Alemannias Insolvenzverwalter will im Dezember den Tivoli verlassen

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Halbzeit am Tivoli: Bis Mitte Dezember will Insolvenzveralter Christoph Niering seine Aufgabe beendet haben. Foto: Christoph Pauli

Aachen. Vielleicht steht gerade die Halbzeit für Insolvenzverwalter Christoph Niering am Tivoli an. In etwa vier Monaten soll Fußball-Regionalligist Alemannia Aachen wieder zukunftsfähig gemacht sein. Eventuell geht Niering mit seinem Team sogar an einem symbolträchtigen Datum von Bord, am 16. Dezember, 117 Jahre auf den Tag genau nach der Vereinsgründung 1900. Im Gespräch mit Redakteur Christoph Pauli zieht der Jurist Zwischenbilanz.

Inwieweit ist der angepeilte Etat von 2,5 Millionen Euro bereits gesichert?

Niering: Wir verfeinern die Etatplanung permanent und gehen zur Zeit von 2,7 Millionen Euro aus, der Betrag ist zu gut 90 Prozent gedeckt. Wir liegen etwas zurück, da wir mit noch ein bisschen mehr Unterstützung aus der Region gerechnet haben. Auf der anderen Seite haben uns die über 9000 Fans beim ersten Heimspiel mehr als positiv überrascht. Das trägt nicht nur zur positiven Grundstimmung bei, sondern führt auch zu deutlich mehr Zuschauereinnahmen als geplant.

Woher kam zunächst die Zuversicht?

Niering: Beim ersten Sponsorenabend am 2. Mai gab es sehr viel Zuspruch. Diese positive Welle hat uns dann aber noch nicht bis zur 100-Prozent-Marke getragen. Viele potenzielle Sponsoren und Förderer zeigen sich noch abwartend. Hier leistet das engagierte Team auf der Geschäftsstelle und das Kompetenzteam jeden Tag aufs Neue Überzeugungsarbeit und dies auch durchaus mit Erfolg.

Wie erleben Sie Alemannias Umfeld in den ersten Monaten?

Niering: Die Grundskepsis bricht Stück für Stück auf, ist aber noch vorhanden. Der Verein muss erst wieder verlorenes Vertrauen aufbauen. Als Insolvenzverwalter helfe ich dabei so gut wie ich kann.

Sie streben ein Finanzkonzept für drei Jahre an. Lässt sich das nach den Erfahrungen überhaupt jetzt schon umsetzen?

Niering: Wir glauben immer noch an das Konzept „Alemannia 2020“ mit der angestrebten schwarzen Null im ersten Konsolidierungsjahr. Es geht aber auch darum, dass Alemannia nicht nur fordert, sondern auch liefert. Der Verein kann sich sozial noch intensiver für Schulen, Behinderte, benachteiligte Jugendliche und Flüchtlinge engagieren.

Ein Beispiel: Wir machen erstmalig beim Weihnachtssingen mit, wollen 90 Minuten lang ein volles Stadion erleben. Nicht, weil wir Werbung für den Klub machen wollen, sondern weil wir unsere Power für ein gutes Projekt einsetzen wollen. Es wäre doch toll, wenn zudem Ordnungsdienst, Caterer, Klub und Stadiongesellschaft zugunsten eines gemeinsamen Sozialprojekts an diesem Abend zumindest teilweise auf Einnahmen verzichten.

Das Singen findet am 17. Dezember statt. Singt der Insolvenzverwalter dann noch mit?

Niering: Ich werde an diesem Abend dabei sein, vielleicht aber schon nicht mehr als Insolvenzverwalter. Zur Winterpause wollen wir die Alemannia über einen Insolvenzplan aus der Insolvenz herausgeführt haben. Dann ist meine Aufgabe am Tivoli erledigt.

Auf wie viel Gehör ist der Appell gestoßen, sich ehrenamtlich bei Alemannia zu engagieren?

Niering: Die Resonanz war eher gering, vielleicht ist viel ehrenamtliche Bereitschaft in den letzten Jahren verlorengegangen, vielleicht wollte man sie auch nicht mehr. Aber es gibt auch viele positive Ansätze im Großen wie im Kleinen. Zukünftig soll Alois Poquett, der den Klömpchensklub betreibt in die Koordination der ehrenamtlichen Arbeit eingebunden werden. Er ist es auch, der einen zweiten Standort für den Fanshop in das Sozialkaufhaus integrieren wird, das Langzeitarbeitslose leiten.

Welche Verträge haben Sie bislang geändert, wo wird gespart?

Niering: Wir sind jede Kostenposition durchgegangen. Der Ordnungsdienst wurde ausgetauscht, die Kosten konnten halbiert werden, weil der Dienstleister günstiger ist und wir nur noch die Bereiche kontrollieren, die das Sicherheitskonzept zwingend vorschreibt. Für das Tivoliecho, den Betrieb der Anzeigetafel oder die Lautsprecher haben wir deutlich kostenpreisgünstigere Lösungen gefunden.

Leider mussten wir uns auch von Mitarbeitern trennen. Das ist für den betroffenen Mitarbeiter nur schwer hinzunehmen, aber zur Reduzierung des Gesamtetats um weit mehr als eine Million Euro nicht anders möglich.

Haben Sie den Eindruck, dass die Stadt noch ein großes Interesse an diesem Verein hat?

Niering: Die Stadt reiht sich in die lange Riege der Abwartenden ein. Sie steht der Alemannia nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber, reagiert aber aufgrund der Historie auch nicht mit Euphorie.

Gibt es noch die Überlegung, das Stadion zu verkaufen?

