Der „Klömpchensklub” kommt in der Zukunft an

Von: Christoph Pauli
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Tivoli-vor-Anpfiff

Aachen. Im „Klömpchensklub” wird noch gearbeitet. Es ist Freitag, kurz nach 19 Uhr. Auf der Baustelle herrscht Hochbetrieb. Maler, Schreiner, Elektriker, die gesamte Handwerkskammer ist noch am Start. Nur mit Phantasie kann man erkennen, dass das Stadion in den nächsten Stunden noch fertig wird.

Als „Klömpchensklub” ist Alemannia oft bezeichnet worden, meistens kopfschüttelnd, wenn etwas nicht funktionierte. Wenn Karten nicht rechtzeitig ankamen, wenn sich Offizielle in der Öffentlichkeit beharkten, oder eine Trainerverpflichtung voreilig auf der Homepage bekannt gegeben wurde. Alemannia war nie ein perfekt organisierter Verein. Er hat immer etwas liebevoll Provinzielles, etwas leicht Chaotisches. Das Unperfekte war die Visitenkarte. Als Klömpchensklub ist Alemannia groß geworden.

Atemberaubende Architektur

Und nun wird gerade etwas Perfektes fertig, ein prächtiges Stadion für 50 Millionen Euro, mit einer atemberaubenden Architektur. „Eng, steil, laut” steht nicht nur in den Prospekten.

Der Verein wird täglich erwachsener und professioneller, ohne dass er sich dabei anpassen will an all die etablierten Konkurrenten. Am Montag wird der Verein das größte und schönste Kapitel seiner Geschichte aufschlagen.

Es gebe deutschlandweit kein anderes Projekt, das so schnell, termingerecht und kostentreu umgesetzt worden ist, sagt Frithjof Kraemer. Alemannias Geschäftsführer wurde im Januar 2007 eingestellt, ein paar Wochen nachdem der Grundsatzbeschluss für ein neues Stadion im Aufsichtsrat schon gefallen war.

„Es ist in der Geschichte der Stadt, aber auch in der von Alemannia ein Meilenstein”, sagt Jürgen Linden, und man weiß auch diesmal nicht, ob er hier als (noch) amtierender Oberbürgermeister oder als Alemannias Aufsichtsratsvorsitzender redet. Linden sagt oft in diesen Tagen, dass der neue Tivoli das schwierigste Projekt seiner langen Amtszeit gewesen ist. Er sagt das mit erkennbarem Stolz - auch auf die eigenen Verdienste.

Die Einweihung wäre eine gute Gelegenheit, sich von der Historie, vom Klömpchensklub zu verabschieden und sich auf eine professionelle Zukunft zu freuen. Auf einen Verein, der reibungslos funktioniert, in dem das Kopfschütteln ausbleibt. Doch im Laufe der Jahre haben die Fans das unvollkommene Image wohl so liebgewonnen, dass sie jetzt auch in der neuen Ära nicht mehr darauf verzichten wollen.

„Klömpchensklub” haben sie ihre neue Fankneipe genannt, in der sie die Vergangenheit aussstellen. „Augenzwinkernd”, sagt Robert Jacobs. „Wir Aachener nehmen uns eben selbst gerne auf den Arm. Es wäre doch furchtbar, wenn wir jetzt in Perfektion erstarren würden”, meint der Fansprecher.

Und auch Kraemer wehrt sich nicht gegen den „Klömpchensklub”. Er hat nur seine Mühe mit dem Begriff der „Professionalität”. „Früher ist auch so gearbeitet worden, aber im Rahmen der Möglichkeiten.” Die Möglichkeiten werden größer. Den alten Tivoli haben sie aufgeben müssen, weil er die Entwicklung des Vereins blockierte. „Er war ein Mythos, aber mit Romantik alleine ist man nicht wettbewerbsfähig”, sagt Linden.

Der Verein hat sich verändert, manche Begleiter sagen, er sei kälter geworden. Die Fußballabteilung ist ausgegliedert worden, das sei erst die Voraussetzung für die Landesbürgschaft gewesen, meint Linden. „Banken und private Geldgeber brauchen eine strukturelle Sicherheit durch eine zivilrechtliche Struktur.” Das klingt alles nicht mehr nach Klömpchensklub.

Es wird nicht lange dauern, bis in einschlägigen Fragebögen bei den „Orten zum Träumen?” der neue Tivoli auftauchen wird. Exakt 32900 Menschen sind über die Baustelle geführt worden, so viele wie in die fertige Arena passen. Das sind die gezählten Besucher. In manchen Nächten, als der Sicherungsdienst noch nicht so personalintensiv sein musste, trafen sich Fans in der neuen Arena, setzten sich an den Spielfeldrand, testeten die Business-Seats, machten Fotos auf dem Spielfeldrand.

Der Bauzaun beim Klömpchensklub hatte seine Lücken, aber es war noch nicht viel zu holen auf der Großbaustelle außer den ersten Eindrücken. Der neue Tivoli ist groß und stark geworden, er ist nicht im Verborgenen gewachsen, Hunderttausende haben die Entwicklung seit dem ersten Spatenstich am 17. Mai 2008 bestaunt.

Viele Besucher flüstern auf der Baustelle, das wirkt oft ehrfürchtig, manchmal ungläubig. Nicht alle der gebetenen oder ungebetenen Gäste wissen, dass das Projekt hoch kompliziert, manchmal auch gefährdet war. Zunächst mussten zwei Kleingartenvereine und ein Sportverein umgebettet werden, was für eine Verwaltung in Deutschland zu den größeren Herausforderungen gehört.

Dann musste das Land NRW überzeugt werden, das generell keine Ausfall-Bürgschaften mehr übernehmen wollte (und doch 24 Millionen bewilligte), die Parkhausfinanzierung war plötzlich schwierig. Ein Finanzierer musste sorgfältig ausgesucht werden. All diese Hindernisse sind überwunden, und es gibt berechtigte Adressen für Danksagungen.

Man kann sich dem neuen Stadion auch mit der Rechentafel nähern. 50 Millionen Euro investiert der Verein - ohne Parkhaus. Die erste Rendite ist bereits erkennbar, der Sportetat ist (ohne Holtby-Millionen) von sieben auf acht Millionen Euro angehoben worden. Die Situation für Manager Andreas Bornemann werde sich nun Jahr für Jahr noch weiter verbessern, kündigt Linden an. Die Stadt hat elf Millionen Euro investiert. Imagepflege.

Jährlich muss der Verein nun sechs Millionen Euro zahlen, die Summe hat Schatzmeister Franz-Wilhelm Hilgers gerade noch einmal drücken können. Die Summe relativiert sich, wenn man weiß, dass man schon jährlich 1,75 Millionen Euro aufbringen musste, um den alten Tivoli am Leben zu erhalten. Schon der aktuelle Etat ist um sieben Millionen Euro größer als im letzten Jahr.

Auf der Baustelle sind die Ledersitze in den Logen noch verstaubt, viele Lampen stehen noch am Boden, in allen Deckenluken hantieren Elektriker, Dutzende Hebebühnen ...

Die Wirtschaftskrise ist nicht am Verein vorbeigegangen. 22 von 28 Logen sind am Start vermietet, seit Monaten ist nicht mehr viel dazugekommen. Dennoch: „Wir haben ein sehr gutes Ergebnis erzielt”, sagt Vermarkter Thomas Korr. Bei der Premiere sind alle Logen vermietet, vielleicht setzt der Zauber später noch ein, wenn die schmucken Wohnzimmer denn auch mal besichtigt werden können. Die 75-prozentige Auslastung gilt auch für die Business-Seats, von 1309 sind bereits über 900 verkauft.

Mancher hat sein Paket verkleinert, es gibt eine gewisse Zurückhaltung bei der Laufzeit von Verträgen, „aber die Unternehmerschaft hat mitgezogen”. Die meisten Investoren kommen aus der Region, die überregionale Strahlkraft soll nun verbessert werden.

Im Bürgschaftsverfahren ist der Verein konservativ aufgetreten. Mit einer Vollauslastung des Stadions hat niemand gerechnet. „Wir können zwei, drei schlechte Saisons überstehen”, sagt Linden. Die Finanzierung sei mit Netz und doppeltem Boden entstanden. Die Stadionfinanzierung ist auf „15 bis 18 Jahre” ausgelegt, ergänzt Kraemer.

Der Verein hat sein Tafelsilber nicht eingesetzt, merkt der Geschäftsführer an. Der Tivoli hat den Namen behalten, der Klub das Betreiber- und Vermarktungsrecht. Und nebenbei hat Alemannia auch vom niedrigen Zinsniveau profitiert.

Das neue Stadion ist die entscheidende Voraussetzung, um bei den ersten drei Plätzen mitzuspielen, sagt Linden. Der Verein sei in Vorleistung gegangen, jetzt stehe die Gegenleistung der Mannschaft an.

Noch ein paar Stunden, dann wird der Tivoli eingeweiht. Er wird den Fans übergeben. Sie sind die große Konstante im Verein, sie prägen ihn. „Wir werden moderner, aber legen großen Wert darauf, dass das Traditionelle seinen Stellenwert behält”, sagt Kraemer.

Am liebsten wäre es den Verantwortlichen, die Anhänger würden die gute alte Stimmung vom alten Tivoli einpacken und an neuer Stelle wieder herauskramen. „Wir haben alles dafür getan, den Mythos zu erhalten. Noch ist es hier seelenlos, die Seele kommt erst am Montag”, sagt Stephan van der Kooi, der den Neubau betreut und im größten Chaos den Überblick behält.

Die Zukunft beginnt, aber sie soll sich nicht von der Vergangenheit lösen. Deswegen gibt es ein paar symbolische Akte, die alte Stadionuhr und ein paar Wellenbrecher ziehen mit um. Ein Museum mit alten Trikots, Plakaten und Erinnerungen ist im neuen Tivoli untergebracht. Aber wichtiger ist wohl, dass die Planer Rücksicht auf die Fanwünsche genommen haben.

So ist ein Einrangstadion mit ungewöhnlich vielen Stehplätzen (11.681) entstanden, ein reines Fußball-Stadion. Der Klub hat sich bei den Anhängern 4,2 Millionen Euro geliehen, dass er mit guter Verzinsung zurückzahlt. Die Fan-Bindung ist das größte Gut. „Alemannia ist ein Klub mit Ecken und Kanten”, sagt Robert Jacobs, und er legt Wert darauf, dass sich daran nichts ändert.

Vor dem Anpfiff am Montag werden die Drei Atömchen nicht nur für „et Fränzje an der Jupp” wieder knarzen: „Dat is än blievv deä selve Klömpchensklub.” Es wird wie immer sein, nur besser.
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