Aachen - Insolvenzverwalter Niering plant mit Sportetat von 700.000 Euro

Insolvenzverwalter Niering plant mit Sportetat von 700.000 Euro

Von: Christoph Pauli
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Blickt nicht gern zurück: Christoph Niering. Foto: Gras

Aachen. Den Dienstagabend verbrachte Christoph Niering im „Klömpchensklub“ am Tivoli. Alemannia Aachens Insolvenzverwalter hatte die Mitglieder zum Gedankenaustausch eingeladen, um sie über Pläne zu unterrichten.

Niering möchte den Fußball-Viertligisten wieder ein bisschen an die Basis zurückfahren, dazu gehört auch, dass Ehrenamtler wieder mehr Bedeutung bekommen. „Dabei geht es nicht mal um wirtschaftliche Aspekte, es geht auch um die Emotion, um die Bindung zum Verein.“

Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich mit Niering.

Welche Situation haben Sie angetroffen am Tivoli, Herr Niering?

Niering: Wir haben einen Verein und eine Spielgesellschaft vorgefunden, die über die zweite Insolvenz verunsichert war. Die Leute in den Gremien haben viel versucht, um das zu vermeiden. Im Gegensatz zu anderen Vereinen ist der Schritt rechtzeitig erfolgt.

Haben Sie Ansatzpunkte für Unregelmäßigkeiten oder hat da jemand klassisch über seine Verhältnisse gelebt?

Niering: Nein, hier ist es anders. Die GmbH hat das Thema Sanierungsgewinn und der Wegfall des Sanierungserlasses empfindlich getroffen. Es gibt Verbindlichkeiten aus der ersten Insolvenz, die kein Verein oder keine GmbH hätte tragen wollen. Seit 2003 gab es den Sanierungserlass, auf den sich Verein und Verwalter verlassen konnten.

Alle haben daran geglaubt, dass die Forderungen nach der Stundungsphase (Anm. d Red.: läuft noch bis Ende Mai) wegfallen. Dann hat der Bundesfinanzhof Ende des Jahres den Erlass gekippt, und Alemannia bekam kurzfristig keine andere Entscheidung der Finanzbehörden in NRW. So drohte die Zahlungsunfähigkeit. Zusammengefasst: Bei Alemannia sind nicht Schulden bis zum Abwinken gemacht worden, sondern es gab neben der schwierigen sportlichen Situation dieses Thema, das alle Entscheidungsträger und Sponsoren verunsichert hat.

Es gab öffentliche Kritik, dass das Thema Sanierungsgewinn schon im letzten Verfahren hätte erledigt sein müssen. Teilen Sie diese Meinung?

Niering: Der Blick zurück bringt nicht viel. Hätte es Prof. Mönning erledigen müssen, oder der Verein oder der Geschäftsführer? Konnten sie damit rechnen, dass der Sanierungserlass wegfällt? Ich habe Probleme damit, das Thema jemand in die Schuhe zu schieben.

Noch ein letzter Blick in den Rückspiegel: Mönning hat die Idee ins Spiel gebracht, die erste Tranche des letzten Insolvenzverfahrens über etwa eine halbe Million Euro an die GmbH weiterzureichen. Verfolgen Sie die Idee?

Niering: Ich habe ihn angeschrieben: Wenn er die Möglichkeit sieht, würde ich da mich natürlich nicht verschließen. Ich habe eine ratierliche Zahlung angeregt, damit die Gläubiger erkennen, wie sich die Dinge nachhaltig entwickeln.

Können Sie etwas sagen zur finanziellen Situation des Verein, zur Zahl der Gläubiger, zur Höhe der Forderungen?

Niering: Das Gutachten will ich bis Ende Mai fertigstellen. Ich habe noch keinen finalen Überblick.

Wo steht der Verein, was ist Ihre Kernbotschaft?

Niering: Eine zweite Insolvenz bedeutet nicht das Ende. Auch andere Klubs brauchten mehrere Anläufe, um die Ausgaben an den Einnahmen zu orientieren. Das ist der Ansatzpunkt, und das wird schwer genug. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe für Mitglieder, Sponsoren und Stadt. Jeder muss seinen Beitrag überlegen, wenn es weitergehen soll.

Diesen Appell haben Sie auch bei Ihrem ersten öffentlichen Auftritt geäußert. Haben Sie eine Resonanz erhalten?

Niering: Ja, es gibt positive Ansätze. Wir haben auch schon Sponsoren-Zusagen für die nächste Saison, allerdings reicht das noch nicht. Es gibt auch sehr rührende Zusagen von Fans, die sich in kleinen Gruppen zusammenschließen. Das brauchen wir jetzt: Leute, die jetzt mit anpacken.

Wie sieht der geplante Etat, wie der Zuschauerschnitt aus?

