Das größte Casting in der Geschichte des Vereins

Von: Roman Sobierajski
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Erinnerungsfoto: Jürgen Seeberger (rechts) und Andreas Bornemann gingen als Verantwortliche in eine Saison, die aus den Fugen geraten Foto: Andreas Steindl

Aachen. Es sollte eine Heldensaison werden, eine, die sich tief und nachhaltig in das kollektive Gedächtnis von Alemannia Aachen einbrennt. Zumindest der zweite Teil ist gelungen - wenn man denn auch das Drehbuch einer Slapstick-Serie als erinnerungswürdig betrachtet. Eine Bilanz.

7. August: Um ein Auswärtsspiel hatte Alemannia am ersten Spieltag gebeten, damit noch eine Woche länger am neuen Stadion gearbeitet werden konnte. In der Vorbereitung waren „1a-Alternativen auf der Zeitschiene verloren gegangen” (Sportdirektor Andreas Bornemann), so beschränkte sich die personelle Verstärkung weitgehend auf Babacar Gueye. Sein vierjähriges Engagement am Tivoli kostet rund zwei Millionen Euro. Wer hat dem eigentlich zugestimmt? Vier Tore, vier Vorlagen in der ersten Saison. Auch Thorsten Burkhardt und Aimen Demai sind eher Mit- als Voranläufer.

17. August: Schon in der Antike bauten die Herrscher große Arenen, Heiligtümer und Versammlungsorte, die dem Volk Zerstreuung bieten und Bewunderung entlocken sollten, mitten in der Stadt. Das Forum Romanum steht nicht in Ostia, die Akropolis nicht in Piräus. Der neue Tivoli steht trotz aller Probleme gerade einmal 300 Meter vom alten entfernt, in der Erdbebenzone. Das große Beben beim Premierenspiel gegen St. Pauli findet zwar vor ausverkaufter Kulisse statt, Brot und Spiele gibt es beim 5:0-Sieg der Hamburger nur für die Gäste, die schwere Verletzung des gestürzten St. Pauli-Fans sorgt für einen Schock.

6. September: Dass der Trainer mit der „Kurzfristigkeit in alle Richtungen” (Trainer Jürgen Seeberger) nicht klarkommen würde, zeigte sich nach dem von ihm allein schöngeredeten 3:0-Sieg über den FSV Frankfurt. Benny Auer meldete für die Mannschaft Redebedarf an, der Aufsichtsrat für sich selbst. Ergebnis: Andreas Bornemann musste dem Trainer, mit dem er noch ein halbes Jahr zuvor verlängert hatte, den Laufpass geben. Vier Trainer innerhalb von drei Jahren, extremer Verschleiß.

15. September: „Schnell, termingerecht und kostentreu” (Geschäftsführer Frithjof Kraemer) wurde der Stadionneubau umgesetzt, Oberbürgermeister Jürgen Linden attestiert sich stolz „ein Stück Mitschuld”. Dass es an allen Ecken knarzt und rumpelt, wird aber schnell deutlich. Der Vorplatz muss nachgebessert werden, die geplante futuristische Straßenbrücke wird täglich teurer und schließlich verworfen. Dem Parkhausdach fehlt die Drainage, die Arbeiten am Nachwuchsleistungs-Zentrum stehen still. Umso länger dauert es, bis sich der Verein im April zu seiner Finanznot bekennt und die Stadt um Hilfe bittet, die eine „Patronatserklärung” über 5,5 Millionen Euro gibt. Noch kurz zuvor hatte Geschäftsführer Kraemer erklärt, „die Situation ist nicht so, dass Insovenz droht oder die Zahlungsfähigkeit gefährdet sei. Das ist definitiv nicht so.”

22. September: „Qualität geht vor Eile” (Jürgen Linden) soll das Credo sein bei der Suche nach einem neuen Übungsleiter. Sportdirektor Andreas Bornemann hat zunächst mehr potentielle Seeberger-Nachfolger auf der Liste als zehnjährige Jungs Panini-Bildchen. Ins BSDS-Casting-Finale schaffen es Peter Vollmann und Michael Krüger. Der favorisierte Vollmann patzt beim mehr oder weniger freiwilligen Vortanzen vor dem Aufsichtsrat, Krüger wird per Telefon informiert, dass man sich für ihn entschieden habe.

25. Oktober: Sportliche Schlagzeilen schreiben die Schwarz-Gelben auch noch, für den dunklen Rand sorgt mehr als einmal Torwart Thorsten Stuckmann. Der 29-Jährige sorgt mit seinem Patzer für die 0:1-Niederlage in Bielefeld und legt eine Woche später beim 1:4 gegen Union Berlin nach. Krüger spricht ihm das Vertrauen aus („Stucki bleibt Nummer eins, Basta!”). Vergangenheit sind die unglücklichen Gegentore nach dem Basta allerdings nicht - zuletzt Paderborn -, auch die Abschläge stellen einige Male eine Gesundheitsgefahr für das Publikum dar, das zuletzt bei gelungenen Aktionen vernehmbar dankbar reagierte.

3. November: Präsidenten-Kandidat Günter Reinartz, von den Gremien favorisiert, wollte mit seinem Team zur Wahl nur im Block antreten - und bekommt von den Mitgliedern im Frühjahr die Rote Karte gezeigt. Alternativ stellen sich nun Alfred Nachtsheim, Christoph Tebrack und Michael Leers dem Votum. Nachtsheim schreckt nicht davor zurück, nach erfolgreicher Wahl ein „Aachener Promi” zu sein: „Das nehme ich in Kauf. So wichtig ist mir die Alemannia”, erklärt der Arzt.

29. November: „Nach Lösungen muss man suchen, ich bin sicher, dass wir sie finden”, erklärt Aachens Trainer nach der nächsten von vielen desolaten Vorstellungen des Teams, der 0:2-Niederlage gegen Ahlen. Die Spieler stellen sich den wütenden Fans, der Sportdirektor verkriecht sich. So kommt der Aufsichtsrat auf eine Lösung, die Geschäftsführer Frithjof Kraemer nicht auf der Agenda hatte: Aus der von ihm geplanten Vertragsverlängerung mit Bornemann wird eine eher spontane Entlassung. Die Fallhöhe für den 38-Jährigen ist schmerzhaft hoch.

14. Dezember: Das nächste Casting: Erik Meijer sucht - und findet sich. Mit der Beförderung zum Geschäftsführer Sport wird einer der Geburtsfehler der GmbH beseitigt. Zugleich wird die Alemannia komplett auf das System Meijer umgestellt: Der 40-Jährige wird zum Akkordarbeiter (16 Verträge laufen aus), zum Klon-Experten, der auf die Suche nach vielen „Meijerchen” für das Zukunftsteam geht, und zum Hoffnungsträger. Er muss die unglückselige Vergangenheit abarbeiten und die Weichen so stellen, dass der sportliche Erfolg das Stadion ernährt. Eine Herkules-Aufgabe.

24. April: Zuletzt trifft es dann Seyi Olajengbesi. Der Innenverteidiger reißt sich das Syndesmoseband, fällt bis Saisonende aus. Ein Schicksal, das er mit Kevin Kratz, Florian Müller, Manuel Junglas, Thorsten Burkhardt, Lukasz Szukala, Szilard Nemeth und Markus Daun teilt. Kurz vor Saisonschluss kehren Thomas Stehle, Andreas Lasnik und Timo Achenbach in den Kader zurück, Reiner Plaßhenrich muss seine aktive Laufbahn beenden. Eine komplette Mannschaft fällt über Wochen und Monate aus, eine Seuchensaison.

2. Mai: „Oben mitspielen” wird zu Saisonbeginn als Ziel ausgegeben, mit der Niederlage in Paderborn löst sich selbst die kleinste aller Hoffnungen - einstelliger Tabellenplatz - in Nichts auf. Höhere Sponsorenzahlungen bleiben aus.
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