Aachen - Und dann wird der Tivoli abgepfiffen: Abschied mit 4:0

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Und dann wird der Tivoli abgepfiffen: Abschied mit 4:0

Von: Christoph Pauli
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Das ultimative Abschiedsbild: Tschüss Tivoli, wir sind dann mal weg. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Diese letzte Partie ist seit zwei Stunden vorbei, die Saison 08/09 längst abgeheftet, nur der gute alte Tivoli hat noch keine Ruhe. Immer noch sitzen ein paar hundert Fans im Stadion, so schnell lassen sie sich aus dem Paradies nicht vertreiben.

Der Tivoli hat nach 101 Jahren ausgedient, fast jedenfalls, Pflichtspiele der Profis wird es hier nicht mehr geben. 16.250.311 Zuschauer haben den alten Kasten irgendwie lieb gewonnen. Die letzten wollen nicht gehen.

Beim letzten der 2214 Spiele fließen die Tränen. 4:0 endet Alemannias finale Partie gegen den FC Augsburg vor dem Umzug. Es ist ein rührender, zeitweise fast kitschiger Nachmittag. Dem Verein, der in der Vergangenheit nicht immer sehr stilsicher bei Abschiedsfeiern war, gelingt ein perfekter Abschluss.

Dazu trägt auch ein Gegner bei, der sich nur zur Staffage noch einmal zusammenfindet. Freundlichere Gäste hätte man lange suchen müssen.

Was das Drehbuch noch alles so vorsah: Vor dem Spiel hat Matthias Lehmann seine Uhr überreicht bekommen. Vor drei Jahren ist er bei 1860 München fast vom Hof gejagt worden, jetzt wird der Kapitän beim Kehraus noch einmal gefeiert.

„Es waren einfach drei richtig gute Jahre”, sagt Lehmann. Die Trennung erfolgt ohne dass eine Maschine schmutziger Wäsche angeworfen wird. Eine letzte Pointe hat sich der bald 26-Jährige aufbewahrt, nach elf Minuten jagt er ein Zuspiel von Manuel Junglas ins Tor.

Der 1299. Aachener Sieg gerät niemals in Gefahr. Trainer Jürgen Seeberger, der erstmals die beiden Youngster Manuel Junglas und Abdul Özgen in die Startformation geworfen hat, ist zufrieden: „Wir haben es uns heute einfach gemacht.”

Zu eindeutig sind die Verhältnisse. Sein Team landet auf Platz 4 in der Schlussabrechnung. „Wir haben noch das bestmögliche Ziel erreicht.” Und deswegen verkündet Seeberger noch in der Kabine den vorzeitigen Urlaubsbeginn ab Sonntagmittag.

Augsburg ist ein dankbarer Partygast, der lieber im Hintergrund bleibt. Aachens Innenverteidiger dürfen auch mal offensiv: Szukala legt auf für Olajengbesi - 2:0 nach 41 Minuten. Und auch der Afrikaner läuft wie vorher auch Lehmann bei der Bank vorbei. Dort sitzen Co-Trainer Jörg Jacobs und Physiotherapeut Nils Haake, die ebenfalls verabschiedet wurden.

Drei Minuten später baut Benjamin Auer die Führung in der Aluminium-Wertung weiter aus: Zum neunten Male trifft er nur die Torbegrenzung. Macht nichts, auch der Abpraller wäre noch eine sichere Beute geworden, wenn ihm da nicht Manuel Junglas respektlos zuvorgekommen wäre. Der Premierentreffer des jungen Mannes führt zu einer Premiere für den Tivoli. Der Torschütze entschuldigt sich umgehend bei Auer für den Tordiebstahl. „Uuups, das tut mir leid.”

Aachens Mittelstürmer hat noch ein letztes Saisonziel, er will die Torjägerkanone. Die Kollegen legen auf, bringen ihn in Schussposition - und endlich gelingt ihm der Schlussakkord am Tivoli. Das 4:0 nach 56 Minuten - mundgerecht serviert von Timo Achenbach. Die virtuelle Kanone teilt er sich mit Duisburgs Makiadi und Nürnbergs Marek Mintal. „Ich bin mindestens genau so stolz darauf, das letzte Tor am Tivoli erzielt zu haben”, sagt der 28-Jährige.

Es ist nicht der letzte Gänsehaut-Moment in dem alten Gemäuer. Stephan Straub wird nach 79 Minuten eingewechselt - als Kapitän. Ein längerer Einsatz scheitert am lädierten Knöchel. Auf der Tribüne entrollen seine drei Kinder ein Bettlaken: „Lieber Papa, für uns bleibst du immer die Nummer 1.”

Der Papa zeigt noch eine letzte Parade, lenkt einen Fernschuss von Augsburgs Kläsener an den Pfosten. Dann pfeift der beschäftigungslose Schiedsrichter Holger Henschel den Tivoli ab, gerade als Straub das letzte Mal am Ball ist.

Kurze Zeit später schultern ihn Fiel und Plaßhenrich. „Ich hatte in den letzten Monaten große Probleme mit der Situation, aber heute konnte ich genießen”, sagt der fitgespritzte 38-Jährige. Vermutlich ist seine Karriere beim Abpfiff beendet. „Es gibt kein Angebot, etwas im Verein zu machen.” Sportliche Alternativen fehlen.

Das Spiel ist sei drei Stunden aus, der Tivoli immer noch nicht alleine. Ins Stadion weht die eigens für den Anlass geschriebene Hymne der „Vier Amigos”, die auf dem Vorplatz singen. „Pure Emotion, schwarz-gelbe Euphorie gibt es nur am unseren Tivoli.” Die Melodie ist von Michael Holm, gehört zu „Tränen lügen nicht”. Das passt.
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