Niering: Wir setzen auf 4800 Zuschauer. Der gesamte Etat soll bei 2,5 Millionen Euro liegen, davon werden zum Beispiel erhebliche Mittel für unser Sicherheitskonzept gebunden. Und zehn Prozent des Etats gehen an die Stadt oder stadtnahe Gesellschaften für Miete, Erbpacht etc. Diese 250.000 Euro sind dann die Hälfte der geplanten Zuschauereinnahmen.

Der Spieleretat wird bei einer Million Euro liegen (Anmerkung der Redaktion: derzeit 1,3 Millionen), davon gehen aber etwa 300.000 Euro für Berufsgenossenschaft und Arbeitgeberanteile für die Sozialversicherung weg. Insofern kann der Kaderplaner 700.000 Euro investieren für alles, was mit dem Spielbetrieb der ersten Mannschaft zu tun hat – inklusive der Punkteprämien.

Reicht das, um ein Vollprofitum weiter zu betreiben?

Niering: Haben wir das heute denn noch? Es gibt viele Spieler, die für 450 Euro spielen. Einige werden noch von ihren Eltern unterstützt. Eine Idee ist es, Sponsoren zu finden, die Spielern Ausbildungsverträge anbieten, die nicht nur auf dem Papier bestehen. Das könnte auch ein guter Ansatz für Spieler sein, die es nicht mehr in die höhere Ligen schaffen.

Woran scheitert bislang die Weiterverpflichtung von Fuat Kilic?

Niering: Wir mussten anfangs natürlich sondieren. Es reicht ja nicht aus, das Interesse für eine weitere Zusammenarbeit zu formulieren. Er will wissen, was er verdienen kann, wie hoch ist der Etat? Die Zahl hat er jetzt. In diesen 700 000 Euro ist auch sein Gehalt dabei. Er muss jetzt rechnen, ob er für die Summe eine funktionierende Mannschaft bekommt. Das ist unser Weg, für den wir aber die Unterstützung von Sponsoren benötigen, die wir teilweise nächste Woche treffen. Ich kann den Vertrag doch nur anbieten, wenn unsere Planungen aufgehen. Wir sind in einem sauberen offenen Austausch.

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Kann sich der Verein noch ein Nachwuchsleistungszentrum leisten?

Niering: Es gibt nur bei neun von über 90 Regionalligisten ein zertifiziertes NLZ. Das kann sich Alemannia nicht mehr leisten. Wir stellen derzeit alles infrage, auch die zweite Mannschaft, die sportlich auch weit weg von der Regionalliga ist. Es bedeutet nicht, dass wir die Jugendarbeit einstellen. Aber die Zertifizierungsvorgaben des DFB sind sehr kostenintensiv. Mit Herrn Kilic ist schon besprochen, dass der Trainer der ersten Mannschaft mit seinem Team den Bereich mit organisieren muss. Die A- und B-Trainer gehören dann zu seinem erweiterten Stab.

Wo können Sie noch in größerem Stil einsparen?

Niering: Wir wollen auch mit dem Hausherren über das Sicherheitskonzept reden, es lässt sich vielleicht abstufen, orientiert an der Zuschauerzahl. Wir brauchen nicht jedesmal 160 Ordner. Vielleicht müssen wir auch auf das toll gemachte Stadionheft oder die Videoleinwand verzichten. Es gibt da viele kleine Möglichkeiten.

Sie planen ohne den Einstieg eines Investors?

Niering: Ja, wir haben keinen Investor. Es gibt keine belastbaren Zusagen, auf die wir zurückgreifen könnten. Wir bleiben aber offen für das Thema.

Vor Weihnachten hat sich eine Gruppe um Michael Kölmel vorgestellt. War denn das Angebot nicht belastbar?

Niering: Es ist mir gegenüber nicht wiederholt worden, obwohl ich Kontakt hatte mit dem Sprecher der Gruppe, Wolfgang Holzhäuser. Deswegen planen wir ohne einen Investor. Das spricht aber derzeit eher für die Stärke denn für die Schwäche des Vereins.

Was macht die Suche nach dem Geschäftsführer?

Niering: Wir führen Gespräche, die wir nächste Woche vielleicht beenden. Er muss zu Aachen und zu unserem schmalen Budget passen. Es muss jemand sein, der nicht nur organisiert, sondern auch Bereiche übernimmt.

Der Rechtevermarkter Infront, der zuletzt für jährlich etwa 1,4 Millionen Euro garantiert hat, hat erbost gekündigt. Wird es einen neuen Vermarkter geben?

Niering: Nein, Alemannia ist eine regionale Veranstaltung. Es wird schwer, jemanden für die 4. Liga zu finden. Zudem tut es ja auch weh, einen Prozentsatz für Provision abzugeben.

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