Aachen - Die Großbaustelle Alemannia Aachen

Die Großbaustelle Alemannia Aachen

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Alles sollte besser werden: Doch mit dem notwendigen Umzug in den neuen Tivoli wurden die Probleme von Alemannia eher größer. Foto: imago/CoverSpot

Aachen. Vor ein paar Tagen ist der 13. Jahrestag des Pokalspiels am alten Tivoli nahezu unbemerkt vorbeigezogen. Alemannia besiegte den FC Bayern mit 2:1, es war die Initialzündung für den Verein, der zu einem grandiosen Höhenflug ansetzte. Inzwischen sind die Tage trister, der Klub kämpft wieder einmal um seine Zukunft – in der Regionalliga.

Tauschen möchte man nicht mit den Aufsichtsräten, die seit Monaten zeitintensiv gegen den Untergang kämpfen, um dann in den Foren als „Volldeppen“ beschrieben zu werden, sagt Tim Hammer. „Aber wir machen das hier ja nicht, um Dankbarkeit zu ernten.“ Ein paar Stunden vor dem Start der Restrunde hat unser Redakteur Christoph Pauli eine Bestandsaufnahme der vielen Baustellen am Tivoli gemacht.

Wie ist die Ausgangslage?

„Die Lage ist sehr angespannt“, sagt Hammer, der zum dritten Mal im Aufsichtsrat sitzt. Die Funktionäre verspüren wenig Rückenwind aus der Region nach den Vorkommnissen in den letzten Jahren. „Wenn ein Verein nicht mehr hip ist, gehen die Leute von Bord, was legitim ist. Wenn es Alemannia nicht mehr gäbe, würde der Region ein toller Werbeträger fehlen. Aber es scheint ja gerade egal zu sein“, wundert er sich.

Auch im Aufsichtsrat beobachtet Hammer „eine Fahnenflucht“ bei einigen ehemaligen Mitstreitern. Sein Kollege Oliver Laven stellt die „wichtige soziale Bedeutung“ des Klubs heraus, für die es sich weiter zu kämpfen lohne: „Alemannia ist ein Aachener Kulturgut. In den vergangenen Wochen gab es gute Gespräche mit dem Verwaltungsrat, dem Vermarkter Infront und mit Investor Michael Kölmel. Vielleicht schaffen wir es, den worst case zu vermeiden.“

Hammer gibt sich trotz der Probleme fest entschlossen: „Wir werden kämpfen, solange wir es verantworten können.“ Die Grenze liegt vermutlich an dem Punkt, an dem eine Insolvenzverschleppung droht.

Wie konkret ist eine Insolvenz?

Vor zwei Monaten hat der Aufsichtsratsvorsitzende Christian Steinborn gesagt, dass „der Aufsichtsrat seit geraumer Zeit an einer Lösung arbeitet, um eine Insolvenz, die sonst möglicherweise noch im Laufe dieser Spielzeit droht, zu verhindern“. Der Verein muss zeitnah eine Unterdeckung von etwa 500.000 Euro im laufenden Etat schließen, um seinen Verpflichtungen nachkommen zu können. Mit DocMorris wurde schnell ein alter Bekannter als Hauptsponsor bis zum Saisonende gewonnen. Die Kampagnen, die der emsige Aufsichtsrat Horst Reimig initiiert und vorgestellt hat, zeigen erste Erfolge. Bislang haben sich 20 „Mitglieder auf Lebenszeit“ angemeldet, die jeweils 1900 Euro dafür überweisen. Das Geld landet zunächst beim Mutterverein TSV, der es eventuell über eine Kapitalerhöhung an die Spielbetriebs GmbH weiterleitet. Ein ausgeglichener Etat ist eine der Kernforderungen der Investorengruppe um Michael Kölmel vor einem möglichen Einstieg bei Alemannia. Heute sagt Steinborn, dass man eifrig Gelder einwerbe, um die Unterdeckung zu verringern, „aber wir haben noch ein gehöriges Stück Arbeit“.

Was fordern die Investoren noch?

Unabdingbar für die Geldgeber ist, dass Alemannia die steuerlichen Altlasten regelt, die noch aus der Insolvenzzeit stammen. Stadt und Finanzamt fordern Körperschafts- und Gewerbesteuer von über zwei Millionen Euro ein, die seinerzeit (vorerst bis zum 31. Mai 2017) gestundet wurden. Die Materie ist durchaus kompliziert. Bei Insolvenzverfahren verzichten die Gläubiger auf einen Großteil der Forderungen. Dieser „Sanierungsgewinn“ ist nicht mehr steuerfrei. Bislang konnten die Forderungen unter bestimmten Voraussetzungen gestundet oder fallengelassen werden.

