Aachen/Vaals - Michel Pfeiffer kehrt zum Tivoli zurück

Michel Pfeiffer kehrt zum Tivoli zurück

Von: Christoph Pauli
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Zuhause im Garten: Michel Pfeiffer feiert bald seinen 90. Geburtstag.
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Chef-, Jugend- und Torwarttrainer: Michael Pfeiffer übernimmt 1967 viele Aufgaben am Tivoli.

Aachen/Vaals. Alemannias ehemaliger Spieler und Trainer Michel Pfeiffer wird in ein paar Tagen 90 Jahre alt. Der Fußballfan kann heute noch stundenlang Geschichten erzählen.

Michel Pfeiffer öffnet die Tür in einer langen Trainingshose. Das ist weniger ein Statement, eher ein Ausdruck von Bequemlichkeit. Die Bewegungen des ehemaligen Trainers sind im Laufe der Jahrzehnte langsamer geworden, auch wenn man sein Alter nicht so erahnen kann. Pfeiffer wird am 19. Juli 90 Jahre alt. Natürlich spüre er das Alter, sagt er. Der Rücken schmerzt dauerhaft.

Aber dann beginnt das Gespräch, eine Einleitung ist gar nicht notwendig. Pfeiffer läuft ab wie ein gut geschmiertes Uhrwerk, erstaunlich, wie viele Wörter in diesem hageren Körper stecken. Er erzählt, gestikuliert, er ist herrlich wach geblieben. Faszinierend, wie viel Energie und Temperament er noch besitzt. Pfeiffer kann mit Worten kleine Bilder malen. Manchmal, sagt er selbst, überrascht ihn seine Detailgenauigkeit. Er hat viele Episoden aus seinem bewegten Leben behalten. Stundenlang kann er von den vier Jahren in französischer Gefangenschaft erzählen. „Ich habe schon vieles im Laufe der Jahre vergessen, aber wenig aus dieser Zeit“, sagt der ehemalige Offiziersbewerber.

Stundenlang kann er aus dem Stegreif über Fußball rezitieren. Bei dem Thema wirkt Pfeiffer so gut gelaunt wie Al Capone nach dem dritten Freispruch. Ein zweibeiniger Anekdotenschatz, der eigentlich seine Geschichte(n) aufschreiben müsste.

Alles begann in Eschweiler

Begonnen hat seine Karriere bei der heimischen SG Eschweiler. In Eschweiler wurde Pfeiffer am 19. Juli 1925 auch geboren. Bei der Geburt hieß er noch Michael, das „a“ ist ihm schnell abhanden gekommen. Auf den Außenläufer wurden die Aachener Scouts bald aufmerksam. Sie überzeugten den gelernten Schlosser 1949 von einem Wechsel nach Aachen. Eine Arbeitsstelle in der Tuchfabrik von Bubi Hirtz war neben einer Prämie von 400 bis 500 Mark ein entscheidendes Argument. Für Alemannia bestritt Pfeiffer 244 Ligaspiele, erzielte 75 Tore.

Ein Länderspiel ist dazugekommen. Pfeiffer gehörte bereits zum erweiterten Kreis jener Nationalmannschaft, die 1954 Weltmeister wurde. Anfang Dezember debütierte er in England, diese 1:3-Niederlage in Wembley vor 100.000 Zuschauern blieb sein einziges Länderspiel. Der spätere Trainer Pfeiffer und der damalige Trainer Sepp Herberger wurden keine Freunde. Bei dieser Anmerkung will er es diesmal belassen, auch wenn er sich heute noch stundenlang über viele verpasste Länderspiele aufregen kann.

Die Karriere setzte er bei RW Essen (1958 - 1961) und Fortuna Geleen (1961 - 1963) fort. Er blieb vor 51 Jahren in Vaals hängen. Hier wohnt er mit seiner Frau Christine, mit der er bereits seit 63 Jahren verheiratet ist. „Das Beste, was mir im Leben widerfahren ist“, sagt der zweifache Vater. In seiner Fußballersprache: der beste Transfer seines Lebens.

