„Jedes Training war für mich ein kleiner Rückschritt“

Von: Helga Raue
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Taktikbesprechung: Kanischka Taher hier mit seinem bisherigen Coach Sven Schaffrath. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Jedes Training war für mich ein kleiner Rückschritt. Meine Weiterentwicklung? Fehlanzeige. Wenn man nur 70 Prozent im Training geben muss, dann gibt man die irgendwann auch nur noch.“ Kanischka Taher redet nicht um den heißen Brei, er hat seine Konsequenzen aus der für ihn unerfreulichen Situation gezogen und sich aus Aachen verabschiedet. Fußball-Mittelrheinligist Alemannia II, seit dieser Saison eine U 21, laufen die Spieler davon.

Denn neben Taher haben sich auch Klaas Kurzke und Gerrit Wiff (wechselt zu Bezirksligist Bönen)nach nur einem halben Jahr wieder vom Tivoli verabschiedet.

Alemannias U 21-Kader ist ohnehin höchst übersichtlich: 13 Feldspieler – darunter die beiden Langzeitverletzten, der spielende „Co“ Daniel Hofmann und Tobias Standop – bildeten zu Saisonbeginn den Kader des Mittelrheinligisten. Ein etatmäßiger Keeper fehlt ganz. Ende September stieß noch der 19-jährige Belgier Manuel Angiulli für die Abwehr hinzu.

Dass der Kader so klein ist, wird unter dem Stichwort „Durchlässigkeit“ verbucht: Aus der U 23 wurde eine U 21, denn die zweite Mannschaft soll eine „Durchlaufstation“ für die jungen Talente sein, denen somit der Sprung in den Männerfußball über die U 21 bis in die Regionalliga erleichtert werden sollte. Die Idee hört sich gut an, doch die Umsetzung ist es nicht. Vor allem aus Sicht der U 21.

„Ich war lange verletzt, sonst wäre mir die Regelung sicher schon früher gegen den Strich gegangen“, sagt Kaher, der im Sommer 2013 zur Alemannia gekommen und auch in dieser Saison geblieben war – obwohl es seit dem Sommer keinerlei Aufwandsentschädigung für ihn und seine Teamkollegen in der U 21 mehr gibt. „Uns wurde gesagt, es sei kein Etat mehr für die zweite Mannschaft vorhanden. Aber das habe ich ja akzeptiert, als ich in Aachen verlängert habe“, macht Taher, der im siebten Semester Wirtschaftsingenieurwesen an der RWTH Aachen studiert und nebenbei Geld verdienen muss, das den Verantwortlichen auch nicht zum Vorwurf. Was den 23-Jährigen stört, sind die Trainingsbedingungen. Denn seit dem Sommer steht die U 21 um 18.30 Uhr gemeinsam mit der A-Jugend unter Trainer Kai-Uwe Kallenbach auf dem Platz.

„Zu Saisonbeginn hat unser Coach Sven Schaffrath das Training meist geleitet, doch zuletzt gab Herr Kallenbach nur noch die Anweisungen. Nicht, dass das schlecht ist, aber das Training ist halt nur auf eine U 19 ausgelegt und nicht auf Männerfußball“, so Taher. „Ich bin mit meinen 23 Jahren im Schnitt fünf Jahre älter als der Rest, dadurch habe ich meine Leistung heruntergeschraubt, 60, 65 Prozent reichen. Und so macht das Training keinen Spaß mehr.“

Was aber erschwerend hinzukommt: „Wenn man im Training gegen die U 19 körperlich nicht so reingeht, macht man das automatisch im Spiel auch nicht“, so Taher. Vielleicht eine Erklärung für die schwächere Phase der Aachener U 21 in der Hinrunde, die mit einer erfolgreichen Schlussphase auf Platz 9 endete.

Nur als Lückenbüßer gefühlt

Von Viktoria Arnoldsweiler war im Sommer Klaas Kurzke an den Tivoli gewechselt. „Das war keine gute Entscheidung“, bedauert der 20-Jährige, der nur in sechs Partien zum Einsatz kam. „Bei Alemannia herrscht eine totale Diskrepanz zwischen Kallenbach und Schaffrath einerseits und zwischen Plaßhenrich und Schaffrath andererseits. Und wir Spieler sind die Leidtragenden. Sven Schaffrath ist ganz sicher kein schlechter Trainer, aber er ist selbst ein Leidtragender der Situation. Und für uns ist es schlecht, dass er uns nicht mehr in Schutz nehmen kann.“ Klare Worte findet Kurzke zum aktuellen System U 21: „Wir sind doch Marionetten, weil man die Mannschaft nicht ganz abmelden wollte. Und wir haben uns als Lückenbüßer gefühlt. Bei uns sollen die U 19-Spieler den Sprung nach oben schaffen oder die Profis sich fit halten, aber an uns denkt keiner. Wir hatten keine Möglichkeit, uns beim Cheftrainer für oben zu empfehlen. Durchlässigkeit sieht anders aus.“

Noch ist es offen, vermutlich wird Kurzke aber zu seinem ehemaligen Klub zurückkehren. „Ich war bei Bernd Lennartz ein ganz anderes Niveau im Training gewohnt, das ist mit Alemannia nicht zu vergleichen. Ich bin seit dem Sommer deutlicher schlechter geworden, deshalb habe ich die Notbremse gezogen.“

Eine Notbremse war es auch für Taher: „Ich habe ganz krasse Rückschritte im Kopf und fußballerisch gemacht. Das letzte halbe Jahr war fußballerisch die schlimmste Zeit für mich“, bedauert der gebürtige Afghane, der auch schon für die Nationalmannschaft seines Heimatlandes aufgelaufen ist. „Als ich nach Aachen gekommen bin, hatte ich gehofft, dass ich vielleicht auch mal oben reinschnuppern, vielleicht sogar mittrainieren könnte. Aber es besteht keinerlei Kontakt zu Cheftrainer Peter Schubert oder zur ersten Mannschaft, das wird strikt getrennt. Die propagierte Durchlässigkeit galt für uns leider nicht. “

Aktuell trainiert Taher bei einem Niederhein-Oberligisten, möglicherweise eine Alternative für die Rückrunde. „Das erste Jahr Mittelrheinliga in Aachen hat mich trotzdem weitergebracht, nur das zweite war leider ein Rückschritt.“

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