Benny Auer: Ein Stürmer im Wartestand

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
Damals . . . Das Kapitel in Aa
Damals . . . Das Kapitel in Aachen ist für Benny Auer nicht sonderlich fröhlich zu Ende gegangen. Es könnte sein, dass es seine letzte Stelle im bezahlten Fußball war. Foto: imago/Alfred Harder

Aachen. Vor ein paar Tagen ist Benjamin Auer bei seinen Eltern gewesen. Der Fußball-Profi wollte wissen, ob die Herrschaften stolz auf ihren Jungen sind. Auer genießt gerade ein bisschen das Leben mit seiner Frau Sabrina, mit seinem quirligen, fast zweieinhalbjährigen Söhnchen Nico.

Die kleine Familie reist durch die Welt, sie verbringt viel Zeit miteinander. Der junge Mann findet wieder mehr Zeit zum Lesen und zum Kochen. Der 31-Jährige ist arbeitslos, ein Stürmer im Wartestand. Er sagt, er sei selbst etwas überrascht, dass er im Regal liegengeblieben ist.

Natürlich, beim ersten Shopping haben sich die Chefeinkäufer der Klubs in diesem Sommer in erster Linie für Spieler interessiert, die Tempo mitbringen. Sein Lauftempo verheißt keine Sprintsiege, seine Handlungsschnelligkeit hat aber viele Spiele entschieden. Es gab dann noch ein paar Durchgänge mehr, aber niemand hat zugegriffen bei einem Stürmer mit einem nahezu lizensierten Torriecher, der in 306 Spielen in den oberen beiden Ligen 95 Treffer erzielt hat.

Zur aktiven Zeit trug der Angreifer den wenig schmeichelhaften Kosenamen „Der Dicke”. Der „Dicke” galt nicht als Sprinter, aber als jemand, der eine Torchance auch gegen den Wind wittern konnte. Inzwischen verdient Auer den Kampfnamen nicht mehr, er hat in den letzten Monaten fünf, sechs Kilo verloren. „Jetzt trainiere ich so, wie ich es für richtig halte”, sagt der studierte Fitness-Ökonom. Fußballerische Einheiten finden regelmäßig bei Arminia Bielefeld statt, wo der Freund aus Aachener Zeiten, Samir Arabi, die Sportabteilung leitet.

Auer wohnt immer noch in Aachen, seine Familie mag diese Stadt, er mag diesen Klub, seine Fans, aber fithalten bei Alemannia kam nicht mehr in Frage. Er war der Kapitän der Abstiegsmannschaft, er ist der beste Torjäger, den der Klub hatte, aber das Ende im Sommer war bitter - nicht nur wegen des Abstiegs. Als sich der Verein neu sortierte, war er kein Thema mehr. „Mit mir hat man ungefähr als Vorletztem gesprochen.” Er hätte ohnehin abgesagt, aber dieser stillose Abschied hat ihn nach vier ziemlich erfolgreichen Jahren getroffen. „Der Umgang mit verdienten Spielern bei Alemannia ist nicht in Ordnung. Aber bei anderen Vereinen ist es auch nicht besser. So geht es eben in diesem Geschäft zu.” Er ist nicht mehr am Tivoli gewesen. Ein Spiel des Ex-Klubs hat er nicht mehr gesehen. „Ich habe keine Lust, einige Leute vor Ort wieder zu treffen.” Und er hat keine Lust auf die immer gleiche Frage: „Bei welchem Verein bist du gelandet?”

Vor ein paar Wochen ist Auer bei Racing Santander gewesen. Probetraining und Medizincheck waren in der Hafenstadt bereits erfolgreich absolviert, doch dann zog der Absteiger aus der ersten Liga das Angebot in letzter Sekunde zurück - ohne Begründung. Er hat zuletzt ein paar Angebote von griechischen Erstligisten oder Klubs aus Aserbaidschan abgelehnt. Auer will noch zwei, drei Jahre spielen, ein letzter lukrativer Vertrag, das wäre es. „Ich wäre stolz, wenn mich mein Sohn einlaufen sehen würde.” Die Familie würde für eine Zeit ins Ausland gehen, neue Erfahrungen sammeln. Australien oder die USA wären ein Thema - wenn es sich so ergibt. „Es muss einfach passen.”

Sein Berater Jörg Neblung findet, dass der Spielermarkt gerade irrational reagiere. Profis mit durchaus schlechterer Biographie würden verpflichtet, während es bei Auer Hemmschwellen gibt. „Diese letzte Saison in Aachen, als er teilweise zum Sündenbock gemacht wurde, hat ihm geschadet.” Der Berater will das Karriereende aufschieben, bestätigt Anfragen.

Es könnte trotzdem sein, dass Auers Karriere in ein paar Tagen ziemlich still und unspektakulär zu Ende geht. Sechs Monate ist sein letzter Wettkampf her, jetzt kämpft er seit Wochen mit sich selbst. Für die Rauschmomente nach einem Torerfolg gibt es im Alltag keinen Ersatz. Später will er sich seine vielen Treffer mal auf eine CD brennen und bei passender Gelegenheit noch einmal eintauchen in die Karriere.

Er wirkt nicht frustriert, ohnehin hat er zu dieser überhitzten Branche immer einen gesunden Abstand gehabt. Auer mag diesen Fußball-Sport, er wird ihm ewig treu bleiben. „Mir reicht es aber schon, mit Freunden in einer Soccerhalle zu spielen.” Er hat den Schulterklopfern nie große Bedeutung beigemessen, hat sich aber auch nicht von den Krakeelern im Stadion beeindrucken lassen.

Der Angreifer hat immer einen klaren Blick für die Zeit nach dem Torjubel gehabt, er wird die Branche wechseln. In der Pfalz besitzt er mit Partnern drei Fitnessstudios, die auf therapeutischen Muskelaufbau spezialisiert sind. Auer wird Geschäftsführer in Karlsruhe, er wird mit seiner Familie in den Südwesten zurückkehren. Anders als viele Kollegen hat er einen klaren Berufsplan in der Tasche. Er muss hier nur noch den Zeitpunkt eintragen.

Für einige Experten hat er eine unvollendete Karriere hinter sich. Der Stern Auers ging bei der U20-WM 2001 in Argentinien auf. Damals wurde er hinter Javier Saviola, Adriano und Djibril Cissé viertbester Torschütze des Turnier, obwohl er im Viertelfinale einen Kreuzbandriss erlitt. Der Boulevard rief ihn als „Deutschlands größtes Sturmtalent” aus. Während Saviola, Adriano und Cissé international losstürmten, startete Auer eine ziemlich deutsche Karriere.

Das große Versprechen hat er nicht einlösen können. Er hat alle DFB-Auswahlmannschaften erfolgreich durchlaufen, für den großen Adler hat es nicht gereicht. „Natürlich wäre das schön gewesen. Aber im Rückblick muss ich sagen: Ich bin nicht unzufrieden mit meinem Weg.”

Er hat die Entscheidung immer wieder aufgeschoben. Das ist untypisch für ihn, Menschen die ihn besser kennen, sagen, dass er einen klaren, strukturierten Tagesablauf bevorzugt. Auer ist keiner, der in den Tag hineinlebt, er braucht fast einen Stundenplan. „Es kann sein, dass ich morgen wach werde und sage: Das war es!”

Seine Eltern haben gesagt, dass sie stolz auf ihren Benjamin sind. „Du hättest dich im großem Rampenlicht nicht wohl gefühlt. Es war gut so, wie es gelaufen ist.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert