Aachen - Stehle: „Was waren das noch für Spiele vor ein paar Jahren”

Stehle: „Was waren das noch für Spiele vor ein paar Jahren”

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Der Abwehrspezialist: Seit ach
Der Abwehrspezialist: Seit acht Jahren spielt Thomas Stehle für Alemannia Aachen in Liga zwei und ein Jahr auch in Liga eins. Die neue Perspektive für ihn und Aachen: Liga drei. Foto: imago

Aachen. Natürlich wird aktuell diskutiert über Neuverpflichtungen und Vertragsverlängerungen bei Alemannia Aachen. Eine ganze Region war fassungslos, als der Abstieg in die Dritte Liga traurige Realität wurde. Alemannia ist für viele mehr als nur Fußball, sondern auch ein Lebensgefühl, Tradition, Heimat. Thomas Stehle ist der dienstälteste Alemanne. Wie hat er den Abstieg erlebt, verkraftet, erlitten?

Wie geht es für ihn nach der Vertragsverlängerung weiter? Er war einer, der sofort signalisierte, dass er zum Weitermachen am Tivoli bereit ist. Stehle hat sich jetzt mit jungen Studierenden der FH Aachen über die Alemannia und seine ganz persönliche Situation nach dem Abstieg unterhalten.

Das Gespräch führten Ronja Winter, Julien Weiler, Sandra Brose und Henrike Niessen im Rahmen eines Projekts der FH Aachen im Studiengang Communication and Multimediadesign (CMD).

Herr Stehle, wie war und ist Ihre Gemütslage nach dem Abstieg?

Stehle: Die Situation ist definitiv so, dass man leer ist. Man ist gefühlsmäßig im Keller. Es war absolut keine gelungene Saison, weil wir nie da waren, wo wir uns im Prinzip gesehen haben. Die negative Krönung war leider jetzt der Abstieg.

Konnte Ihre Freundin Sie nach dem Abstieg aufmuntern?

Stehle: Die Problematik ist, dass ich eher ihr helfen muss, weil sie noch viel emotionaler ist und sie sich viel mehr mit den Szenarien beschäftigt hat. Von daher denke ich, dass ich eher die Konstante war.

Würden Sie einen Verantwortlichen für dieses Dilemma benennen oder eher das Kollektiv Alemannia?

Stehle: Absolut das Kollektiv! Es sind sicherlich auch im ganzen Verein Dinge falsch gelaufen, die hätten so nicht sein sollen. Wenn die Mannschaft auf dem Platz ihre Leistung gezeigt hätte, dann hätten wir so was vielleicht übertünchen können, aber in der Summe hat das dann einfach nicht funktioniert, da waren dann zu viele Baustellen.

Warum bleiben Sie der Alemannia jetzt auch in der Dritten Liga treu?

Stehle: Ich habe es ja schon direkt nach dem letzten Spiel gesagt: Ich bin absolut bereit hier weiterzumachen. Ich bin jetzt acht Jahre hier im Verein. Das ist ja auch eine Zahl, die bei kaum einem anderen Spieler hinten auf der Autogrammkarte steht. Ich weiß, was ich am Verein habe und ich denke, Alemannia weiß auch, was sie an mir hat.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Karriere in Aachen zu beenden?

Stehle: Ich könnte mir gut vorstellen, meine Karriere hier zu beenden.

Viele Spieler haben den Verein verlassen. Mit welchen Spielern halten Sie Verbindung? Gibt es noch Spieler aus alten Zeiten, mit denen Sie auch heute noch Kontakt haben?

Stehle: Die gibt es definitiv. Oft kommt der Spruch: „Aus den Augen aus dem Sinn”. So ist es auch oft im Fußball. Man hat natürlich auch seine Freunde, mit denen man oft Kontakt hat. Es gibt auch Freunde, die trifft man erst an einem Spieltag wieder und dann gibt es welche, zu denen gibt es gar keinen Kontakt mehr. So war es in der Vergangenheit und so wird es auch in Zukunft sein.

