Eugen Hach: Die Ungeduld ist sein ständiger Begleiter

Von: Christoph Pauli und Klaus Schmidt
Letzte Aktualisierung:
eugen_fo1
Eugen Hach heute: Der Gehstock soll nur noch Sicherheit vermitteln. Lange Spaziergänge stehen auf dem täglichen Übungs-Programm. Foto: Christoph Pauli

Saarbrücken/Aachen. Die alten Reflexe funktionieren noch. Vielleicht sollte man besser sagen: Sie funktionieren wieder. Wenn ein Ball angeflogen kommt, dann stoppt Eugen Hach ihn mit der Brust und lässt ihn auf den Fuß tropfen - auch wenn die Übung nicht immer gelingt. Das war bis zum 19. Dezember 2007 nicht weiter der Rede wert bei einem durchtrainierten ehemaligen Fußball-Profi, doch seit jenem Tag muss sich Hach alles wieder mühsam neu erarbeiten.

„Manchmal steht´s mir bis oben”, sagt der 48-Jährige, „dieser gleiche Ablauf, jeden Tag”, der „stinkt” ihm.Gut 15 Monate sind vergangen seit der Diagnose Schlaganfall, die das Leben der Familie Hach auf den Kopf gestellt hat. Doch der einstige Coach von Alemannia Aachen will nicht undankbar sein. „Die Ärzte sagen, man brauche nach einem Kleinhirn-Infarkt drei bis vier Jahre, um wieder laufen zu können. Ich habe es in einem Jahr geschafft.”

Im Saarbrücker Reha-Zentrum mit dem bezeichnenden Namen Grell hat Eugen Hach nun - für ihn völlig neue - Ball-Übungen kennengelernt. „Mit rechts kann ich mich ganz normal bewegen”, Probleme macht die linke Seite des Körpers, „die ist noch unkontrolliert”. Und wird schwerpunktmäßig wieder aufgebaut - Laufen, Feinmotorik, Greifen. „Jetzt, wo es spezifischer wird, werden die Fortschritte natürlich kleiner.”

Er wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem alles wieder so wie früher wird. Aber niemand kann ihm versprechen, dass der Tag kommen wird. Für einen Patienten mit großer Ungeduld ist das die höchste Herausforderung.

Knapp sieben Monate saß Hach im Rollstuhl, die letzten vier Monate davon während der Reha in Quirschied. „Die Zeit dort war grauselig”, immer wieder die Frage: „Warum ich? Aber das kostet nur Energie und bringt dich nicht weiter.” Der Patient kanalisierte seine Kraft auf die Therapie mit Laufschule, Fahrradfahren, Schwimmen, PC-Kursen für Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen - mit Erfolg. „Da wurde ich vom Rollstuhl befreit. Und ich war froh, wieder zuhause zu sein.”

Vor „drei, vier Monaten” konnte der Kämpfer auch den Rollator beiseiteschieben. Den Gehstock braucht Eugen Hach eigentlich nur noch für ein Gefühl der Sicherheit, er bewegt sich immer öfter frei. Die Ungeduld ist ein ständiger Begleiter, „aber es motiviert mich, wenn Leute, die mich länger nicht gesehen haben, sagen: Oh, was ist denn mit dir passiert?” Er versuche, „jeden Tag ein bisschen bewusster zu leben”, und ermahnt sich mit dem Hinweis der Ärzte: „Sie haben Glück gehabt, dass Sie noch dabei sind.” Für 70 Prozent der Menschen enden solche Schlaganfälle tödlich.

Den Jahrestag des Infarkts im Dezember wollte Hach nicht feiern, „danach war mir nicht zumute”. Von außen betrachtet ist die Reha-Phase eine große Erfolgsgeschichte. Die Fortschritte sind enorm. Aus der Sicht des Patienten sind die Zweifel und die Einschränkungen die ständigen Begleiter. Ob die Lebensqualität sich wieder wie früher einstellt?

Weihnachten hat er gefeiert, im Kreis der Familie. „Das war ein Höhepunkt. Ich habe zum ersten Mal seit langem wieder gesungen.” Die Familie ist das große Thema geworden. Die Familie schafft das Netz, das Hach immer wieder auffängt. „Alles ist etwas ernster und erwachsener geworden.” Die Gewichte haben sich verschoben, plötzlich ist Ehefrau Trixi die Chefin des Quartetts. Nur langsam kann Eugen sie wieder entlasten.

Der Infarkt hat „alles durcheinandergewirbelt”. Wie ein Taifun, und immer noch wird geduldig aufgeräumt. „Ich könnte verstehen, wenn sie in die Luft gehen würden, weil alles anders geworden ist. Aber sie machen es nicht. Es ist sensationell.” Der Dickschädel ist empfindlicher, sensibler geworden.

Die verordnete tägliche Reha ergänzt Hach durch ein freiwilliges Zusatzprogramm in einem Fitness-Studio unter der Anleitung von Therapeuten. „Abends falle ich ins Bett und weiß, was ich gemacht habe.” Er muss keine Medikamente nehmen, er spaziert mit dem Hund in seinem französischen Wohnort Alsting, eine halbe, eine Dreiviertelstunde, immer länger, und ist sogar schon wieder Auto gefahren - bis zum Hinweis, er solle das aus versicherungstechnischen Gründen doch besser unterlassen.

Im April wird Hach am linken Auge operiert, der Sehmuskel gekürzt, damit die Bilder auf beiden Seiten wieder stimmig sind. „Ich bin froh, wenn das gemacht ist. Eigentlich habe ich davor Schiss ohne Ende, aber die Freude darauf, wieder normal sehen zu können, ist viel größer.”

Seinem Verein, dem Regionalligisten SV Elversberg, steht Eugen Hach „beratend zur Verfügung. Der Klub hat sich super verhalten.” Es steht die Zusage, nach seiner Gesundung als Sportdirektor zurückkehren zu dürfen. Das erste Heimspiel hatte er bereits vor einem Jahr wieder besucht; was er derzeit sportlich geboten bekommt, gefällt Hach nicht. „Das regt mich auf, ich bin meist zehn Minuten vor dem Schlusspfiff weg.” Doch wenn er nicht mehr auf einen Fahrer angewiesen ist, will der 48-Jährige auch wieder Auswärtsspiele beobachten.

„Ich habe es im Gefühl, es ist abzusehen und nicht mehr so weit weg”: Eugen Hach lebt auf den Tag hin, an dem er wieder auf dem Platz steht. „Ich werde vielleicht nicht gleich eine Treppe hochlaufen. Aber dieses Ziel steht für mich ganz sicher, ganz klar.” In einem Jahr.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert