Aachen - Kein Spielraum im aktuellen Etat: Fuat Kilic im Interview

Kein Spielraum im aktuellen Etat: Fuat Kilic im Interview

Von: Klaus Schmidt und Christoph Pauli
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Aachens Trainer und Kaderplaner Fuat Kilic setzt für die kommende Saison nicht mehr auf David Vrzogic. Foto: Alemannia Aachen

Aachen. Historisch gut gestartet, auch zum Saisonende hin überzeugend – das Problem waren nur die Spiele zwischen diesen beiden Phasen: Fußball-Regionalligist Alemannia Aachen blieb als Siebter der Abschlusstabelle deutlich hinter den Erwartungen. Der in der Winterpause eingestiegene Cheftrainer Fuat Kilic zieht im Interview Bilanz und blickt voraus.

Wie lautet Ihr Saisonfazit?

Kilic: Ich kann seriös nur über die Zeit seit meiner Ankunft im Januar urteilen. Die Vorkommnisse davor haben bei den Spielern tiefer gesessen, als ich es gedacht habe. Der Start bei Gladbach II mit einer starken zweiten Halbzeit und dem Heimsieg gegen Oberhausen war gut. Aber dann kam eine lange Phase ohne Konstanz. Wir sind in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, das Selbstvertrauen schwand immer weiter. Das war schon irritierend, auch nach der guten Vorbereitung. Der eine oder andere hatte nicht die Mentalität, um sich schnell aus dieser Situation zu befreien.

Würden Sie mit dem heutigen Wissen anders agieren?

Kilic: Ja, ich hätte früher weniger Risiko gehen sollen. In einigen Spielen hätten wir nicht so hoch verteidigen sollen. Damit haben wir der Abwehr um Jannik Löhden keinen Gefallen getan, ohne ihm auf die Füße treten zu wollen. In den letzten Spielen haben wir kompakter und wieder erfolgreicher agiert. Am Ende war Lotte natürlich weit weg, aber wir hätten noch ein, zwei Plätze besser stehen können und müssen.

Nach der starken Vorbereitungsphase haben Sie Aachen als mögliches Überraschungsteam der Rückrunde angekündigt. Haben Sie erst später in der Wettkampfphase entdeckt, wie mental anfällig die Mannschaft ist?

Kilic: Definitiv! Ich habe mich von der Euphorie tragen lassen. Wir sind davon ausgegangen, dass wir unser Spiel besser verinnerlicht haben. Das war leider nicht der Fall, obwohl die Jungens immer gut gearbeitet haben. Die Lehre war, dass ich meine Ansprüche etwas zurückgeschraubt habe. Wir haben unsere Defizite so weit kompensiert, dass es noch ein versöhnlicher Ausgang war.

Die Mannschaft war am Anfang und am Ende, als es um nichts mehr ging, stark. Wie wettkampfrobust ist sie?

Kilic: Wenn man die gesamte Saison betrachtet, hat man sicherlich mehr erwartet. Deswegen brauchen wir idealerweise noch ein paar Charaktere, die die anderen mitreißen und anschieben können. Aber wir müssen abwarten, was wir punktuell machen können.

Kurz vor Ihrer Ankunft sind drei Stammspieler suspendiert worden. Hat die Maßnahme das Schiff nicht noch stärker ins Wanken gebracht?

Kilic: Mit ihnen ist Stabilität weggegangen. Ich habe sowohl Frederic Löhe als auch Peter Hackenberg kurz kennengelernt. Sie waren sehr wichtig für das Team. Hier sind viele unglückliche Entscheidungen getroffen worden. Wenn man in die Mannschaft hineinhorcht, werden sie als Opfer dargestellt, die nach außen die einhellige Meinung der Gruppe wiedergegeben haben. Ich möchte das nicht vertiefen, aber Hackenberg und Löhe waren häufig Leistungsträger.

Haben Sie eine schwierige Mannschaft übernommen?

Kilic: Nicht im Ansatz. Sie sind im Training extrem professionell. Es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Sie gehen sehr gut miteinander um. Ich habe mit Viktor Maier nur einen Spieler zu den Amateuren weggeschickt, weil ich den sicheren Eindruck hatte, dass er mit den Gedanken schon bei seinem nächsten Verein ist.

Es gibt Vereine, die im Laufe der Saison Spieler suspendieren. Es gibt Vereine, die den Manager rauswerfen. Und es gibt solche, die sich vom Trainer trennen. Alemannia hat alle Maßnahmen ergriffen. Erklärt das auch, dass permanent wenig leistungsfördernde Unruhe herrschte?

Kilic: In der Form habe ich das zum ersten Mal gehört und erlebt, dass man sowohl Spieler suspendiert als auch Trainer rauswirft. Dass dann auch noch der Sportdirektor gehen muss, ist sehr ungewöhnlich. Unruhe generell ist nie leistungsfördernd.