Was nehmen Sie irgendwann aus Aachen mit, wenn Sie mal nicht mehr am Tivoli sind?

Stehle: Da würde ich relativ viel mitnehmen. Ich bin aktuell acht Jahre hier, bin 31, da braucht man kein Mathematiker zu sein, um zu wissen, was das für ein langer Zeitraum ist. Das ist ein Viertel meines Lebens. Da nimmt man viel mit. Das ist nicht nur der Verein. Da gibt es viele Freundschaften, die definitiv nach der Karriere hier in Aachen bestehen bleiben. Ich bin froh darüber, da man da auch mal abschalten kann. Es geht nicht den ganzen Tag nur um Fußball. Ich könnte jetzt zig Dinge aufzählen, die mir an der Stadt gefallen. Wir fühlen uns einfach wohl hier. Es gibt den sogenannten Wohlfühlfaktor und der trifft hier definitiv zu!

Fühlt man sich als Spieler auch verantwortlich für die Mitarbeiter, die jetzt vielleicht noch nicht wissen wie Ihre berufliche Zukunft aussieht?

Stehle: Definitiv. Wir sind dafür verantwortlich, wie es da jetzt weitergeht. Da steht man ja zum Teil schon in der Schuld. Ich hoffe natürlich, dass schnell Lösungen gefunden werden und ein Großteil der Angestellten hier weiter arbeiten kann.

Wie sehen Sie den Unterschied zwischen altem und neuem Stadion? Wie bekommt man die unterschiedliche Stimmung als Spieler mit?

Stehle: Die Problematik an den neuen Arenen ist einfach, dass die Stimmung im Vergleich zu alten englischen Stadien, wie es der Tivoli war, nicht identisch ist. Die Stimmung im alten Tivoli, da braucht man nicht drum herum zu reden, war besser. Da waren es 1,25 Meter, da kam schon die erste Fanreihe. Es gab viele Stehplätze, alles war viel enger. Das kann man mit modernen Stadien nicht mehr vergleichen. Die Wirtschaftlichkeit hat es nicht anders hergegeben, man musste den nächsten Schritt machen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Krefelder Straße entlang fahren und mit ansehen müssen, wie ein Stadion mit einer solchen Tradition abgerissen wird?

Stehle: Das ist so ein Moment, in dem einem positive Erinnerungen durch den Kopf gehen. Man fährt an dem Baugrund vorbei und denkt sich: ”Ei ei ei, was waren das noch für Spiele vor ein paar Jahren?!” Aber es ist halt, wie es ist. Wir haben den neuen Tivoli und ich fühle mich darin wohl, weil es definitiv ein schönes Stadion ist. Nur haben wir darin den Abstieg besiegelt, jetzt müssen wir dafür sorgen, dass es darin auch wieder einen Aufstieg gibt.

Wieso ist es nie richtig gelungen, diesen alten Tivoli-Geist in das neue Stadion zu bringen?

Stehle: Ich denke, das hängt auch mit Erfolgen zusammen. Wir waren dieses Jahr, da brauchen wir nicht lange zu reden, nicht erfolgreich und dann kommen weniger Zuschauer. Außerdem ist das Stadion größer und es gibt mehr Sitzplätze. Im alten Tivoli waren drei Stehplatztribünen, da hat man den Abstand zwischen den Leuten nicht gesehen. Deshalb sah es immer relativ voll aus. Auf allen vier Tribünen war Stimmung.

Lassen Sie die acht Jahre einmal Revue passieren. Gibt es da zwei, drei besondere Momente, von denen Sie noch Ihren Enkeln erzählen werden?