Niering: Das müssen Sie die Stadt beziehungsweise die stadteigene Stadiongesellschaft als Eigentümerin des Stadions fragen.

Streben Sie eine Reduzierung der Stadionmiete an?

Niering: Es gibt einen ungekündigten Mietvertrag, den wir bisher von den finanziellen Eckpunkten her nicht mit der Stadt diskutiert haben. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass jeder aus seinem Blickwinkel heraus mit dem Status quo nicht übertrieben zufrieden ist. Die Stadt Aachen finanziert zu einem nicht unerheblichen Teil den Unterhalt des Stadions, und der Viertliga-Etat der Alemannia wird durch die vereinbarte Mietzahlung sehr strapaziert. Vielleicht lassen sich im Dialog in den nächsten Wochen ja Mittel und Wege für eine beiderseits bessere Lösung finden.

Wie viele Logen, Businessseats und Dauerkarten sind verkauft?

Niering: Wir haben 251 Logenplätze und weit mehr als 2100 Dauerkarten, davon fast 400 Businessseats, verkauft. Damit liegen wir etwas hinter den Vorjahreszahlen zurück, haben damit unsere Planung aber schon im positiv Sinn deutlich übertroffen.

Haben Sie unter den Interessenten auch einen möglichen Haupt- und Trikotsponsor gefunden?

Niering: Nein. Ich weiß auch nicht, ob wir noch einen finden werden. Die Gemengelage ist knifflig. Die großen überregionalen Unternehmen scheuen die Regionalliga. In der Region tun sich noch viele schwer damit, sich zu dem Verein in einer für das Trikotsponsoring erforderlichen Höhe zu bekennen. Aber vielleicht können wir gemeinsam mit dem neuen Geschäftsführer Martin vom Hofe noch etwas bewegen.

Wie ist der Stand bei der Idee, die Eintrittskarte wieder mit einem Aseag-Ticket zu verbinden?

Niering: Es gibt kein Entgegenkommen bisher. Wir arbeiten derzeit aber auch an Alternativen. Zudem darf man nicht vergessen, dass viele Fans als Schüler, Auszubildende und Studenten schon kostenfrei die öffentlichen Busse nutzen können. Gleiches gilt für Inhaber eines Jobtickets. Aber wie gesagt: Wir bleiben am Thema dran.

Sie haben vor kurzem die Kandidatur von Team 2 um den ehemaligen Hauptsponsor Alexander Goy scharf kritisiert. Steht das einem Insolvenzverwalter zu?

Niering: Ja, er ist unabhängig gegenüber allen Beteiligten und kann sich gerade daher im Sinne der Sache, das heißt zum Erhalt der Alemannia Aachen GmbH, äußern. Kritisiert habe nicht ein ganzes Team, sondern nur ein einzelnes Mitglied. Es kann nicht sein, dass Alemannias Hauptschuldner kandidieren und die Führung übernehmen will. Nicht mehr und nicht weniger habe ich gesagt.

Das Verfahren gegen Goy, der nach Ihrer Berechnung Alemannia eine Viertelmillion Euro schuldet, ist ausgesetzt. Werden Sie den Klageweg wieder bestreiten?

Niering: Mit der Insolvenz war das Gerichtsverfahren ausgesetzt. Wir haben von Seiten der Insolvenzverwaltung bereits im Mai 2017 und damit sogar noch vor der Eröffnung des Insolvenzverfahrens das Gespräch mit Herrn Goy und seinem Anwalt geführt. Leider hat sich Herr Goy einer vergleichsweisen Lösung ohne sachlichen Grund verschlossen. Ich habe den Anwalt der Alemannia letzte Woche angewiesen, den Rechtsstreit aufzunehmen. Jetzt wird das Landgericht zu entscheiden haben.

Im Epilog des Rückzugs von Team 2 wurden Millionenbeträge genannt, die man mitgebracht hätte. Wie gehen Sie darauf ein?

Niering: Es ist schon merkwürdig, dass das Thema erst im Nachhinein gesetzt wurde. Ich habe den wesentlichen Akteuren des Teams ein Gespräch angeboten und wiederhole dieses Angebot hiermit. Wer helfen will, wird sicherlich auch das Team um Martin Fröhlich unterstützen. Es geht doch nicht um Posten, sondern um die Unterstützung der Alemannia.

Haben Sponsoren ihr Engagement an Kandidaten geknüpft, die später in den Gremien sitzen werden?

Niering: Natürlich gibt es im Bereich des Sports immer auch eine Vertrauensbeziehung zwischen Sponsor und Gremien. Schließlich arbeiten die Gremien ja mit dem Geld der Sponsoren, dies setzt Vertrauen in die Gremien voraus.

Kurz vor dem ersten Heimspiel gab es die Nachricht, dass Sie das Banner- und Fahnenverbot aufgehoben haben. Was ist der Hintergrund für diese Überlegung?

Niering: Wir wollen mit allen ins Gespräch kommen und die Basis für einen Neuanfang schaffen. Was lag da näher, als auch das Thema Fahnenverbot anzugehen? Gemeinsam mit den Vertretern des Fanprojekts und dem Fanbetreuer hatten wir am Abend vor dem ersten Heimspiel ein sehr gutes Gespräch.

Wir sind uns einig, dass verbale oder körperliche Gewalt und fremdenfeindliche Sprüche nicht durchgehen. Das brauchten wir nicht mal zu fordern, es war das Angebot der Fans. Man merkt, dass sie noch aktiver mithelfen wollen, das junge Team zu unterstützen. Ich freue mich schon auf die angekündigte Choreographie.

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