Alemannia-Trainer Funkel: „Es geht nicht ohne klare Hierarchien”

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
Mit dem Rücken zur Wand: Alem
Mit dem Rücken zur Wand: Alemannia und Friedhelm Funkel brauchen heute fast zwingend einen Heimsieg. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Die Nachfrage hat angezogen, 15.000 Karten sind für Alemannias Heimspiel am Freitag gegen Dynamo Dresden verkauft. Es geht um sehr viel, vielleicht schon um alles. „Die Wahrheit liegt auf dem Platz”, zitiert Friedhelm Funkel einen noch berühmteren Trainer.

Ab 18 Uhr ist dort zu beobachten, ob die zuletzt so verkrampfte Mannschaft endlich einmal ein Ausrufezeichen setzen kann. Die 3. Liga droht gewaltig, kann Alemannia ihr noch entrinnen?

Wir möchten mit Ihnen über Glauben sprechen. Was stärkt also den Glauben an den Klassenerhalt?

Funkel: Die langjährige Erfahrung, dass sieben Spieltage vor Schluss noch niemand abgestiegen ist. Wir haben ausreichend Qualität und Spiele, um mindestens Tabellenplatz 16 zu festigen. Wenn uns schnellstens ein Sieg gelingt, können wir sogar noch die eine oder andere Mannschaft abfangen.

Sie stellen sich unverändert vor die Mannschaft. Aber ist es nicht mal an der Gruppe zu vermitteln, dass sie den Ernst der Lage erkannt hat?

Funkel: Meine Erfahrung ist, dass sich Vertrauen immer auszahlt. Das wird zurückgezahlt. Natürlich ist die Zeit reif, dass das Team nun positive Ergebnisse liefert. Es bringt aber nichts, auf die Spieler öffentlich draufzuhauen, um eventuell für sich ein Alibi zu schaffen.

Sie kommen nach einer solchen Durststrecke natürlich auch ins Gerede, wenn Sie diese Mannschaft nicht in die Spur zurückführen. Schon läuft die Debatte, ob noch ein Trainerwechsel her sollte.

Funkel: Das können Sie nie ausschließen, es beunruhigt mich noch nicht mal zu 0,1 Prozent. In der heutigen Zeit kommen solche Debatten durch die neuen Medien schneller und wesentlich heftiger auf, als das früher der Fall war. Das wird nicht mehr anders werden. Das darf mich nicht interessieren.

In den neuen wie auch alten Medien wird diskutiert, wie regungslos Sie Spiele an sich vorbeiziehen lassen. Wochenlang waren Sie ruhender Pol, jetzt gelten Sie als teilnahmslos.

Funkel: Fans und einige Journalisten urteilen nur anhand von Ergebnissen. Sie wissen aber nicht, dass man sich oft gar nicht anders verhalten kann. Besonders bei unseren Heimspielen ist permanent der vierte Mann bei mir. Und zwar nicht, weil ich da teilnahmslos rumstehe. Ich halte mich zurück, um nicht auf der Tribüne zu landen. Vor sechs Wochen hat sich daran keiner gestört, jetzt ist es ein Thema. Aber davon muss man sich als Trainer freimachen. Man muss authentisch bleiben, seinen Stil der letzten Jahrzehnte beibehalten. Glaubhaft.

Ist Glaubwürdigkeit das große Thema?

Funkel: Es ist extrem wichtig. Die Spieler haben es viel schwerer als ich. Sie müssen auf dem Platz die richtige Entscheidung treffen, das ist schwerer. Sie bekommen die Wucht der Kritik ab und müssen trotzdem ihren Plan durchziehen.

Schadet es dann nicht der Glaubwürdigkeit, wenn sich der Manager einen Segeltörn in der heißen Phase gönnt oder der Trainer nach einem Spiel zwei Tage bei der Biathlon-WM ausspannt?