Stehle: Ich bin damals im UEFA-Cup Jahr gekommen, da gehören natürlich die UEFA-Cup Spiele dazu. Wir waren in dieser Saison, der ersten Saison unter Trainer Dieter Hecking, schon sehr erfolgreich. Am Ende sind wir nur knapp am Aufstieg gescheitert und haben eine richtig gute Saison gespielt. Das Jahr darauf war dann der Aufstieg, der bleibt natürlich definitiv hängen. Dann kommt das Bundesliga-Jahr. Gut, dann als negatives Highlight der Abstieg, wobei der nicht so dramatisch zu bewerten ist wie jetzt. Alemannia ist meines Erachtens eher der klassische Zweitligaverein. In der Vergangenheit eher mit der Ambition nach oben und nicht wie jetzt nach unten. Deswegen ist dieser bittere Abstieg jetzt die negative Krönung.

Sie haben in den acht Jahren hier am Tivoli eine ganze Reihe von Trainern erlebt. Man muss sich ständig umstellen. Wie verkraftet man das als Spieler?

Stehle: Man muss schon anpassungsfähig sein oder auch spontan auf gewisse Dinge reagieren. Man weiß, dass kein Trainer ist wie der andere. Jeder hat seine Vor-, jeder hat seine Nachteile. Jeder hat seine eigene Trainingsmethode, jeder sein eigenes Naturell. Und wir haben am Tivoli schon Trainer gehabt, die fachlich gut waren, aber menschlich katastrophal. Und dann gab es auch welche, die menschlich super waren, aber fachlich nicht zweitligareif.

Wie ist es ihnen denn lieber?

Stehle: Am liebsten ist mir einer, der beides hat. Und da nenne ich jetzt nur wieder Dieter Hecking. Also da haben wirklich beide Komponenten gestimmt.

Wie schätzen Sie die Perspektiven in der Dritten Liga ein?

Stehle: Ich habe den einen oder anderen Freund in der Dritten Liga. Die sagen mir alle das gleiche: In der Liga kann wirklich jeder jeden schlagen. Es gibt keine Übermannschaft. Die haben oft das Gefühl, dass da oben irgendein Allmächtiger ist, der das Ergebnis würfelt. Es kann also in jede Richtung gehen. Andere Mannschaften sind in ihren Planungen schon viel weiter.

Die meisten Drittligisten haben ihre Kader bereits zusammengestellt.

Stehle: Mit Seyi Olajengbesi, Albert Streit und Aimen Demai bleiben drei Spieler, die für die Dritte Liga absolut überdurchschnittlich sind. Vielleicht kommt noch der eine oder andere dieser Kategorie dazu. Dann werden wir eine schlagkräftige Truppe haben. Aber wer denkt, dass es direkt wieder hoch geht, der hat einen falschen Ansatz. Es ist nicht selbstverständlich, dass der Absteiger direkt wieder aufsteigt. Letztes und vorletztes Jahr hat man ja gesehen, wo die Zweitligaabsteiger gelandet sind.

Einige Vereine, die wieder aufgestiegen sind wie Eintracht Braunschweig und Fortuna Düsseldorf, waren eine Reihe von Jahren in der Dritten Liga.

Stehle: Oberhausen ist abgestiegen, Bielefeld hat es so gerade geschafft. Osnabrück ist im Mittelfeld. Ahlen ist jetzt sogar aus der NRW-Liga abgestiegen. Koblenz steckt in der Regionalliga. Das ist ja beängstigend. Da sollten wir vielleicht eher kleinere Brötchen backen. So etwas darf uns nicht passieren.

Thomas Stehle wurde am 26. Oktober 1980 in Überlingen geboren. Seine Karriere begann er als Jugendspieler bei Rot-Weiß Salem. Von dort wechselte er zum SC Pfullendorf. Von 2001 bis 2004 trug Stehle das Trikot des 1. FC Nürnberg.

Aus Franken wechselte Stehle nach Aachen und läuft als Abwehrspieler für die Schwarz- Gelben auf. Der dienstälteste Alemanne, „Axt” genannt, brachte es in der vergangenen Saison leider nur auf sechs Einsätze.

Sein größter Wunsch: mit der Alemannia wieder möglichst schnell aus der Dritten in die Zweite Liga aufzusteigen.

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