Alemannias neuer Torwart: „Das Geschenk“ und seine Folgen

Von: Christoph Pauli
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Alemannias Testtorhüter: Pierre Kleinheider. Foto: sport/PP

Aachen. Es ist ein dünnes Büchlein, auf 100 Seiten hat der Bestsellerautor Spencer Johnson schon vor ein paar Jahren die anrührende Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der durch den Rat eines weisen alten Mannes zu innerem Gleichgewicht, Glück und beruflichem Erfolg findet.

Der kleine Ratgeber heißt „Das Geschenk“, und irgendein Fußballtrainer hat es vor Jahren Pierre Kleinheider geschenkt. Da stand es nun eine Weile herum, verstaubte ein bisschen, ehe Alemannias neuer Torwart dann doch zugriff. Später sagte Kleinheider das Beste, was man über ein Buch sagen kann: „Es hat mein Leben verändert.“ Diese Fibel hilft ihm, sagt er, die Vergangenheit abzuhaken, die Gegenwart zu leben und die Zukunft zu planen.

Die Vergangenheit abhaken bedeutet für ihn, das Kapitel Hallescher FC zu beenden. Im Sommer letzten Jahres war er dort in Ungnade gefallen. Der Drittligist lag ziemlich über Kreuz mit dem damaligen Berater des Torwarts. Gründe hat Kleinheider nicht erfahren, er wurde nicht abgemahnt, sondern als Stammkraft ausgemustert. So etwas soll es geben. „Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen, aber die Mechanismen in unserer Branche sind zuweilen so.“

Er durfte nicht aufs Mannschaftsbild, landete auf dem Abstellgleis. Er trainierte nicht mehr mit dem Drittliga-Team, hielt sich stattdessen bei der A-Jugend fit. Erst der neue Trainer holte ihn im Herbst wieder zurück ins Profitraining. „Natürlich war ich mit der Situation unzufrieden“, sagt Kleinheider. Er räumt aber auch ein: „So eine Denkpause tut manchmal ganz gut.“

Er hat die Zwangspause umgedeutet als Chance. „Es war die Gelegenheit, die alten Muster neu zu ordnen. In schwierigen Situationen kann man seine mentale Stärke verbessern.“ Parallel hat er mit Experten sein Torwartspiel grundlegend analysiert. Er hat an seinen Schwächen gearbeitet, als sich niemand so recht mehr für seine Trainingsleistungen interessierte. Erfolg wurde nicht mehr durch Siege mit dem Team, sondern individuelle Fortschritte definiert. „Es geht darum, das Bestmögliche im Fußball zu erreichen.“ Das ist das Motto, bei jeder Trainingseinheit, bei jedem Besuch im Kraftraum, bei jedem Spiel.

Die Gegenwart: Mit Philipp Birka hat der 26-Jährige gerade einen Torwarttrainer erhalten, der noch jünger ist. „Ich lerne eine neue Philosophie, eine neue moderne Art des Torwarttrainings kennen. Spannend“, sei das. Kleinheider sei sehr lernbegierig, sagt sein neuer Trainer. Für Fuat Kilic war Kleinheider bis vor einem Monat noch ein Unbekannter.

Sieger der Casting-Show

Am Anfang stand der Hinweis des Beraters, dass sein Klient gerade eine berufliche Veränderung anstrebe. Das Bild musste erst verdichtet werden. DVDs wurden geschaut, Informationen eingeholt, Gespräche geführt, der Kandidat wurde zum Casting eingeladen. Der 26-Jährige erhielt den Zuschlag auch, „weil er sehr erfahren ist und eine klare Nummer 1 in Halle in der 3. Liga“ war, sagt Kilic.

Kleinheider ist ein Freund des klaren, unprätentiösen Spiels, was ihn mit seinem Vorbild David de Gea verbindet. „Ich kann es nicht leiden, wenn jemand abschaltet während des Spiels.“ Stürmer, die gestenreich über vertane Chancen lamentieren, sind ihm ein Gräuel.

Seine Premiere verlief nicht optimal. Zwar zeigte der neue Rückhalt beim Remis in Mönchengladbach gleich mehrfach seine Qualitäten auf der Linie. In direkten Duellen verkürzte er den Winkel so, als habe er darüber geometrische Berechnungen angestellt. Und Kleinheider beschleunigte das Spiel mit weiten präzisen Abwürfen, zudem hat sich Alemannia fußballerisch auf der Position verbessert.

Beim 2:0 der Borussen leistete der 190 Zentimeter große Torwartriese allerdings freundliche Komparsen-Dienste. Er verspekulierte sich bei einem Freistoß. „Das will ich nicht sehen, bei uns auf dem Feld wird nicht gezockt“, tadelte ihn sein Trainer. Kleinheider hat den Treffer später in der Kabine auf seine Kappe genommen. Fehler einzuräumen, ist für ihn kein Zeichen von Schwäche. Im Spiel hat er eine spezielle Strategie zum Frustabbau gefunden. Manchmal dreht er sich um und schreit seinen Frust ins Tor hinein. „Das Negative muss aus dem Körper heraus.“ Dann dreht er sich um, und die Körpersprache soll wieder positiv sein.

Die Zukunft: Der Schlussmann ist mit seiner Frau und den beiden Mädchen (4 Jahre und elf Monate) ins Rheinland gekommen, das Abenteuer ist zunächst befristet bis zum Saisonende. „Der Verein sollte wieder hochkommen“, findet er. Und vermutlich findet er, dass auch er das nach tristen Monaten verdiene. Für beide sei das eine win-win-Situation, hat sein Trainer bei der Ankunft gesagt. Alemannia erhält einen etablierten Keeper, Kleinheider einen Stammplatz im Schaufenster eines Traditionsklubs. Vorerst bis zum Sommer. „Dann müssen wir mal schauen, ob wir ihn halten können“, sagt Kilic.

Noch weiß niemand, wie das nächste Kapitel in dem Buch aussehen wird.

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