Eine Ohrfeige für Frederic Löhe und die Fan-Kultur

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
6513963.jpg
Aussprache unter Polizeibeoachtung: Frederic Löhe (verdeckt vorne von zwei Polizisten) wurde nach Spielende attackiert. Foto: Birkenstock

Aachen. Er hat seiner Mannschaft zwei Tage frei gegeben. Peter Schubert weiß natürlich, dass diese Maßnahme zu Diskussionen führen kann. Das nimmt Alemannias Trainer in Kauf, ohnehin ist die Lage am Tivoli so angespannt, dass er kaum „richtige“ Entscheidungen treffen kann, wenn die „richtigen“ Ergebnisse ausbleiben. Sein Team soll abschalten, die Ereignisse sacken lassen. Denn passiert ist wieder einiges, einiges zu viel.

0:2 hat seine Mannschaft gegen RW Oberhausen am Samstag verloren. Es war ein furchtbares Spiel, das keinen Sieger verdient hatte. Hätte man den Ball unterwegs gefragt, er wäre vermutlich zurückgetreten. Alemannia taumelt der Abstiegszone in der Regionalliga entgegen. Bereits während des Spiels forderten hunderte „Schubert raus“.

Nach der Partie eskalierte die Situation unfassbar. Keeper Frederic Löhe wurde von einem „Fan“ gepackt und ins Gesicht geschlagen. „Ich lasse mich beschimpfen, notfalls auch bespucken, aber dass der eigene Spieler geschlagen wird, ist eine Entwicklung, die ich noch nirgendwo mitbekommen habe“, sprach der Torwart später. „Mir fehlen die Worte. So etwas hat es noch nie gegeben.“ Polizisten gingen dazwischen.

„So geht das nicht weiter“, war nicht nur Löhes Meinung nach Spielende. Auch Peter Schubert war fassungslos. „Wir sind hier im völlig falschen Film. Es kann doch nicht sein, dass unsere Spieler Angst haben müssen. Der Unmut trifft dann auch ein Stück weit die Falschen, die büßen müssen für die Vergangenheit.“ Schon in Hahn letzte Woche wurden Mitarbeiter bespuckt.

Die Geschichte des Spiels lässt sich auf einem Parkticket zusammenfassen. „Der Wille ist da, wir wollten mit aller Macht den Heimsieg“, sprach später Dennis Dowidat. Läuferisch war der Mannschaft nichts vorzuwerfen. Aber das Team war zumindest an diesem Tag limitiert, der Ball wirkte schwer wie eine Bleikugel, Kombinationen kamen nicht dabei heraus. Gefühlte 234 Mal drosch Keeper Löhe den Ball in die gegnerische Hälfte, gefühlte 234 Mal kehrte er postwendend zurück, weil Oberhausen die Lufthoheit besaß.

Das Programm „weit und hoch“ wurde in der Not aktiviert, weil die Mannschaft besorgniserregend ideenlos und unsicher unterwegs war. Ein einziger scharfer Schuss aus 17 Metern, den Dowidat knapp am Winkel vorbeizielte, war die kümmerliche Ausbeute an diesem trüben Tag (33.).

Einige hundert der 5900 Besucher hatten die Stehtribüne mit dem Plakathinweis „Ehret das Dreieck mit letztem Willen, dann werden wir wieder singen. Andernfalls, so sieht es aus, ziehen wir euch die Trikots aus“ mit Spielbeginn für 19:00 Minuten (orientiert am Jahr der Vereinsgründung) verlassen. Die Anhänger vor der Arena hörten von der schnellen Gästeführung nach fünf Minuten.

Ein scharfer Pass von Patrick Bauder durchtrennte Aachens neu formierte Abwehr. Marcel Landers vollendete ungestört. Der schöne Plan, mit einer offensiven Mannschaft hoch zu verteidigen, lag bereits im Schredder. Schubert hatte rigoros auf die Pleite in Hahn und etliche Verletzte reagiert und das Team umgebaut. Nach 13 Minuten musste er erneut umstellen. Florian Abel musste nach einem bösen (ungeahndeten) Tritt von Robert Fleßers ins Krankenhaus gebracht werden. Vermutlich ist „nur“ der Band- und Kapselapparat betroffen.

Für Abel kam Rafael Garcia ins Spiel, der durchaus eine Belebung war an diesem Tag, an dem das spielerische Niveau im Parterre lag. „Wenn man kein Selbstvertrauen hat, sieht das so aus“, räumte Kapitän Michael Lejan später ein. Die Mannschaft schuftete durchaus, aber sie konnte mit ihrem Ballbesitz nichts anfangen. Oberhausen, eine Mannschaft auf Augenhöhe, kam nicht in Not. Mit der letzten Aktion im Spiel erzielte Rhys Tyler noch das 0:2 (90.). „Wir sind mitten im Abstiegskampf“, fasste Lejan den Nachmittag zusammen, der den nächsten Tiefpunkt in der Vereinsgeschichte bedeutete.

Es wird ungemütlich für Peter Schubert, der bei der Pressekonferenz deutlich wurde. „Der Geschäftsführer hat meine Telefonnummer, wenn er etwas ändern will, muss er mich anrufen.“ Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning urlaubt noch, Interims-Geschäftsführer Michael Mönig war bei Spielende nicht mehr zu sehen. Ohnehin ist ungeklärt, wer sich gerade um den taumelnden Klub und die Zukunft nach der Insolvenzzeit kümmert.

Schubert verwies auf die Verletztenmisere, er erinnerte an die Situation im Sommer, als er mit wenig Geld auf dem geplünderten Spielermarkt ein neues Team basteln musste. „Ich weiß, wo wir hergekommen sind.“ Aber Dankbarkeit hat im Tagesgeschäft Fußball ein schnelles Verfallsdatum. „Geduld gibt es ja nicht mehr“, sagte der 47-Jährige. Beistand kam vom gegnerischen Trainer Peter Kunkel: „Er hat im Sommer ein neues Team aus dem Boden gestampft und muss nun so etwas miterleben. Das geht überhaupt nicht.“

Die Attacke gegen Alemannia Aachens Torhürter Frederic Löhe soll am Sonntagabend auch Thema sein in der Fernsehsendung Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs. Geplant ist ein Live-Gespräch zwischen Moderator Arnd Zeigler und Torwart Löhe. Die Sendung wird ab 23.45 Uhr im WDR ausgestrahlt.

Leserkommentare

Leserkommentare (7)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert