Der Rückblick: Auer beginnt und krönt 2010

Von: Christoph Pauli
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Furioses Finale eines turbulenten Jahres: Benny Auer (links) verwandelt seinen Elfmeter, Alemannia Aachen wirft Eintracht Frankfurt aus dem DFB-Pokal und zieht ins Viertelfinale gegen Bayern München ein. Foto: imago/Reviersport

Aachen. Der erste Ballkontakt des Jahres gehörte Benjamin Auer. Er ist zurecht in Vergessenheit geraten, es war ein profaner Anstoß über elf Zentimeter gegen Karlsruhe. Auch der letzte Ballkontakt der Saison am 22. Dezember um 23.03 Uhr gehörte Benjamin Auer.

Er war schon bedeutender, mit dem finalen Elfmeter besiegte Alemannia Aachen Eintracht Frankfurt im Achtelfinale des DFB-Pokals. Auers Treffer ist Millionen wert, weil nun der FC Bayern in Aachen aufkreuzt. Und zudem erinnert sich der Verein wohlig wieder an die furiose Pokalsaison 2003/04, als der Klub Auftrieb bekam.

Es liegen nicht einmal zwölf Monate zwischen Auers erstem und letztem Ballkontakt 2010, und doch sind es kleine Welten. Das Jahr 2010 war nicht sonderlich turbulent geplant. Aber Vorhersagen bei Alemannia sind häufig schon mittags überholt. Am Ende wird dieses 2010 als eines der wildesten Jahre Alemannias wahrgenommen.

Die Mannschaft hat eine fade Rückrunde in der ersten Jahreshälfte hinter sich gebracht. Die Partien sind längst in Vergessenheit geraten wie jener unbedeutende Anstoß am 15. Januar. Mit jedem Spiel wurde offenkundiger, dass das Team keine Zukunft mehr hat. Es hat mit seinem Zufallsfußball das Stadion leer gespielt. In der Premierensaison des neuen Tivoli sollte Euphorie entstehen, stattdessen breiteten sich Langeweile und Tristesse unter den Tribünendächern aus. Es gehört zu den gravierenden Fehleinschätzungen der Geschäftsführung, dass sie noch mit durchschnittlich 20.000 Zuschauern je Heimspiel kalkulierte. Das Publikum hat sich in Teilen abgewendet, der aktuelle Schnitt liegt unter 18.000 und doch zeichnet sich Rettung ab - dank dieses letzten verwandelten Elfmeters und dem folgenden Glückslos.

Die Abwesenheit vieler Fans in der Hinrunde trifft eine Mannschaft, die viel mehr bietet als ihre Vorgänger-Teams. Sie hat eine Idee von ihrem Spiel implantiert, an der sie strikt festhält. An guten Tagen kann sie (fast?) jede Profimannschaft aus den Angeln heben. Die Mannschaft wurde im Sommer mächtig verjüngt. Primär wurde sie verbilligt, teure Spieler wurden abgegeben, stattdessen hungrige deutschsprachige Talente angeheuert. Das ist die Quadratur: Das Team soll billiger, besser, attraktiver werden.

Angeleitet wird es seit Anfang Juli von Peter Hyballa - der große Unbekannte aus dem Jugendbereich. Diese Entscheidung ist Erik Meijer nicht leicht gefallen, er hätte ihm die Mannschaft Wochen früher übergeben können.

Im Sommer startete am Tivoli - aus der Not heraus - ein spannendes Experiment: Der jüngste Trainer im Profibereich übernimmt eine Talentmannschaft, die im wesentlichen noch froschgrün hinter den Ohren ist.

Ein halbes Jahr später ist Zuversicht eingekehrt: Die selbsternannten „Straßenköter” sind furchtfrei unterwegs, sie sind kess, bellen auch die großen Tiere an. Das Team hat dem Tivoli schon in der Hinrunde mehr schöne Spiele geboten, als die Vorgängermannschaft in einer kompletten Saison. Aber diese Mannschaft braucht Geduld, sie muss ihre Qualitäten entwickeln, sie kann sie nicht einkaufen.

Gute Adresse für Talente

Die Mannschaft ist nicht durchschlagskräftig genug, das ist der Preis dafür, dass man den Preis für manchen Stürmer nicht zahlen konnte. Alemannia ist in diesem Halbjahr zu einem beachteten Ausbildungsverein geworden, in dem sich junge Spieler wie Hohs, Stieber, Kratz, Höger, Arslan, Uludag, Junglas oder Feisthammel etabliert haben.

Sportlich ist die Mannschaft auf einem guten Weg. Aber natürlich hat der Klub auch das aktuelle Jahr überzeugend genutzt, um noch anders auf sich aufmerksam zu machen. Der Bau der neuen Geschäftsstelle wird zur Ruine, die Bagger von Walter Hellmich rosten im Schnee. Das Parkhaus ist auch anderthalb Jahre nach der Fertigstellung noch nicht an den künftigen Betreiber übergeben. Die Infrastruktur des Klubs ist im nationalen Vergleich unverändert grotesk.

Anfang des Jahres funkte der Klub SOS. Der Verein hat sich schlechterdings in der Bauphase des neuen Tivolis übernommen. Die TV-Gelder wurden gekürzt (minus zwei Millionen), bei manchen Problemen in der Bauphase ging Alemannia in die Vorleistung und sah später keinen Cent mehr. Am Ende wurden Tivoli und Parkhaus kaum teurer, dem Verein fehlte trotzdem Liquidität. Die Stadt mit einer 5,5 Millionen-Bürgschaft und der treue Hauptsponsor Aachener Münchener halfen mit, die drohende Insolvenz zu vermeiden.

Die Quittung dafür bekam Jürgen Linden bei der Jahreshauptversammlung. Der Aufsichtsratsvorsitzende wurde für die Misere von vielen verantwortlich gemacht, er bekam den Laufpass. Linden ist weg, die Probleme sind dem Verein geblieben. Die Tivoli-Finanzierung ist zu ehrgeizig ausgefallen. Alemannia hat bereits drei Millionen Euro getilgt - was den Klub von vielen Konkurrenten unterscheidet. Und doch ist er dabei, sich zu strangulieren, weil er 18 Jahre lang jährlich sechs Millionen Euro tilgen muss. Der Verein hat sich zuviel aufgepackt. Vorübergehend sorgt dieser letzte Schuss 2010 für Entlastung. Die Ausgangslage bleibt bei allem Losglück schwierig, so dass auch 2011 ein anstrengendes Jahr werden wird.

Alemannia - Karlsruhe, 15. Januar: 3:1

Stuckmann - Casper, Herzig, Olajengbesi, Achenbach - Adlung, Junglas, Kratz, Milchraum - Gueye, Auer

Trainer: Michael Krüger

Alemannia - Frankfurt 22. Dezember: 6:4 n.V.

Hohs - Casper, Stehle, Feisthammel, Achenbach - Höger, Kratz, Junglas - Arslan - Gueye, Auer

Trainer: Peter Hyballa

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