In der letzten Woche hat der Große Senat des Bundesfinanzhofs die bisherige Automatik für Steuerbegünstigungen abgeschafft, stattdessen sind nun Prüfungen der Einzelfälle (AZ: GrS 1715) vorgeschrieben. Das ist dann das nächste Damoklesschwert, das über dem Verein schwebt. Steinborn glaubt unverändert, dass Alemannia materiell von der Gesetzesänderung nicht betroffen sei. Aber dem Klub rennt die Zeit davon, wenn jetzt jeder Einzelfall geprüft wird. Investoren fehlt die angestrebte Rechtssicherheit vor dem möglichen Einstieg. „Das ist eine sehr unglückliche Situation, die wir da geerbt haben“, sagt Steinborn. Sein Kollege Horst Reimig vertritt ohnehin die Auffassung, dass das Thema im eigentlichen Insolvenzverfahren hätte beendet werden müssen.

Wie wahrscheinlich ist der Einstieg von Investoren?

Derzeit sind fast alle Anstrengungen am Tivoli darauf ausgerichtet, Zeit zu gewinnen, um die aktuellen Probleme zu lösen. Mit den Investoren hat es seit der Präsentation im Dezember nur informellen Kontakt gegeben. Es gibt durchaus „unterschiedliche Auffassungen“ zu einem möglichen Investoreneinstieg, hat der Vorsitzende des Verwaltungsrats, Martin Fröhlich, zuletzt bestätigt. Das vorliegende Angebot findet nach Informationen unserer Zeitung in dieser Form wenig Zustimmung.

Einigen Funktionären fehlt die Absicherung der vier avisierten Tranchen von einer Million Euro, andere wünschen sich eine Lock-up-Klausel, eine definierte Zeitspanne, in der die Anteile nicht weiterverkauft werden dürfen, um einen schnellen Eigentümerwechsel zu unterbinden. Wieder andere wenden sich generell gegen den Verkauf des letzten Tafelsilbers, halten die angebotene Summe für zu niedrig oder wehren sich gegen eine angedachte Übernahme von bis zu 80 Prozent der Gesellschafteranteile.

Wie denken die Fans?

Die Interessengemeinschaft der Alemannia-Fans und Fanclubs hat sich bei ihrer Jahreshauptversammlung einstimmig gegen das vorliegende Angebot ausgesprochen. Besonders die angestrebte Übernahme von 80 Prozent der Gesellschafteranteile stößt auf rigorosen Widerstand.

Die Investoren haben ebenfalls ein einstimmiges Veto der Gremien eingefordert. Wird es dazu kommen?

Vielleicht reicht am Ende auch eine mehrheitliche und keine einstimmige Zustimmung in den Gremien. Ohnehin ist das ja nur eine zusätzliche Hürde, bevor die Mitglieder – im besten Fall im Frühjahr – entscheiden, ob sie dem Einstieg zustimmen. Das ist die größte Herausforderung.

Was passiert, wenn der Antrag abgelehnt würde?

Horst Reimig hat schon angedeutet, dass der Aufsichtsrat seinen Platz wohl räumen würde, weil man dem Souverän dann keine mehrheitsfähige Lösung für den Verein unterbreitet habe. Ohne Investoreneinstieg würde der jetzt bereits gekürzte Etat von etwa 1,3 Millionen Euro wohl unter die Millionengrenze gedrückt.

Warum hat der Verein noch nicht mit dem Trainer verlängert?

Die Verhandlungen laufen seit vier Monaten. Fuat Kilic ist eine Art Anker im Klub geworden, im sportlichen Bereich sind rechts und links nahezu alle Kollegen abhanden gekommen. Es geht bei den Verhandlungen, die der Trainer von seinem Berater führen lässt, auch um Geld. Eine Gehaltserhöhung wäre nachvollziehbar, denn aus dem Trainer ist nach kurzer Zeit auch ein Trainermanager geworden, dem vor ein paar Wochen auch noch der Co-Trainer abhanden gekommen ist.

Die Zeit drängt, denn im Sommer steht die nächste größere Kaderrenovierung an. Nur Tobias Mohr und Daniel Hammel haben einen Vertrag über die Saison hinaus. Die Planungen liegen derzeit völlig auf Eis. Kilic macht keinen Druck, unverändert betont er sein Interesse an der Vertragsverlängerung.

Was wird aus dem ehemaligen Hauptsponsor?

Der Kontakt zu Alexander Goy ist abgerissen. Versuche, sich außergerichtlich zu einigen, sind gescheitert. Alemannia hat den Geschäftsführer von Check2win nun auf Schadensersatz von etwa 90.000 Euro verklagt. Er soll für die Differenz aufkommen, die sich aus dem neuen Hauptsponsorvertrag ergibt, zudem entstehen Anwalts- und Gerichtsgebühren. Paradox: Goy hat die Zahlung eingestellt mit dem Hinweis, am Tivoli drohe die nächste Insolvenz. Durch den Wegfall der Gelder verschärft er die Lage. Eine Baustelle mehr.

Hinweis: In einer ersten Version dieses Artikels war das Ergebnis des legendären Bayern-Spiels leider falsch angegeben.

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