Jörg Berger: „Ich bin ein Glückskind”

Von: Christoph Pauli
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Jörg Berger
Die Zuversicht ist sein Begleiter: Jörg Berger ist schwer erkrankt, die Fröhlichkeit hat er nicht verloren. Foto: imago/T-F-Foto

Aachen. Das Buch geht in die vierte Auflage, steht am Montag auf Platz 8 der Spiegel-Bestseller-Liste. 30 Jahre nach der Flucht aus der DDR hat der Fußball-Lehrer Jörg Berger, der auch in Aachen und Köln arbeitete, seine deutsch-deutsche Geschichte aufgeschrieben. Ein Gespräch über die „Zwei Halbzeiten” mit dem 64-Jährigen.

AUFWÄRMEN - Vor dem Anpfiff zu Ihren zwei Halbzeiten: Was ist die Motivation, ein Buch zu schreiben exakt 30 Jahre nach Ihrer Flucht aus der DDR?

Berger: Ich habe meine Geschichte nie richtig und ausführlich erzählen können. In der DDR ging es nicht, da musste ich mein Leben mit mir selbst ausmachen. Und im Westen hätte mich niemand verstanden. Letztlich haben mich viele Menschen wie Paul Spiegel, Fritz Pleitgen oder Dieter Kürten aufgefordert, eine deutsch-deutsche Geschichte aufzuschreiben. Deswegen heißt das Buch auch „Zwei Halbzeiten”. Das Buch passt jetzt einfach: 20 Jahre nach dem Mauerfall, und zudem wurde es auf der Buchmesse in meiner Heimat Leipzig vorgestellt.

Ist es schwierig, Ihre Biographie, Ihr Leben offenzulegen, gibt es da keine Hemmschwellen, den Blick ins Private zuzulassen?

Berger: Das war der Anspruch: Wenn ich es mache, dann richtig. Ich muss also auch in Kauf nehmen, dass Kritik aufkommt. Und jetzt ist der Zeitpunkt, an dem ich ausreichend Distanz zu vielen Vorgängen habe. Ich bin heute 64: Vor zehn Jahren wären die Emotionen anders gewesen. Es ist keine Abrechnung, aber auch definitiv keine Heldengeschichte.

ERSTE HALBZEIT - Sie haben im März 1979 als Trainer der DDR-Jugendnationalmannschaft eine Reise nach Jugoslawien zur Flucht genutzt. Wie stark sind Sie drangsaliert worden?

Berger: Ich war kein normaler DDR-Bürger, als ehemaliger Leistungssportler und Trainer war ich schon privilegiert. Aber natürlich war ich damit auch im Fokus der Stasi. Den Einfluss der Stasi und die Macht der Partei habe ich Mitte der 70er Jahre erfahren. Plötzlich sollte ich mich gesellschaftlich engagieren oder in die Partei eintreten. Das wurde erwartet. Für mich war das eine große Überwindung.

Schon 1976 durften Sie ein Länderspiel in der BRD nicht besuchen, weil Ihre Loyalität angezweifelt wurde. Stattdessen versuchte die Stasi, Sie anzuwerben.

Berger: Die Stasi konfrontierte mich mit völlig privaten Dingen. Ich hätte meine Scheidungs-Absicht melden müssen. Aus DDR-Sicht war ich gefährdet, abgeworben zu werden. Der Staat versuchte, Einfluss auf mich zu nehmen, Vertrauen war nicht da, so dass ich mich fragte: „Willst Du in den nächsten 30 Jahren so leben?”

Sie haben Ihre Flucht gedanklich drei Jahre vorbereitet. Wie haben Sie in dieser Zeit mit dem absehbaren Konflikt gelebt, dass Sie Ihre Familie zurücklassen werden?

Berger: Ich konnte niemanden in meine Gedanken einweihen. Diese Belastung war groß. Die Frage war: Wann habe ich die Chance? Nach drei, nach zehn Jahren oder gar nicht? Ich wusste, was passiert: Entweder mir gelingt die Flucht in den Westen ohne Rückfahrticket - oder ich lande sechs Jahren im Zuchthaus in Bautzen.

Sie haben in der Heimat Ihren neunjährigen Sohn Ron aus erster Ehe und Ihre Eltern zurücklassen müssen. Wie ließ sich der Kontakt aufrechterhalten?

