Kurioses Debakel statt Befreiungsschlag

Von: Roman Sobierajski
Letzte Aktualisierung:
Alemannia Aachen / Benjamin Auer
Aachens Benjamin Auer (rechts) und Berlins Patrick Kohlmann versuchen an den Ball zu kommen. Foto: dpa

Aachen. 26.050 Augenzeugen waren zugegen bei dieser Beerdigung erster Klasse: Zu Grabe getragen wurde der oft und gern zitierte Anspruch „oben mitspielen zu wollen”. Seit der 1:4-Klatsche gegen Aufsteiger Union Berlin ist klar: Der 16. Tabellenplatz, der zur Teilnahme an der Abstiegs-Relegation berechtigt, ist der unmittelbare Nachbar von Alemannia Aachen, der Blick nach oben verursacht Genickschmerzen.

„Abstiegskampf ist das Stichwort. Nämlich Kampf - nicht nur Harmonie, Wohlfühlen und ein bisschen kicken wollen”, würdigte Sportdirektor Andreas Bornemann nach dem Debakel den Vortrag seines Teams. „Das muss die Mannschaft schnell begreifen, sonst hat sie keine Chance.”

Gut eine halbe Stunde lang hatten sich beide Mannschaften eher respektvoll abgetastet, Torchancen waren Mangelware, als sich Aachens Torhüter Thorsten Stuckmann entschloss, dem Publikum etwas für das Eintrittsgeld zu bieten: Der 1,98-Meter-Mann versuchte, auf dem frisch gesandeten und seifigen Untergrund im Strafraum Berlins Stürmer John Jairo Mosquera auszutanzen statt den Ball auf die Tribüne zu dreschen, blieb hängen, und Torsten Mattuschka nahm das Geschenk dankend an (34.).

Dass Stuckmann wie schon gegen Bielefeld die Alemannia erneut auf die Verliererstraße schickte, konnte selbst Trainer Michael Krüger nur noch mit Ironie kommentieren: „Natürlich besitzt Stucki Nervenstärke, sonst würde

er sich dieses Dribbling im Strafraum nicht zutrauen”, meinte der 55-Jährige mit feinem Lächeln und gab zu, „dieses Tor hat mich richtig umgehauen auf der Bank”. Und die Reaktion der Mannschaft? Blieb zunächst aus, dafür legte der Aufsteiger noch kurz vor dem Pausenpfiff den zweiten Treffer nach: Younga-Mouhani bediente Mosquera, der sich nicht fürchtete, obwohl er von Aachens Abwehr mutterseelenallein gelassen wurde, Stuckmann ausspielte und einschob. „Wir sind nur in wenige Zweikämpfe gekommen, hatten kaum Zugriff auf den Gegner. So darf es nicht weiterplätschern”, befand Benny Auer.

Doch auch nach dem Wechsel war zunächst von Siegeswille wenig zu bemerken, erst ein Duseltor von Aimen Demai brachte die Mannschaft und die Zuschauer zurück ins Spiel. Der Verteidiger schickte Szilard Nemeth steil, der 31-Jährige kam einen Schritt zu spät, doch Torwart Jan Glinker ließ irritiert den Ball an sich vorbeitrudeln (66.). Die Hoffnung auf Aachener Seite, das Spiel noch zu drehen, wurde exakt zwölf Minuten alt: Christian Stuff kam zum friedlich bestaunten Kopfball und erzielte seinen ersten Zweitliga-Treffer.

Wer nun enttäuscht dem Stadion bereits den Rücken gekehrt hatte, dem blieb zumindest der kuriose Höhe- und Schlusspunkt erspart. Aachens Abwehr reklamierte auf Toraus, Keeper Thorsten Stuckmann lief hinters Gehäuse und legte sich den zweiten Ball zum Abschlag hin - doch da sowohl die Fahne des Linienrichters unten blieb als auch der Pfiff des Schiedsrichters nicht ertönte, spielten die Berliner einfach weiter.

Marco Gebhardt zog den Ball nach innen, der im Abseits stehende Mosquera vollendete per Kopf. Von den Aachener Protesten ließ sich der schwache Schiedsrichter Robert Hartmann allerdings nicht erweichen und gab den Treffer (90.). „Als ich das Tor gesehen habe, dachte ich zuerst, ich bin in Versteckte Kamera oder Verstehen Sie Spaß? gelandet”, kommentierte Alemannias Trainer dieses „Tor”.

Wie viel Spaß Michael Krüger wirklich verträgt, dürfte die Mannschaft in den nächsten Tagen merken, wenn der erste Schock verflogen ist. Zumindest mit seiner Frau und seiner Tochter hatte der 55-Jährige noch im Stadion bereits Mitgefühl: „Die beiden tun mir leid. Nach solchen Niederlagen bin ich wirklich unausstehlich.”

Zusätzliche Bälle auf dem Spielfeld: Gelangt während des Spiels ein zweiter Ball auf das Spielfeld, unterbricht der Schiedsrichter die Partie nur, falls der Ball auf das Spiel Einfluss nimmt. Wurde das Spiel innerhalb des Torraums unterbrochen, erfolgt der Schiedsrichter-Ball auf der Torraumlinie... Gelangt während des Spiels ein zweiter Ball aufs Spielfeld, ohne das Spiel zu beeinflussen, lässt der Schiedsrichter den Ball so rasch wie möglich entfernen. (aus dem Regelwerk)

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert