Aachen - Frithjof Kraemer: „Alemannias Liquidität ist angespannt”

Frithjof Kraemer: „Alemannias Liquidität ist angespannt”

Von: Christoph Pauli
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Frithjof Kraemer: „Im Nachhinein ist man immer klüger. Blöder Spruch, trifft es aber.” Foto: Jaspers

Aachen. Für die neue Arena hat Alemannia viel Beifall erhalten. Jahrzehntelang wurde das Projekt zerredet, so dass man fast nicht mehr an eine Realisierung glaubte. Nun ist der schmucke Tivoli längst eingeweiht, doch erkennbar hat sich Alemannia bei den Investitionen verhoben.

Es fehlen Millionen für den notwendigen Ausbau der Infrastruktur, es fehlen Millionen für den laufenden Betrieb. Der Verein wendet sich hilfesuchend an die Stadt, die das Aushängeschild der Region unterstützen soll. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Frithjof Kraemer vor der Entscheidung, die in den nächsten Wochen fallen soll.

Die finanzielle Situation beim Verein hat in den letzten Wochen zur Sondersitzungen des Aufsichtsrats geführt. Wie ist der Stand?

Kraemer: Man kann keinen Hehl daraus machen, dass die Liquidität angespannt ist. Die Situation ist aber nicht so, wie stellenweise kolportiert, dass Insolvenz droht oder die Zahlungsfähigkeit gefährdet sei. Das ist definitiv nicht der Fall.

Wie ist es zu diesem Engpass schon im ersten neuen Tivoli-Jahr gekommen?

Kraemer: Alemannia hat sich 2006 für den Stadionneubau entschieden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Verein hat das Stadion selbst finanzieren müssen. Aber seit dem Startschuss im Herbst 2006 ist bis heute viel passiert, was bei der Finanzierung nicht planbar war. Man muss trennen: Die angespannte Liquidität hat mit den Investitionen in das neue Stadion zu tun und nicht mit dem operativen Geschäft, sprich dem Lizenzfußball.

Es gibt Aspekte, auf die Sie keinen Einfluss hatten, wie zum Beispiel die Entscheidung des Bundeskartellamts, die zu einer Reduzierung der geplanten TV-Gelder von 7 auf 4,6 Millionen Euro geführt haben. Es gibt eine Weltwirtschaftskrise. Aber Aachen hat den angepeilten Zuschauerschnitt erreicht, liegt bei der Stadionvermarktung über Plan. Was ist also passiert?

Kraemer: Der Plan, unsere Ertragslage deutlich zu verbessern, ist aufgegangen. Der Cash Flow ist positiv, die Auslastungsgrade sind so wie kalkuliert - trotz der Wirtschaftskrise ab 2008. Die entscheidende Frage ist: Kann der Verein mit dieser Ertragslage die Finanzstruktur bedienen? Antwort: Wir sind in einem sehr engen Korsett! Das ist eben so eng, weil gewisse Annahmen den Stadionbau betreffend sich nicht erfüllt haben.

Alleine mit der Weltwirtschaftskrise kann man doch nicht die Krise in Aachen erklären?

Kraemer: Nein, wir haben hier unter einem enormen Zeitdruck gearbeitet. Das Projekt musste zur Saison 2009/10 stehen, weil uns die Bürgschaft sonst nicht mehr gelungen wäre. In diesem knappen Zeitraum sind dann bei Bauvorhaben Dinge eingetreten, die vorher nicht so klar waren.

Hätten Sie als Verantwortlicher nicht längst S.O.S funken müssen, weil die Kosten aus dem Ruder laufen?

Kraemer: Ein Unter- und Abbrechen war keine Alternative. Deswegen haben wir im Bauverlauf einige Dinge auf uns geschultert, die uns jetzt drücken. In der Bauphase sind immer wieder Probleme aufgetaucht, mit denen wir nicht rechnen konnten. Manchmal sind wir auch davon ausgegangen, dass wir für die Lösung gar nicht zuständig sind. Die gefundenen Lösungen standen immer unter der Überschrift: Es muss weitergehen. So haben wir gewisse Dinge in Kauf genommen, deren finanzielle Konsequenzen uns jetzt wehtun.

Mussten Sie nicht sogar die Notbremse ziehen?

Kraemer: Zur Klarstellung: Für den gesamten Bau mit der Ausstattung waren 50 Millionen Euro veranschlagt, wir haben keinen Cent mehr ausgegeben. Die Notbremse war keine Alternative. Die Opportunitätskosten wären viel größer geworden durch eine verspätete Inbetriebnahme oder Ausschluss aus dem Bürgschaftsverfahren.

Haben Sie Fehler gemacht?

Kraemer: Im Nachhinein ist man immer klüger. Blöder Spruch, trifft es aber. Natürlich hätte man im Vorfeld Fragen, die die Baureif-Machung dieses Grundstücks betrafen, intensiver klären müsssen. Wenn wir uns aber noch ein halbes Jahr mit solchen Themen beschäftigt hätten, wären andere - eben erwähnte - Probleme wieder entstanden. Dann hätten wir nie anfangen können.

Nach unseren Recherchen hat Alemannia zum Beispiel für Rodungsmaßnahmen fast 600.000 Euro ausgegeben, für die Umsiedlung zum Beispiel des Postsportvereins weitere 250.000 Euro.

Kraemer: Zu den Zahlen sage ich nichts. Bei meinen allerersten Kontakten mit Alemannia im Dezember 2006 habe ich erfahren, dass Stadt, Fans, Politik sich einig sind, dass das neue Stadion an die Krefelder Straße gehört.

Unter baulichen Aspekten war das der denkbar ungeeigneteste Ort. Er hat eine Nebenbebauung, ist eingekesselt, liegt an einer Straße, hatte noch andere Nutzer und Mieter. Die finanziellen Mittel diesen Baugrund baureif zu machen, sind schlicht unterschätzt worden. Die Politik sowie die Stadt als Eigentümer des Grundes haben vieles getan, aber einiges hat der Verein auch übernommen, weil schnell Lösungen gefunden werden mussten.

Sind die Folgen dieses Zeitdrucks überproportional bei Alemannia hängen geblieben?

Kraemer: Wir haben das Herz in die Hand genommen und das Thema durchgezogen. Wir haben aber auch geglaubt, dass wir eine gemeinsame Lösung mit der Stadt später finden werden. So ist Alemannia das eine oder andere Risiko eingegangen, was man uns vielleicht als Naivität auslegen könnte. Das kann man uns vorwerfen. Im Nachhinein muss man sagen, dass manches Problem eben noch nicht gelöst war und ist.

Gibt es städtische Zusagen, die nicht eingehalten wurden?

Kraemer: Bei gewissen Themen haben wir keine finale Lösung aufgrund des Zeitdrucks gefunden, stattdessen siegte der Pragmatismus. So haben wir vieles an uns gezogen, um weiterzukommen. Wir haben zum Beispiel damit gerechnet, dass wir ein baureifes Grundstück von der Stadt bekommen.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass viele Vorgänge auf Zuruf initiiert wurden ohne entsprechende Verträge.

Kraemer: Wir musssten am 1. April 2007 ins Bürgschaftsverfahren reinkommen, am 1. September 2007 mussten wir das Procedere durchlaufen haben. Unter diesem Zeitdruck geht man Kompromisse ein, um weiterzukommen.

Hätten Sie heute lieber mehr Verträge und eindeutige Regelungen?

Kraemer: Ja. Mit einer zeitlich längeren Vorlaufphase hätte man viele Fragen final klären müssen.

Hängt diese Hemdsärmeligkeit auch damit zusammen, das man mit OB Jürgen Linden einen Vertrauten als Ansprechpartner bei der Stadt hatte, der gleichzeitig der wichtigste Mann im Verein ist?

Kraemer: Nein, das kann man nicht sagen. Unter jedem anderen OB hätten wir diesen Weg genauso gehen müssen. Jürgen Linden hat großen Anteil an der Realisierung des Stadions.

Es gibt viele Kommunen, die ihren Bundesligisten massiv beim Stadionneubau unter die Arme gegriffen haben. Kann man die städtische Hilfe hier konkretisieren?

Kraemer: Die infrastrukturellen Maßnahmen für die Erschließung des neuen Tivoli sollen durch die Projektierung des alten Tivoli abgedeckt werden. Dieser Aufgabe hat sich die Kommune gestellt. Nebenbei: Von der Erschließung profitiert nicht nur Alemannia, sondern der gesamte Sportpark Soers, der hier entwickelt wird.

Für eine Bezuschussung des eigentlichen Baukörpers hat sich die Stadt außerstande gesehen, deswegen brauchten wir ja auch die Landesbürgschaft. An vielen anderen Standorten ist die Situation anders, wir müssen unser 50-Millionen-Projekt alleine stemmen.

Sie haben Ihre Nöte der Stadt vor ein paar Wochen geschildert. Was streben Sie an?

Kraemer: Hilfe. Wir hatten für den Baukomplex die Überschrift, dass wir das Projekt alleine stemmen können, selbst wenn unerwartete Dinge eintreffen. Aber es ist zu viel passiert, wir können es nicht mehr alleine stemmen.

Worum geht es konkret?

Kraemer: Es geht konkret um die Anlaufkosten des Stadions in Höhe von über drei Millionen Euro, die wir aus dem operativen Geschäft vorfinanziert haben.

Zudem sind wir im Moment nicht in der Lage, in weitere Trainingsplätze (Kostenschätzung: 2,5 Millionen Euro; d. Red.) zu investieren. Die gesamte Trainings-Infrastruktur war nie Bestandteil unserer Budgetplanungen. Wir haben deshalb ein Modell vorgeschlagen, dass wir uns nicht nur als Talentschmiede für unseren Profikader verstehen, sondern uns mit einer neuen Infrastruktur für soziale Themen öffnen. Wir verfügen über Ressourcen, um jungen Menschen etwas über das Thema Sport zu vermitteln.

Was passiert, wenn Ihnen die Stadt nicht hilft?

Kraemer: Dann ist das Problem nicht gelöst. Wir sollten uns alle vor Augen führen, welche positiven Signale der neue Tivoli über die Stadtgrenzen hinaus bisher für Aachen gesetzt hat. Daran müssen wir uns orientieren.

Sie haben mit der AachenMünchener einen zuverlässigen Partner seit Jahren an Ihrer Seite...

Kraemer: Wir sind im Gespräch, weil wir ein gemeinsames Ansinnen haben: Wir wollen beide den Standort bereichern. Deswegen bin ich dankbar, dass sich die AachenMünchener nicht verschließt, wenn es ein Gesamtpaket mit der Stadt und weiteren Sponsoren gibt, in dem die Nachwuchsförderung eine zentrale Rolle spielen wird.

Der aktuelle Spieleretat liegt bei 8,6 Millionen Euro. Wie stark wird er reduziert?

Kraemer: Die exakten Zahlen zum Spieleretat geben wir nicht heraus. Generell gilt: Wir bleiben bei unserem Sparkurs, der auch der konjunkturellen Lage Rechnung trägt. Die Spielerverträge werden enorm leistungsbezogen gestaltet.

Wir setzen bewusst auf junge Spieler, auch wenn es länger dauert, dass das Früchte trägt. Wir schrauben zurück, bleiben aber authentisch.

Welchen Zuschauerschnitt streben Sie an?

Kraemer: Knapp über 20.000.

Werden die Eintrittspreise verändert?

Kraemer: Aus heutiger Sicht nicht.
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