Der neue Tivoli: Pudding im Regen

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Bauleiter Stefan Engels muss allein am Stadtionparkhaus 120 Subunternehmen koordinieren.

Aachen. Stefan Engels ist ein Mann, der Wände wackeln lässt. Denn kurz nachdem Engels, 38, nach Aachen kam, da vibrierte an der Krefelder Straße die Erde - weil der Bauleiter der Hellmich-Gruppe das Stadion gründete.

So nennt Engels die Zeit, in der zwei Rammen - Gewicht fast 100 Tonnen - mit einem Fallgewicht von neun Tonnen (viereinhalb Mercedes S-Klasse-Limousinen) fast 2200 Pfähle in den Boden gerammt haben - was die Nachbarn etwa im Reitstadion 2200-mal fühlen konnten.

Rammarbeiten. Mit ihnen wurde die Baustelle neuer Tivoli - ein wenig Fußballsprache sei erlaubt - angepfiffen. Engels hat sie vom ersten bis zum letzten Tag begleitet. Nein, er hat sie erlebt. Die Bodenverhältnisse waren schwierig, im Erdreich ist viel Wasser, und der Boden wird bei Regen zu Pudding.

Das schmeckte dem Bauleiter Engels gar nicht. Deswegen wird das Dach nun auch nicht - wie ursprünglich vorgesehen - an die Rammpfähle gekoppelt, sondern mit sogenannten Dauerlitzenankern extra befestigt. Sicher ist sicher. „Das Stadion bleibt stehen, egal was kommt”, sagt Engels.

Stefan Engels kommt, wenn man so will, von der Straße. Jedenfalls hat er drei Jahre lang Straßen- und Kanalbau, also Tiefbau in Koblenz geleitet, bevor er vor einem Jahr zur Hellmich-Gruppe, dem Generalunternehmer der Tivoli-Baustelle, wechselte. Der Mann aus Oberhausen wollte zurück ins Ruhrgebiet und zur Hellmich-Gruppe.

Er kam nach Aachen - Engels wurde einer der Bauleiter für den neuen Tivoli. Es gibt den Projektleiter mit seinem Team, einen Oberbauleiter und vier Bauleiter - drei für den Hoch- und einen für den Tiefbau. Engels war für die Gründung und das Fundament verantwortlich, dann für das Parkhaus.

So ein Bauleiter ist so etwas wie ein Trainer auf der (Fußballstadion-)Baustelle. Er gibt die Ziele vor, bestimmt die Taktik (koordiniert die einzelnen Subunternehmen), motiviert die Mitarbeiter. Allein am Parkhaus waren 120 Subunternehmen beteiligt, das bedingt eine gute Taktik beziehungsweise Organisation.

Wie ein gigantischer Lego-Baukasten

Engels hat das Stadion wachsen sehen. Er spricht von einem Aha-Erlebnis, als die ersten Beton-Fertigteile für die Tribünen vorfuhren. Von da an war die Baustelle wie ein gigantischer Lego-Baukasten. Teil für Teil kam und wurde montiert.

Engels schwärmt dabei von der Begeisterung der Aachener für das Stadionprojekt. Die Kampfmittelräumer seien sogar mit Alemannia-Schal vorgefahren. Der Oberhausener Engels ist dagegen Schalke-Fan.

Den alten Tivoli kennt Engels trotzdem. In Aachen hat er an der RWTH Bauingenieurwesen studiert. Als die Bauleute RWTH-Experten hinzuzogen, war da ein Professor dabei, bei dem er Vorlesungen besucht hatte. So klein ist die Welt, sagt man an so einer Stelle gerne. „Er hat mich wiedererkannt. Es ist schön, wenn man nicht vergessen wir”, sagt Engels.

Von seinem Schreibtisch im Container der Bauleitung sieht und hört er, wie der Bau voranschreitet. Im Innern des Stadions hat ein Bauarbeiter zehntausende Löcher für die 19.465 Sitzschalen gebohrt. Bis zu 600 Arbeiter waren gleichzeitig am Bau beteiligt. „Für uns ist das alles normal”, sagt Engels.

Ein Kipplaster fährt vorbei und bringt Sand. Engels schaut aus seinem Containerfenster. Er spricht immer von „seinem Büro”, ein paar Quadratmeter mit Stahlregalen voller Aktenordner und großen Plänen an allen Wänden. Auf der Tür steht „Herr Engels, Bauleiter”. „Herr Engels” blättert durch einen Ordner und liest Zahlen vor.

20.000 Kubikmeter Beton sind allein im Parkhaus verbaut worden, dazu 3200 Tonnen Stahl und 950 Rammpfähle. Das ergibt fast 1300 Stellplätze und Raum für die beiden Fußballplätze auf dem Dach. Dafür ist das Parkhaus auch 220 Meter lang.

„Ein Weltklassesprinter bräuchte 20 Sekunden von einem Ende zum anderen. Dazu Fußballplätze auf dem Dach. Das konnte ich mir anfangs selbst nur schwer vorstellen”, sagt er. Hunderte Male ist er von einem Ende zum anderen gegangen. In 20 Sekunden hat er es aber nie geschafft.

Während der Parkhaus-Bauleiter seinen Wagen - er wohnt in einem Apartment in der Stadt - bislang immer vor dem Baucontainer abgestellt hat, ist das Parkhaus während des Reitturniers bereits von den CHIO-Besuchern angesteuert worden.

Der Zeitplan - durchaus sportlich gesteckt - wurde hier eingehalten. Engels verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich zurück, wie Männer eben die Arme vor der Brust verschränken und sich zurücklehnen, wenn sie zufrieden sind. Dann geht es weiter. Immer weiter.


Dieser Beitrag stammt aus der 36-seitigen Sonderbeilage „Na, gespannt?” zum neuen Tivoli, die am Samstag, 15. August 2009, in den Druckausgaben von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten erscheint.

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