Berger: Meine Frau ist hin und her gefahren, jeder ihrer Schritte wurde protokolliert. Den Staat zurückzulassen, ist mir nicht schwer gefallen. Aber die Menschen zurückzulassen, war unglaublich schwierig. Ich habe Ron nicht einmal angerufen, um ihm nicht zusätzlich zu schaden. Und Pakete ersetzen nicht die Vaterliebe. Aber es ist auch nicht gesichert, dass wir gemeinsam aufgewachsen wären. Wir waren getrennt, und es hätte sein können, dass ich meinen Beruf an einem anderen Ort ausüben müsste. Mit dem Gedanken habe ich mich beruhigt.

Hat Ihr Sohn Ihnen nicht vorgehalten, egoistisch gehandelt zu haben? Sie waren doch auch im Osten als Besitzer eines Auto, einer großen Wohnung privilegiert, durften zudem auch reisen.

Berger: Sicher war ich sehr egoistisch, sonst hätte ich den Schritt nicht machen können. Immerhin habe ich versucht, das Risiko für meine Ex-Frau zu verringern und habe die Scheidung abgewartet. Aber es hätte doch so enden können, dass ich 30 Jahre unglücklich in der DDR lebe und mir vorwerfe, die Chance zur Flucht damals in Jugoslawien nie wahrgenommen zu haben.

Sie haben nach zehn Jahren Ihren Sohn in Prag wiedergetroffen. Hat er den Egoismus-Vorwurf auch erhoben?

Berger: Nein, weder er noch meine Eltern. Der Vorwurf stammt von mir. Ron hat Nachteile gehabt, die ich nicht abgesehen habe. Mit jedem Erfolg wurde ich mehr und mehr zum System-Feind.

Sie haben in TV-Begleitung Ihre Stasi-Akten eingesehen. Warum haben Sie diese intimen Momente mit anderen geteilt?

Berger: Dieter Kürten hat mich angestoßen. Ich wollte nur einmal in der Öffentlichkeit darüber reden, da schien mir das Sportstudio geeignet. Dass es zwölf Akten waren, darauf war ich nicht vorbereitet.

Sind Sie heute noch auf der Suche nach der letzten Gewissheit, oder können Sie die Vergangenheit auch ruhen lassen?

Berger: Ich habe damit abgeschlossen, auch wenn ich immer noch Material bekomme. Es wird mich keine neue Erkenntnis mehr aus der Bahn werfen. Beim Schreiben des Buches habe ich das alles noch mal durchlebt, jetzt ist es vorbei.

PAUSE - Machen wir kurz eine Pause zwischen den beiden Durchgängen. Die Pausenansprache, die Motivation, gilt als Ihre große Stärke. Wollen Sie als Trainer oder Berater zurückkehren, oder genießen Sie das Leben als Privatier, der ab und zu bei Premiere Spiele analysiert?

Berger: Ich mache noch andere Dinge, jetzt steht das Buch im Vordergrund. Ich bin viel mit Dieter Kürten unterwegs, golfe ein bisschen inzwischen. Aber ich hänge immer noch am Fußball: Wenn ein Verein im Abstiegskampf Hilfe sucht, würde ich das nicht ausschließen. Es muss ja nicht Weißrussland oder Zypern sein. Ich bin immer noch motiviert.

Woher stammt diese Gabe zu motivieren, dass ehemalige Spieler sogar behaupten, dass Sie die Titanic gerettet hätten?

Berger: Ich musste mir mein Leben lang Sachen erkämpfen. Ich hatte immer Ziele, die ich erreicht habe. Eigenmotivation bedeutet auch, gewisse Risiken einzugehen. Das kann ich.

ZWEITE HALBZEIT - Die zweite Halbzeit wird in der Bundesrepublik angepfiffen, „wo niemand auf Sie gewartet hat”, wie es Ihre Mutter prophezeit hat. Sie haben zunächst sogar Sozialhilfe bekommen. Gibt es einen Wendepunkt?

Berger: Es war ein völliger Neubeginn, ohne Chance zur Wiederkehr. Und ich musste alleine starten, ohne Freunde, ohne familiäre oder berufliche Anbindung. Ich war nicht naiv, aber ich habe unterschätzt, wie schwierig es ist, ein Privat- und Berufsleben aufzubauen. Die ersten zwei, drei Jahre habe ich mir einfacher vorgestellt, ohne Schikanen. Letztlich hatte ich das Glück, die richtigen Freunde kennenzulernen.

Sind Sie nicht mit der festen Vorstellung geflohen, dass ein diplomierter Nationaltrainer-Ost auch im Westen Karriere machen wird?

Berger: Nein, ich habe gewusst, dass ein Trainer hier nicht den Stellenwert eines DDR-Spielers hatte. Spieler waren Ware. Das Problem war, dass ich der erste Fußballtrainer gewesen bin. Als Eiskunstlauf- oder Handballtrainer wäre ich gefragt gewesen.

Eine Woche vor Ihnen ist Lutz Eigendorf geflohen, der 1983 bei einem Autounfall starb. Haben Sie auch im Westen den Arm der Stasi gespürt?

Berger: Ich habe mich vom ersten Tag bis zum zum Fall der Mauer nicht sicher gefühlt. Ich hatte Alpträume, dass ich entführt wurde. Ich bin angesprochen worden, ob ich meine Mutter in Schweden treffen wollte. Mein siebter Sinn hat mich gewarnt. Aber es war beunruhigend, wie nah die dran waren. Sie wussten auch im Westen alles von mir, wie ich später in den Stasi-Akten gesehen habe. Dieselben Leute, die an Eigendorf dran waren, waren auch an mir dran.

Sind Sie nicht der Idealtypus des Trainers, weil Sie in Ihrem Leben so viel erlebt haben, dass Sie enorm stressresistent sind?

Berger: In meinem Leben musste ich immer wieder Entscheidungen mit ungewissem Ausgang treffen. Ständig musste ich neue Situationen meistern. Vielleicht bin ich deswegen so stabil im Abstiegskampf gewesen. Bei Alemannia konnte sich selbst vor wichtigen Spielen noch schlafen. Aber ich weiß natürlich nicht, was sich im Inneren der Körpers abspielt, auch wenn man den Stress als positiv empfindet.

Hätten Sie mit dieser Stabilität nicht auch Spitzenklubs helfen können?

Berger: Natürlich, aber ich habe das Image des Feuerwehrmannes bekommen. Ich musste mich im Westen nach oben arbeiten. 1981 hatte ich einen Angebot vom VfB Stuttgart, vielleicht wäre das die entscheidende Kreuzung gewesen. Stattdessen habe ich Fortuna Düsseldorf vor dem Abstieg gerettet.

VERLÄNGERUNG - Im Winter 2007 haben Sie die Nachricht erhalten, dass der Krebs gestreut hat. Professor Michael Hallek von der Kölner-Uniklinik hat gesagt, das statistisch bei einem solchen Befund noch zwei, drei Lebensjahre bleiben. Das hat Ihren Glauben nicht erschüttert?

Berger: Mein Leben war zwei Stunden aus den Fugen. Nur zwei Stunden. Der Professor hat gesagt: Das habe ich noch nie erlebt. Der Durchschnitt ist nicht wichtig für mich, habe ich ihm gesagt: Ich bin nicht der Durchschnitt. Ich habe mich schnell entschieden, mein Leben nicht zu verändern. Sich nicht zurückziehen, keine Weltreise, Alltag. Zeig das, steh dazu! Nebenbei: Ich war vorher auch nicht immer fit: Ich bin nur in Erklärungsnotstand geraten, weil ich keine Haare mehr hatte.

Man muss das Negative beiseiteschieben, ist einer Ihrer Leitsätze. Gelingt Ihnen das tatsächlich immer, oder bekommt die Öffentlichkeit nur eine Rolle zu sehen?

Berger: Es ist authentisch. Bei uns zuhause ist der Krebs kein Thema. Ich möchte die Familie so wenig wie möglich damit belasten.

Letzte Frage: Sie haben sich mal als Glückskind beschrieben. Stimmt diese Einschätzung heute noch?

Berger: Es gibt viele kranke Menschen, die nicht mehr auf die Beine gekommen sind. Ich sehe das Positive: Ich bin ein Glückskind. Nur eine Episode: Bei meiner Flucht hat mich ein Grenzer erkannt und trotzdem nicht aufgehalten. Er hat mir das andere Leben erst ermöglicht.


Das Buch von Jörg Berger: „Meine zwei Halbzeiten - Ein Leben in Ost und West” ist im Rowohlt-Verlag erschienen. Die 270 Seiten kosten 19,90 Euro.
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