Funkel: Das kann ich mir nicht vorstellen. Bei Erik Meijer war es lange geplant, bei einem Heimsieg in seiner Abwesenheit gegen Paderborn wäre es nie ein Thema geworden. Ob ich mal beim Auslaufen fehle, hat nullkommanull Auswirkungen auf die Arbeit eines Trainers. Man muss auch als Trainer entspannen. Auch wir brauchen mal eine Ablenkung. Wenn es zu einem Burnout, wie bei Ralf Rangnick kommt wird debattiert, wie man sich besser davor schützen kann. Versucht man sich mal von einer intensiven Situation abzulenken, ist das auch nicht gut. Meine Meinung: Solche Pausen sollte man dem Trainer oder auch mal einem Spieler zugestehen. Es war übrigens der erste halbe Tag, den ich mir genommen habe.

Ihr Vorgänger wollte neue Hierarchien finden, hat junge Spieler gezielt aufgefordert, ältere zu kritisieren.

Funkel: Das gibt es bei mir nicht. Junge Spieler müssen sich ihren Weg, ihren Stellenwert erarbeiten. Sie dürfen ihre Meinung sagen, aber ein junger hat einem älteren Spieler nicht zu sagen, was er zu machen hat. Das geht nicht ohne klare Hierarchien. Damit habe ich überall gute Erfahrungen gemacht.

Haben Sie welche hier angetroffen?

Funkel: Nein, am Anfang fehlten sie völlig. Peter Hyballa war ein junger Trainer, der andere Vorstellungen hatte. Meine Erfahrungen sind völlig andere, man braucht ein festes Gerüst. Ältere Spieler haben mehr Routine, mehr Gespür für die Situation, sie antizipieren besser. Diese Reife kann ein junger Spieler noch gar nicht haben.

Anfang der Woche hat es eine Aussprache zwischen Fans und Spielern gegeben. Aus dem Kader gesprochen haben fast nur Bas Sibum, Thomas Stehle, Benny Auer, Timo Achenbach und Albert Streit. Sind das die fünf Auserwählten?

Funkel: Exakt, dazu kommt noch Kevin Kratz, der schon länger in Aachen ist. Diese Spieler müssen vorneweg gehen. Die muss ich als Trainer unterstützen.

Thema Aberglaube: Es gibt Kollegen von Ihnen, die in so einer Phase etwas Verrücktes machen, um aus der Spirale zu gelangen. Sie wechseln ohne Notwendigkeit den Torwart oder bringen einen Spieler, dem bislang nichts gelungen ist. Planen Sie auch so einen Schritt?

Funkel: An anderen Orten habe ich so etwas schon gemacht. Hier bietet es sich für mich aber nicht an. Wir ändern Abläufe, sind einen Tag länger im Trainingslager. Mit solchen Maßnahmen habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich hoffe, dass die gerade angesprochenen Spieler noch mehr auf ihre Mitspieler zugehen, sie noch mehr sensibilisieren.

Sie haben die Mannschaft vom Leistungsvermögen auf die Plätze 12 bis 15 taxiert.

Funkel: Ich bin bei solchen Einschätzungen sehr realistisch, auch wenn das nicht immer gut ankommt. Aachen kann froh sein, wenn die Mannschaft unter den Voraussetzungen in der 2. Liga spielen darf. Sollte sich die finanzielle Situation entspannen, sind mit einigen Veränderungen auch andere Tabellenplätze möglich. Vorher kaum. Mit dem Etat, den Möglichkeiten, mit dieser Mannschaft ist nicht mehr möglich.

Der Tabellenplatz ist dann auch der Gradmesser dafür, ob Sie gute Arbeit geleistet haben?

Funkel: Wenn die Mannschaft in diesem Korridor einläuft, hat sie noch das Beste nach dem schlechten Saisonstart erreicht. Das ist so.

Reizen Sie solche Situationen?

Funkel: Ich könnte mir bessere Situationen wünschen. Aber es reizt mich immer, eine Mannschaft oder einen Verein weiterzuentwickeln. Das ist der Trainer-Ansporn. Das ist auch in Aachen noch möglich, wenn wir diese kritische Phase überstehen. Ich bin da unverändert von überzeugt.

Sie glauben an das Gute im Ball?

Funkel: Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Leben und im Menschen. Zu 90 Prozent bin ich da immer bestätigt worden. Das kann ich rückblickend als alter Trainer sagen. (grinst)
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert