Präsident Nachtsheim: „Wir brauchen wieder Tivoli-Atmosphäre”

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Ein Präsident mit mehreren Rollen: Alfred Nachtsheim kennt die Fansicht im Stehblock, aber seit einigen Wochen auch die....

Aachen. Dr. Alfred Nachtsheim erlebte Alemannias Hinrunde an verschiedenen Orten in verschiedenen Rollen. Er ist seit neun Jahren der HNO-Arzt des Klubs, seit Anfang November nun auch noch der Präsident. Und Fan ist er in der gesamten Zeit geblieben.

Die 1. Szene spielt am 29. Juni an einem Stehtisch weit hinten im Eurogress.

Frage an das Alemannia-Mitglied: Warum sind Sie zur Jahreshauptversammlung gegangen?

Nachtsheim: Im Vorfeld war absehbar, dass es keine einfache Situation wird. Ich wollte meine Stimme dazugeben, von meinem Wahlrecht Gebrauch machen, um mitzugestalten.

Wie haben Sie den turbulenten Abend in Erinnerung?

Nachtsheim: Der Bericht des Geschäftsführers ging völlig unter, alle warteten nur auf die Wahl. Nachdem der Kandidat nicht gewählt und die Veranstaltung abgebrochen wurde, war erkennbar, dass der Verein in Not ist. Es war ein Scherbenhaufen.

Was bedeutet das für Vereinsmitglied und -arzt Nachtsheim?

Nachtsheim: Ich habe noch in der Nacht meine Hilfe angeboten, in welcher Form auch immer. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt, obwohl wir doch die Eröffnung des neuen Tivolis vor uns hatten. Das hat mich sehr bewegt.

2. Szene: Dauerkarteninhaber Nachtsheim ist mit Freunden umgezogen in die neue Arena, hat sich eine Karte für den Block S4 gekauft.

Der Fan Nachtsheim hat sich am 17. August euphorisch auf den Weg zum neuen Tivoli gemacht.

Nachtsheim: Ich hatte die Baustelle gemieden, ich wollte mich wie an Weihnachten überraschen. Ich bin zwei Stunden vor dem Anpfiff dagewesen, war und bin begeistert von dem Bauwerk.

Dann kam unglücklicherweise ein Fußballspiel dazu, und ein Fan verletzte sich lebensgefährlich.

Nachtsheim: Ich habe den abgestürzten St.-Pauli-Fan am Unfallort erstversorgt mit Dr. Mauckner. Wir haben später den Kontakt zu ihm gehalten. Wir alle sind unglaublich erleichtert, dass es ihm wieder gutgeht.

Hatten Sie nach dem Spiel den Eindruck, dass auch die Mannschaft in Not ist?

Nachtsheim: Nach dem Weggang von Schmadtke hat es ein paar unglückliche personelle Wendungen gegeben. Nach dem 0:5 war erkennbar, dass es eine schwierige Zeit wird. Es gibt viele Parallelen zu Teams wie Schalke oder Leverkusen, die in einem neuen Stadion Startprobleme hatten. Es ist ein psychologischer Effekt: Man ist nicht mehr im vertrauten Wohnzimmer, sondern braucht auch in einer schöneren Umgebung Zeit zum Eingewöhnen.

Sie haben im Block S4 den Sieg über den FSV Frankfurt erlebt, an dessen Ende dennoch die Entlassung von Jürgen Seeberger stand. Haben Sie das als Fan verstanden?

Nachtsheim: Ich konnte es verstehen.

3. Szene, ein Platz auf der Haupttribüne, der in der ersten Halbzeit immer verwaist ist, ehe sich der Dauerkarteninhaber Nachtsheim seit Anfang November zu den Kollegen aus den Gremien gesellt.

Sie sind dann doch vom Verwaltungsrat angesprochen worden, ob Sie als Fan-naher Präsident kandidieren wollen.

Nachtsheim: Ich habe natürlich mit der Familie gesprochen, ob sie mit Öffentlichkeit umgehen kann und will. Ich habe dann den Kontakt zu den Fanvertretern gesucht und anschließend zugesagt.

Anfang November sind Sie in einer Pferdehalle zum Präsidenten gewählt worden. Aus dem emotionalen Fan ist nun ein wichtiger Repräsentant geworden.

Nachtsheim: Das ist ein Rollenwechsel. Man wird mit Erwartungen und Wünschen konfrontiert, man geht auf Sponsoren zu, muss mitorganisieren. Emotional ist man mit dem schwarz-gelben Herz dabei, aber ich habe mich etwas zurückgefahren.

Sie haben nun die Binnensicht des Vereins. Wie überrascht sind Sie von den Zahlen?

Nachtsheim: Die Situation ist für Außenstehende in der Tat nicht zu durchschauen. Sie ist aber zu meistern. Wir kriegen das hin.

Sie haben Sitz und Stimme im Aufsichtsrat. Was waren die Gründe für die Beurlaubung von Andreas Bornemann?

Nachtsheim: Der Aufsichtsrat war sich relativ einig. Die sportliche Situation war schon unbefriedigend, was zur Entlassung Seebergers geführt hat. Dann kamen die desolaten Spiele in Koblenz und gegen Ahlen. Wir hätten erwartet, dass sich der Manager die Mannschaft zur Brust genommen hätte. Das ist aber nicht passiert.

Wie ist es zu der Satzungsänderung gekommen, die Erik Meijer nun zu einem zweiten gleichberechtigten Geschäftsführer macht?

Nachtsheim: Wir haben einen Webfehler der Ausgliederung sinnvoll behoben. Man kann als sportlicher Leiter nur als gleichberechtigter Geschäftsführer bestehen.

In dem Entscheidungsgremium sitzen Kaufleute, Juristen, Ärzte, Banker, aber niemand mit nachhaltiger sportlicher Kompetenz. Wie kann ein solcher Rat mehr fachliche Kompetenz erlangen?

Nachtsheim: Es gibt mehrere Ideen der nächsten Mitgliederversammlung vorzuschlagen, dass auch sportliche Kompetenz ein Kriterium bei der Auswahl von Aufsichtsratsmitgliedern wird.

Ist geplant, aus dem Elferrat einen kleineren Rat zu machen?

Nachtsheim: (grinst) Man kann sicher darüber nachdenken, dass man das Gremium verkleinert und die Kräfte bündelt.

Meijer hat eine eigene Identität des Klubs angemahnt. Wie sieht die aus Sicht des Präsidenten aus?

Nachtsheim: Wir brauchen eine Mannschaft, die sich leidenschaftlich reinkniet, die stolz ist, aufzulaufen. Die das Publikum wieder mitreißt. Wir hätten keinen glaubwürdigeren Vorreiter für solche Tugenden als Erik Meijer finden können.

Wir verabreden uns jetzt hier für ein neues Gespräch in zwölf Monaten. Über welche Schlagzeilen aus 2010 sollen wir dann sprechen?

Nachtsheim: Die Tivoli-Atmosphäre kehrt zurück! Seit dem Umzug ist die Emotionalität weitgehend ausgeblieben, das besondere Gefühl hat sich noch nicht eingestellt. Ich glaube, wir sind mit der Mannschaft und der sportlichen Leitung auf einem guten Weg sind.
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