Alemannia und die Sorge vor der Insolvenz

Von: Christoph Pauli
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Welche Perspektive hat die Aachener Alemannia? Derzeit laufen intensive Verhandlungen mit der Stadt Aachen über die Rettung des in finanzielle Schieflage geratenen Traditionsvereins. Foto: imago/Team2

Aachen. Die Lage ist dann doch etwas ernster, als sie von Alemannias Geschäftsführer Frithjof Kraemer vor ein paar Tagen im Interview mit dieser Zeitung geschildert wurde. „Die Situation ist aber nicht so, wie stellenweise kolportiert, dass Insolvenz droht oder die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft gefährdet sei”, hatte Kraemer gesagt.

Vielleicht ist die Situation nicht mehr so oder aktuell nicht so, aber dass dem Zweitligisten schon am Monatsanfang eine Insolvenz gedroht hat, das wurde am Freitag von mehreren Seiten bestätigt. Und schon in wenigen Wochen könnte diese Situation wieder drohen. Die Nöte sind noch größer als bislang wahrgenommen. Mit einer Insolvenz wäre der Verein automatisch abgestiegen, eine Lizenz für den Profi-Spielbetrieb gäbe es nicht.

Einstweilen gelindert hat eine Aachener Einrichtung, die anonym bleiben will, die Nöte. Das Unternehmen finanzierte dem Verein die 1,4 Millionen Euro vor, die der Klub am 1. Juli vom FC Schalke 04 erwartet. Es ist die nächste Tranche aus dem Transfer von Lewis Holtby im Sommer, erst mit diesen Mitteln ist der Klub vorübergehend wieder flüssig geworden und kann seinen Verpflichtungen nachkommen.

„Gerettet” ist der Verein damit mitnichten. Der Liquiditätsengpass liegt immer noch bei drei Millionen Euro, aus Sicht der Vereins hervorgerufen durch viele vorfinanzierte Leistungen in der Bauphase des neuen Stadions. Immer wieder habe der Klub unter Zeitdruck Lösungen zugestimmt in der Erwartung, dass die Stadt die Gelder etwa für die Rodung des Grundstücks (1,02 Millionen Euro) oder den Umzug der ehemaligen Mieter (400.000 Euro) zurückzahle.

Die DFL ist aufgeschreckt

So wird es nicht kommen, stattdessen ist der Verein nun auf städtische Bürgschaften existenziell angewiesen. So der Stadtrat kommenden Mittwoch zustimmt (siehe Artikel unten), würde es deren zwei geben - eine dieses Jahr über drei Millionen Euro und eine nächstes Jahr über 2,5 Millionen. Einen Zuschuss wird es zwar nicht geben, aber mit den Bürgschaften könnte sich der Klub kurzfristig Geld bei einer Bank besorgen. Ansonsten rückt eine Lizenz für die nächste Saison in weite Ferne.

Längst ist die Deutsche Fußball Liga aufgeschreckt und hat das Gespräch mit dem Verein gesucht. Die DFL will natürlich wissen, wie die Unterdeckung im nächsten Etat ausgeglichen werden kann.

Traditionell reagiert der Verband höchst allergisch auf Klubs, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen können. Das bekommt gerade Arminia Bielefeld zu spüren, das am Ende der Saison vier Punkte abgezogen bekommt und um die nächste Lizenz bangen muss. Ob die DFL sich auch um Aachens laufende Saison mit erkennbaren Millionen-Lücken kümmert, wollte Verbandssprecher Kai Langendorf am Freitag nicht sagen. „Wir äußern uns nicht zu einzelnen Klubs. Im Falle Bielefeld gab es das Statement erst, als wir die Strafe ausgesprochen haben.”

Es gibt verlässliche Anzeichen, dass Alemannias Fundament durchaus belastbar ist. Zu einem solchen Schluss kommt zumindest die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die den Klub für die Verwaltung und Politiker auf den Kopf gestellt hat. „Die Liquiditätskrise resultiert nicht aus der operativen Tätigkeit, ein klassischer Krisenverlauf ist nicht erkennbar.”

So bedürfe es zur Krisenbeendigung nur der „Überbrückung der Liquiditätskrise”, steht in dem Gutachten, das der Redaktion vorliegt. Noch eine gute Nachricht: „Im Geschäftsjahr 2009 konnten bis auf die Erlöse aus der Zentralvermarktung sämtliche Erlöskategorien gegenüber dem Vorjahr gesteigert werden.” Die Wirtschaftsprüfer attestieren dem Verein eher einen konservativen Ansatz für die nächste Saison, Transfererlöse oder Pokalerfolge sind nicht eingepreist.

Das Gutachten beschäftigt sich auch mit dem Organigramm des Klubs und seiner GmbH, weist darauf hin, dass der alleinige Geschäftsführer „Überwachungsgremien mit insgesamt 30 Personen gegenüber” stehe. „Kapazitäten des Geschäftsführers werden durch Abstimmung mit den Gremien blockiert.”

Und noch ein Hinweis an Kritiker von Frithjof Kraemer, der verantwortlich für die Bauphase ist und war: „Ein Ausfall des Geschäftsführers hätte gegenwärtig nicht einschätzbare Folgen.” Die Stadt hat indes noch ein eigenes Wirtschaftsgutachten erstellen lassen - und auch dort ist vom starken Einfluss des Aufsichtsrats aufs operative Geschäft die Rede.

So soll eine der Bedingungen für die Bürgschaften sein, dass hier eine klarere Trennung stattfindet. Auch sollen demnächst keine Verantwortlichen der Stadt oder städtischer Gesellschaften mehr in den Gremien der Alemannia sitzen. Derzeit trifft dies mit Christian Becker (Stawag-Vorstand) und Hans-Peter Appel (Aseag-Vorstand) auf zwei solcher Personen zu. Auch solle das bislang unzureichende Controlling deutlich verbessert werden.

Kraemer selbst wollte dazu nicht Stellung beziehen. Diese Vereinbarung sei mit der Stadt getroffen. Sein Aufsichtsrats-Vorsitzender Jürgen Linden will sich erst nach der entscheidenden Ratssitzung öffentlich äußern.

Am Freitagabend tagte das Gremium wieder einmal außerplanmäßig, wie so häufig in den letzten prekären Monaten. „Wir wollen das Sanierungskonzept des Wirtschaftsprüfers und des Geschäftsführers kennenlernen”, sagte Linden vor der Sitzung. Am Samstag ist der nächste Termin mit der Stadt. Auch da geht es um das große Ziel: Die Pleite muss abgewendet werden.
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