Funkel: „Da nutzt auch kein Gute-Laune-Bär”

Letzte Aktualisierung:
Funkel
Alemannias Trainer Friedhelm Funkel. Foto: dapd

Aachen. Mit einer so miesen Bilanz ist Alemannia Aachen noch nie in eine Winterpause der Zweiten Liga gegangen. Friedhelm Funkel, Mitte September als Nachfolger von Cheftrainer Peter Hyballa verpflichtet, hat nur einen Auftrag: den Verein „über dem Strich” zu halten. Unsere Redakteure Christoph Pauli und Klaus Schmidt sprachen mit dem erfahrensten Mann im deutschen Profifußball.

Herr Funkel, würden Sie den Vergleich mit einem Unternehmensberater akzeptieren, der mit seinen Mitteln eine Firma saniert und dann klaglos zum nächsten Einsatzort weiterzieht?

Funkel: Nein. Ich möchte langfristig etwas gestalten können. Das habe ich einige Male auch Gott sei Dank gedurft, einige Male nicht, aber ich sehe mich jetzt nicht als jemanden, der kommt und dann mit den Gedanken vielleicht schon wieder woanders ist.

Haben Sie den Eindruck, in einem Verein gelandet zu sein, der extrem auf das Ziel Klassenerhalt fokussiert ist, oder bekommen Sie die permanente Unruhe mit?

Funkel: Meine Arbeit behindert im Moment überhaupt nichts. Wir sind fokussiert auf den Klassenerhalt in dieser Saison, überhaupt keine Frage. Aber das darf nicht die Zielsetzung in jedem Jahr für Alemannia Aachen sein. Egal wie die finanzielle Situation letztendlich aussieht. Alemannia ist der Zweitliga-Verein schlechthin aufgrund der langen, langen Zugehörigkeit. Und da darf es nicht der Anspruch sein, in jedem Jahr nur die Klasse halten zu wollen. Dann steigt man irgendwann ab. In diesem Jahr geht es aufgrund des eminent schlechten Startes nicht anders. Wenn uns der Klassenerhalt - und davon bin ich hundertprozentig überzeugt - gelingt, dann muss im nächsten Jahr die Zielsetzung wieder eine andere sein: ein einstelliger Tabellenplatz.

Was für einen Kader haben Sie vorgefunden?

Funkel: Der Kader ist sehr, sehr groß. Darüber hinaus gab es Langzeitverletzte, Spieler, die durch Kleinigkeiten immer wieder ausgefallen sind. Natürlich gab es eine gewisse Verunsicherung, was völlig normal ist, wenn man nur ein Tor geschossen, nur vier Punkte geholt, kein Spiel gewonnen hat. In der Mannschaft gab es nicht den Ansatz einer Hierarchie. Viele haben auf dem Platz geredet, aber auch viel aneinander vorbeigeredet, der eine oder andere wollte sich nichts sagen lassen. Das sind keine guten Voraussetzungen. Die treffen immer dann zu, wenn eine Mannschaft nicht erfolgreich ist.

Welche Stellschrauben mussten Sie drehen?

Funkel: Man muss erst die Spieler, die Mannschaft, das direkte Umfeld ein Stück weit kennenlernen. Das ist ein Prozess, der schon eine Zeit lang dauert. Man muss versuchen, in der Kürze der Zeit eine Mannschaft zu finden, in der man nicht mehr allzu oft wechselt. Es ist ganz wichtig, dass die Spieler Vertrauen bekommen und wissen, dass sie nicht nach einem schlechten Spiel möglicherweise sofort wieder ausgewechselt werden. Die Spieler brauchen Zeit, um nach einer gewissen Verunsicherung wieder das abzurufen, was sie können.

Ist es für Sie schwierig, so eine verhältnismäßig große Gruppe bei Laune zu halten? Oder können Sie sich gar nicht daran aufhalten, dass alle gute Laune haben?

Funkel: Nee, daran kann ich mich nicht aufhalten. Man versucht es natürlich, aber das geht nicht immer. Man kann machen, was man will, wenn der Erfolg nicht da ist, ist es schwierig. Da nutzt kein Psychologe, da nutzt kein Clown, da nutzt auch kein Gute-Laune-Bär.

Wenn man ein Team in einer äußerst prekären Situation übernimmt: Haben sich dann erst mal alle eigenen Ideen vom Fußball, die gerne hochtrabend als Philosophie bezeichnet werden, erledigt?

Funkel: Man muss erst mal auf die Basics zurückkommen. Von der Physis her muss man zu 100 Prozent da sein. Wir haben in den Länderspielpausen daran gearbeitet, weil mein Eindruck war, dass dieser Punkt noch verbesserungswürdig ist. Da haben die Spieler bei diesen wirklich nicht beliebten intensiveren Laufeinheiten mitgezogen und haben auch gespürt, dass das notwendig ist. Da kommt es nicht darauf an, Spaß zu vermitteln, sondern darauf, was man glaubt, machen zu müssen.

Sie haben den Trainingsumfang deutlich reduziert im Vergleich zu Ihrem Vorgänger. Kann die Mannschaft trotzdem spritziger werden?

Funkel: Wie soll ich das jetzt ausdrücken? Ist das eine Philosophie des jeweiligen Trainers? Beruht das auf Erfahrungswerten? Peter hat ja auch Erfahrung gehabt, allerdings mehr im Bereich der Jugend. Da war er sehr erfolgreich. Ich habe in all den Jahren die Erfahrung gemacht, dass das Kriterium dafür, wie ich trainiere, das Spiel am Wochenende ist. Das Ergebnis steht da nicht im Vordergrund. Wenn ich sehe, dass die Spieler sich läuferisch zu 100 Prozent verausgabt haben, dann muss ich nicht im Laufe der Woche täglich zwei Stunden trainieren.

Inwieweit sind wissenschaftliche Parameter wie Laufleistung oder Laktatwert eine Hilfe für Sie?

Funkel: Das ist nur ein Hilfsmittel, ich stelle nicht anhand solcher Kriterien auf. Wichtig sind Leidenschaft, Einsatz- und Laufbereitschaft. Dafür habe ich ein Auge.

Sie haben im Schnitt mehr als doppelt so viele Punkte pro Spiel geholt wie Peter Hyballa. War es demnach ein erfolgreicher Trainerwechsel?

Funkel: Vielleicht hätte Peter die Kurve auch noch bekommen. Ich bin nicht zufrieden mit dem Verlauf, weil wir vier bis sechs Punkte in Dresden, Bochum, Frankfurt und Braunschweig leichtfertig liegengelassen haben. Wir könnten besser stehen, wenn wir nicht so viele individuelle Fehler machen würden. Positiv ist aber, dass uns diese Dinge nicht mehr aus der Bahn tragen.

Der Verein war auf dem Weg, eine gute Adresse für junge Auswahlspieler zu werden. Wird der Weg gerade verlassen?

Funkel: Nein, wir reagieren gerade nur situationsbedingt. Die älteren Spieler bieten mir mehr Stabilität. Deswegen habe ich im Moment den Entschluss gefasst, verstärkt auf erfahrene Spieler zu setzen, deren Nerven nicht so flattern. Prinzipiell arbeite ich aber unglaublich gerne mit jungen Spielern, in Bochum haben wir fünf, sechs Jungens aus dem Nachwuchsbereich in die Stammformation eingebaut. Sie haben sich eben auch aufgedrängt, und die Mannschaft war gefestigter. Dann ist es leichter, junge Spieler zu berücksichtigen.

Wer führt Alemannia in dieser Saison?

Funkel: Bas Sibum, Aimen Demai, Timo Achenbach, Benny Auer und auch Thomas Stehle, obwohl er gerade kaum spielt, sind ganz wichtige Spieler. Sie bekommen von mir die notwendige Unterstützung, die sie sich erarbeitet haben.

Bleiben die Stiepermanns, Uludags, Junglas auf der Strecke?

Funkel: Nein, ab 6. Januar geht es wieder bei Null los. Aber sie müssen mir was anbieten. Dazu gehören auch die Hallenturniere. Ich bin ein großer Fan solcher Veranstaltungen, weil man in wenigen Minuten viel sehen kann. In 20 Jahren bin ich noch nie in der Vorrunde ausgeschieden. Über die Halle hat sich der eine oder andere schon für die Startelf aufgedrängt.

Wenn Spieler nach einem halben Jahr den Verein wechseln wollen, gelten sie als Söldner. Hier ist es so, dass der Verein nach wenigen Monaten Profis wie Bäcker, Strifler, Erb und Hartmann schon wieder nahelegt, sich neu zu orientieren. Muss sich da nicht der Klub hinterfragen?

Funkel: Der Verein hat - warum auch immer - sehr viele Spieler mit wenig Geld aus unteren Ligen verpflichtet. Da ist es normal, dass nicht alle den Sprung in die 2. Liga schaffen. Daraus kann man keinen Vorwurf konstruieren. Vielleicht liegen wir mit unseren aktuellen Entscheidungen auch falsch, weil wir den genannten Profis wenige Möglichkeiten gegeben haben und sie sich jetzt woanders gut entwickeln. Ich muss aber als Trainer Entscheidungen treffen und sie dann sauber und frühzeitig kommunizieren.

Was ist mit den Spielern in der Reha?

Funkel: Kevin Maek wird noch länger ausfallen, bei Bilal Cubukcu und Flo Müller müssen wir auch noch abwarten. Anouar Hadouir ist der Einzige, der für das Trainingslager infrage kommt.

Haben Sie schon eine Vorstellung über sein Leistungsvermögen gewonnen?

Funkel: Er hat nur 30 Prozent der Einheiten mitgemacht, das ist sehr wenig. So ist er nie nahe ans Team herangerückt. Für mich ist er ein Kreativspieler, der direkt hinter der Spitze eingesetzt werden muss. Wir müssen ihn eben fit kriegen.

Das haben Sie im Oktober, November auch schon gesagt.

Funkel: Ja, er war dann krank und verletzt. Ich kann auch heute nicht sagen, wie schnell er sich an die Mannschaft heranspielt, ihm fehlt zudem Spielpraxis. Jetzt beginnt auch die Zeit der harten Böden, das ist nicht ideal für einen Knie-Patienten. Wir müssen ihn behutsam aufbauen, aber im Grunde haben wir keine Zeit. Es gibt nur noch 15 Spiele in drei Monaten.

Es hat viele Reaktionen gegeben, weil Sie nach dem letzten Heimspiel gesagt haben, dass ein Balljunge bei einer Führung des eigenen Teams die Partie verzögern müsse. Widerspricht das nicht dem Fairplay?

Funkel: Die Leute sind alle nicht ehrlich. Jeder Trainer in meiner Situation denkt so. Warum soll ich das nicht offen sagen? Man soll und darf das Fairplay nicht mit Füßen treten. Trotzdem stehe ich dazu: Es ist legitim und professionell, alle Vorteile auszunutzen. Heute äußert sich jeder, ohne die Zusammenhänge zu kennen. Damit gehe ich gelassen um. Man sollte alles nicht so hoch hängen, auch der Junge hat damit kein Problem. Wir haben ihm keinen Vorwurf gemacht, aber er hätte den Ball nicht unbedingt nach 0,1 Sekunden zurückwerfen müssen. An dem Gegentor waren wir aber natürlich einzig und alleine selbst schuld.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in die Weihnachtsferien?

Funkel: Das Gefühl ist gut, weil sich die Mannschaft kleine Erfolgserlebnisse erarbeitet hat. Es kristallisiert sich ein Gefüge heraus. Das ist wichtig und darf auch nicht durch fünf oder sechs Zugänge im Winter gefährdet werden. Aber diese „Gefahr” besteht hier ohnehin nicht. Das Team kann mithalten, muss aber noch drauflegen, um häufiger zu gewinnen. Das ist der nächste Schritt, von den letzten 15 Spielen müssen wir mindestens die Hälfte gewinnen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert