Aachen - Ex-Alemanne Thomas Hengen: Vom Tivoli in die Premier League

Ex-Alemanne Thomas Hengen: Vom Tivoli in die Premier League

Von: Klaus Schmidt
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Tradition und Moderne: Für das Scouting im Auftrag des FC Everton, 1878 gegründet, gehört das Laptop zur Grundausstattung von Thomas Hengen. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Ein schönes Leben hat dieser Mann. Immer einen Durchfahrtschein zum Stadion, immer die besten Tribünenplätze, Spiele auf europäischem und nationalem Top-Niveau, und das Tollste: Wofür andere zahlen würden, das bringt diesem Mann auch noch Geld. „Das ist ein Fulltime-Job”, sagt Thomas Hengen, „der macht Riesenspaß.”

Seit dem vergangenen Frühling ist der 35-Jährige hauptamtlicher Scout des FC Everton, der Zufall führte wie so oft Regie.

Hospitant bei Real Madrid

Der lizenzierte Fußballlehrer Hengen war nach seinem Abschied von Alemannia Aachen und den Oberliga-Amateuren zunächst als Hospitant unterwegs.

„Du musst in jungen Jahren so viel wie möglich aufsaugen”; der Ex-Profi schaute Felix Magath beim VfL Wolfsburg über die Schulter, in der nächsten Woche Martin Jol beim Hamburger SV, später Ralf Rangnick in Hoffenheim und Juande Ramos bei Real Madrid - Christoph Metzelder hatte den Kontakt vermittelt.

Anfang 2009, während eines „Heimspiels” von Bayer Leverkusen in Düsseldorf, lernte Thomas Hengen dann Robbie Cooke kennen, Chef-Scout des FC Everton. Man sprach, „was machst Du gerade so?”, Cooke fehlte ein Mann für den Bereich West-Deutschland/Niederlande/Belgien.

Hengen, der immer noch mit seiner Familie in Aachen wohnt, und seine Kompetenz waren nun interessant für einen Traditionsklub der Premier League. Man vereinbarte eine Probezeit von vier Wochen, Hengen beobachtete Spieler, die schon gescoutet waren.

„Everton wollte halt kontrollieren, ob sie da einen Vollblinden losschicken oder einen, der Ahnung hat.” Schnell wurde klar: es passt, der Handschlag-Vertrag läuft zunächst bis Juni 2010.

18 Scouts sind im Auftrag des FC Everton unterwegs, ein Dutzend alleine verteilt auf Europas Ligen. „Für die Premier League musst du ganz anders sichten”, sagt Thomas Hengen, „diese Liga ist physisch äußerst anspruchsvoll.”

Gerade enge Spiele, in denen es ab der 80. Minute „ans Eingemachte geht, werden dann noch schneller. Wenn man sieht, wie ein Wayne Rooney” - der seine Profi-Karriere als 16-Jähriger in Everton begann - „wie der nach hinten malochen muss.” Schnelligkeit, Athletik, „Frank Lampard ist der Prototyp dessen, was gefragt ist”.

In Everton erstellt David Moyes die Anforderungsprofile, der Trainer, der hier wie Alex Ferguson bei Manchester United „Manager” heißt und im achten Jahr das Team führt. Moyes entscheidet letztlich über die Verpflichtungen, trägt die Verantwortung, wenn er jemanden ablehnt, der woanders einschlägt, oder einen Transfer durchzieht, von dem fünf seiner Scouts abgeraten haben.

Hengen und seine Kollegen geben eine rein sportliche Beurteilung ab, in diesen Tagen arbeiten sie eine Liste ab mit Kandidaten für die zweite Transferphase. „Wenn einer schon zehn Jahre in Belgien spielt, hat das seinen Grund”, die Aufmerksamkeit gilt eher Jung-Profis wie dem Niederländer Eljero Elia, der letztlich zum Hamburger SV wechselte. „Aber einen Spieler, den keiner kennt, den gibt es heute nicht mehr.”

Alles auf Englisch

Wenn Thomas Hengen von einer Beobachtung zurückkehrt, pflegt er seine Eindrücke im „detailed report” der Vereins-Software ein. Jeder Spieler wird benotet, wer besonders auffällt, erhält in einer separaten Schablone eine genauere Beurteilung. Alles auf Englisch: „Das konnte ich zwar schon in der Schule ganz gut, aber in den ersten zwei Monaten lag noch ein ,dictionary´ neben dem Laptop.”

Auch der schottische Akzent von David Moyes ist mittlerweile keine Gefahr mehr für Miss- oder Unverständnis. Regelmäßig kommen die Scouts zusammen mit ihrem Chef Cooke und dem Manager und fügen ihre Erkenntnisse zu einem Gesamtbild, nie urteilt ein Beobachter alleine, wenn es um die Entscheidung geht. „Du musst allerdings aufpassen, nicht zu viel zu machen. Sonst verlierst du den Blick.”

Es kommt vor, dass Thomas Hengen an einem Tag zwei Spiele sieht. „Nachmittags Köln, abends Twente Enschede, das ist zu schaffen.”

Champions League in Lüttich, Europa League in Heerenveen, zuletzt die U20 in Hoffenheim gegen Österreich, tags darauf Belgien gegen Ungarn in Gent, am Dienstag in Rotterdam die holländische U21 (EM-Qualifikation gegen Spanien) und schließlich in Gelsenkirchen Deutschland gegen die Elfenbeinküste: ein strammes Programm.

Ab dem kommenden Wochenende ist Hengen wieder auf der Insel, FC Everton im „Dreierpack” bei ManU, bei Hull City (Ligapokal), gegen den großen Rivalen FC Liverpool. Der Klassiker an der Merseyside - was würden viele dafür geben!
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