allerdings habe ich im Umfeld sehr kompetente Ansprechpartner, die mir einen guten Einblick in die sportliche Situation der letzten Jahre geben.

Ist das Zufall, dass Sie mit Kaiserslautern, Schalke und jetzt Alemannia immer nur für Traditionsvereine arbeiten?

Scherr: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es keine Zufälle im Leben gibt Etwas Schöneres als für einen Traditionsverein zu arbeiten, gibt’s ja gar nicht. Den Spagat hinzubekommen zwischen Tradition und modernem Fußball, ist nicht schwierig. Was man aber immer machen sollte, ist ehrlich zu bleiben und keine Luftschlösser zu bauen.

Ist es für Sie problematisch, Herr Eberl, viel Geld auszugeben, das Ihnen nicht gehört?

Eberl: Das wir so viel ausgeben konnten, hat mit unserer Entwicklung zu tun. Natürlich ist mir bewusst, dass es viel Geld ist. Aber wir haben es nicht geliehen, haben keine Vorgriffe gemacht , oder Investoren um Hilfe gebeten. Wir haben es erwirtschaftet, uns verdient durch gute Entscheidungen. Wir haben gerade die Chance, uns weiter zu etablieren. Nicht in der Spitze wie letzte Saison, sondern in dem Bereich, in dem wir uns mit Hannover, Stuttgart oder Bremen messen können, die jahrelang international gespielt haben.

Was ist schwieriger, mit keinem Geld wie Uwe Scherr oder mit viel Geld einen Transfer zu machen?

Eberl: Es ist immer schwierig. Es ist Chance und Risiko. Mich hätte es stark geärgert, wenn wir den Transfer von Marco Reus nicht gemacht hätten, weil Ahlen statt 800.000 plötzlich 900.000 Euro verlangt hätte, und der Transfer gescheitert wäre.

Scherr: Ein sehr weiser Mann sagte mir bei meinem Antritt, mit wenig Geld zu arbeiten, ist einfach. Mit viel Geld ist schwieriger.

Also ist es für Sie derzeit sehr einfach?

Scherr: Die Erwartungshaltung ist natürlich da. Aber der Job in Aachen ist für mich wie auf den Leib geschneidert. Ich finde mich in unheimlich vielen Dingen wieder, ich kann meine Idee umsetzen.

Sie haben gleich gesagt, dass Sie Vereinsklüngel nicht mögen.

Scherr: Ich kann mit diesen Seilschaften, die besonders in den Traditionsvereinen bestehen nicht viel anfangen. Wenn man Ziele erreichen will, muss man hart arbeiten. Wer dabei mitmachen will, ist herzlich willkommen.

Herr Eberl, Sie sind vor einem Jahr auch ruhig geblieben, obwohl Sie von allen Ecken und auch Berti Vogts angefeindet worden sind.

Eberl: Mir ist vorgeworfen worden, mich nicht gewehrt zu haben. Aber ich wollte keine Kraft vergeuden. Ich wollte mich nicht mit Leuten anlegen, die in der Öffentlichkeit einen anderen Stellenwert haben als etwa ich. Da konzentriere ich mich lieber auf meine Arbeit und investiere die vielleicht 30 Prozent in etwas, wovon ich überzeugt bin. Wie etwa allen Prophezeiungen zum Trotz, doch noch den Abstieg zu vermeiden.

Sascha Rösler ist ein besonderer Spieler. Macht der Ihnen Sorgen?

Eberl: Sorgen nicht. Wir wissen um die Konstellation, die dieses Pokalspiel hat: Aachen wird als krasser Außenseiter dargestellt, klar kommen wir als Erstligist dahin und müssen uns dieser hoher Aufgabe stellen. Und natürlich, wenn du solche Typen hast wie Rösler, Streit aber auch Olajengbesi, dann musst du eine hohe Hürde nehmen. Bei Alemannia ist schon Qualität vorhanden, sie haben zudem diesen Vorlauf von fünf absolvierten Ligaspielen. Wir haben keine Angst, aber müssen sehr fokussiert sein.

Wird es schwierig, den Fokus auf das Derby zu legen, wenn man drei Tage später eine noch größere Herausforderung wartet?

Eberl: Genau deswegen nicht. Alemannia ist ein Profi-Klub, ist ein Begriff. Unsere Spieler wissen das. Die Konzentration wird extrem hoch sein. Wir haben gelernt, nur ans nächste Spiel zu denken. Wir werden nicht an große Dinge denken, das größte Ding ist jetzt für uns Alemannia Aachen.

Erinnern Sie sich noch an den 17. März 2004, dem Pokal-Halbfinale zwischen den beiden Teams auf dem Tivoli?

Eberl: Das vergisst man nicht, auch wenn ich nur im Kader war. Es gab dann doch einige sagen wir mal unglückliche Schiedsrichterentscheidungen.

Welche Chancen messen Sie sich aus?

Scherr: Die Voraussetzungen sind ganz klar (Eberl lacht). Wenn ich das mit einbeziehe, für wie viel der Max eingekauft hat, wie oft man da unseren Etat einrechnen könnte - die Vorzeichen sind klar. Wir werden der Borussia in den Spielen gegen Kiew die Daumen drücken, aber wir werden gegen den Niederrhein-Tiki-Taka mit Leidenschaft, mit Kampf, mit ganz ganz viel Emotion entgegentreten. Wir werden nicht viele Chancen bekommen, aber versuchen eine zu nützen.
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