Christine meldete ihren Mann eher heimlich beim damaligen Essener Ehrenvorsitzenden Georg Melches zum Trainerkurs an. „Fußball ist doch sein Leben.“ Pfeiffer kehrte von 1967 bis 1969 zum Tivoli zurück, stieg sofort in die Bundesliga auf und wurde sogar Vizemeister hinter dem FC Bayern. Sein Vertrag wurde nicht mehr verlängert, die Strafe folgte auf dem Fuße: Alemannia musste die Bundesliga wieder verlassen. Noch einmal kam er zurück. Er führte Alemannia in die neu gegründete 2. Liga, wurde dort aber im September 1974 wieder entlassen.

Jupp Martinelli hatte seine Kollegen bereits vorgewarnt. „Lasst euch nicht blenden. Der lacht zwar viel, aber der greift rigoros durch.“ Pfeiffer war kein Trainer, der sich auf der Nase herumtanzen ließ. „Ich wusste, wem ich vertrauen konnte, wie man mit den Jungens arbeiten musste.“ Er konnte das Spiel lesen. Aber auch der Trainer Pfeiffer forderte Vertrauen von seinen Vorständen ein. „Andernfalls bin ich gegangen.“ Beim tunesischen Klub Sfax wurde er 1981 Meister. Als der Finanzchef sich abfällig über den Erfolgstrainer äußerte, kündigte er spontan. „Wenn es keinen Sinn macht, muss man gehen. Als Trainer musst du konsequent sein, sonst kannst du diese anstrengende Arbeit nicht schaffen.“ Es war seine letzte Arbeitsstelle.

In letzter Zeit ist Pfeiffer selten zum Tivoli – im eigenen Wagen - gefahren. Der Verein befand sich im Sinkflug. Pfeiffer wollte nicht immer dieselben Fragen, auf die es keine guten Antworten gibt, beantworten.

Ein Jahr lang war er nicht mehr auf dem Tivoli, obwohl sich bis zuletzt die Menschen wie die Jünger um ihren Meister versammelt hatten. Der Ex-Trainer ist nicht nur ein begnadeter Erzähler, er ist auch ein scharfzüngiger Kritiker: „Wenn ich so gespielt hätte, hätte ich aufgehört“, hat er schon häufiger geurteilt. Pfeiffer ist ein Bote aus besseren Zeiten, vermutlich der Hauptdarsteller der besten Zeit am Tivoli, als seine Mannschaft die Bundesliga erreichte und Deutscher Vizemeister wurde.

Pfeiffer hat den Tivoli auch gemieden, weil dort schnell die immergleichen Fragen nach seiner Gesundheit auftauchten. Er hat immer noch Schmerzen im Rücken. In seiner aktiven Karriere war er nie verletzt, vor fünf Jahren ist er im Treppenhaus seiner Tochter gestürzt. Die Folgen des Beinbruchs spürt er heute noch. Er hat ziemlich abgenommen, wiegt gerade noch 56 Kilogramm. Er lebt asketisch, Alkohol verschmäht er seit Jahrzehnten – nur von den Zigaretten kann er nicht lassen, sagt er, und zündet sich die nächste an.

Die andere Sucht ist harmlos und eher rund. Der Fußball wird ihn nicht mehr loslassen, auch wenn er das Spiel häufig als verroht ansieht, wenn die Gesundheit des Gegners keine Rolle mehr spielt. „Das ist eine Folge des unglaublichen Geldes, das im Spiel ist“, sagt er. Pfeiffer kommt aus einer anderen Zeit, als sich Reichtümer nicht verdienen ließen. Es gab eine andere Währung, die auf der Strecke geblieben ist. „Unsere Kameradschaft war überragend.“

Pfeiffer bleibt ein Fußball-Junkie. Mit seiner Frau ist er auch nachts um 2 Uhr aufgestanden, als Spiele der Frauen-WM angepfiffen wurden. „90 Jahre alt zu werden, hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagt Pfeiffer. „Natürlich wird der Körper schwächer, aber ich freue mich jeden Tag, dass ich noch da bin.“ Pfeiffer hat ein imponierendes Leben hinter sich. „Ich bin schon innerlich ein bisschen stolz, aber das würde ich nie sagen“, grinst er.

Bei Alemannia will er bald wieder auf der Tribüne sitzen. „In der neuen Saison fange ich wieder an“, sagt der fast 90-Jährige, der sich mit Comebacks am Tivoli wie kein Zweiter auskennt.

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