Haben Sie den Verein so vorgefunden, wie er Ihnen in den Vorgesprächen skizziert wurde?

Kilic: In einigen Bereichen nicht, die finanzielle Problematik war mir nicht so klar. Ich habe zwar ein Gehalt akzeptiert, das weit unter meinen Vorstellungen lag. Aber ich habe es aus Überzeugung gemacht, weil ich es als wichtigen Schritt für mich empfunden habe. Wie eng das Budget ist, ist mir erst im Laufe der Zeit klar geworden. Ich musste über Selbstverständliches wie Essen für die Mannschaft oder Übernachtungen bei langen Auswärtsfahrten diskutieren. Nach dem Spiel in Dortmund (25. Spieltag) hat der Sportliche Leiter deutlich gemacht, dass solche Dinge deutlich heruntergeschraubt werden sollen, weil der Zug nach oben abgefahren ist. Das war aus meiner Sicht ein fatales Signal an die Mannschaft. Ich habe mich vergeblich gewehrt.

Sie sind inzwischen auch Kaderplaner. Würden Sie sich den Verein mit dem Wissen von heute noch einmal aufhalsen?

Kilic: Diese Frage kann ich erst nach der Jahreshauptversammlung Ende Juni beantworten. Generell ist es gut, wenn der Trainer bei der Kaderplanung so mitwirken kann, weil er am Ende des Tages den Kopf dafür hinhalten muss. Ich bin unverändert sehr motiviert. Aber es ist sehr schwierig, Transfers zu realisieren, weil das Budget davon abhängt, ob ein Investor einsteigt oder nicht.

Es zeichnet sich doch längst ab, dass Sie mit einem reduzierten Etat von etwa 1,3 Millionen Euro auskommen müssen.

Kilic: Der Etat ist mit den bestehenden Verträgen bereits ausgereizt. Spielraum gibt es nur, wenn ein Spieler wie gerade Maximilian Rossmann weggeht. Für einen torgefährlichen Stürmer wird das Geld aber nicht reichen. Die Frage stellt sich, wie wir noch Mittel finden, auch wenn der Investor nicht kommt. Aktuell können wir nach der Verpflichtung von Necirwan Khalil Mohammad noch einen Jugendspieler dazunehmen. Eine Vertragsverlängerung mit Maciej Zieba ist derzeit nicht möglich. Er hat Geduld, aber was ist, wenn er ein anderes Angebot bekommt?

Führt die Handlungsunfähigkeit dazu, dass Sie Absagen erhalten, weil die Spieler nicht warten wollen?

Kilic: Muhamed Alawie vom SV Meppen geht nun zu Eintracht Trier, und Güngör Kaya (beide 16 Saisontore) wechselt von Wattenscheid nach Oberhausen, obwohl wir mit ihm in den Gesprächen schon sehr weit waren. Er hätte sehr gut zu Philipp Gödde gepasst.

Gibt es die Idee, Spieler mit laufenden Verträgen wegzuschicken?

Kilic: Ich habe nur David Vrzogic einen Wechsel aus sportlichen Gründen nahegelegt. Auf seiner Position möchte ich einen anderen Spieler entwickeln. Ansonsten haben wir ein gutes Fundament, auf das sich aufbauen lässt. Wenn wir ein, zwei Führungsspieler gewinnen könnten, kann es eine interessante Geschichte werden. Da könnte eine Eigendynamik entstehen. Das kostet Geld, ansonsten können wir nur Jugendspieler holen.

Sie versuchen gerade die Quadratur des Kreises: mit weniger Geld eine bessere Mannschaft zu basteln.

Kilic: Das ist in der Tat sehr schwierig. Ich könnte jetzt auch seriös keine Zielsetzung herausgeben.

Wenn man sich den Kader anschaut, würde man nach der Verpflichtung von Mohammad noch offene Planstellen im Tor, in der Innenverteidigung, Außenverteidigung, im Sturm und eventuell auf den Flügeln sehen.

Kilic: So würde der Kader abgerundet, aber es wird so nicht funktionieren nach dem jetzigen Stand. Ich trage die Situation mit, solange wir mit der Situation offen und ehrlich umgehen. Wir sollten das schon kommunizieren, wie die Lage ist.

Die Stelle des Sportdirektors wurde vor 15 Monaten auch mit dem Hinweis eingerichtet, dass die Trainer so entlastet werden. Brauchen Sie solche Entlastung?

Kilic: Ich komme in der Funktion gut klar, ohne dass ich die Arbeit auf dem Platz vernachlässige, weil ich mit Christian Mollocher auch einen sehr guten Co-Trainer habe und das gesamte Funktionsteam mich in allen Bereichen unterstützt. Zudem hat Aimen Demai neben Jörg Laufenberg Scoutingaufgaben wahrgenommen. Momentan halte ich einen weiteren Sportdirektor in unserer finanziellen Situation nicht zwingend notwendig.

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