Alemannia: So schnell sind die Illusionen verblasst

Von: Christoph Pauli
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Damals: Neun Monate ist es her, dass sich lange Warteschlangen am Tivoli bei der Partie gegen RW Essen bildeten. Foto: sport/Revierfoto

Aachen. Anfang Februar passierte Unerwartetes mitten im Winter in Aachen. Am Tivoli stand die Partie gegen RW Essen an, der WDR übertrug live, und 30.313 Zuschauer besuchten das ausverkaufte Spitzenspiel. Im Fanshop gingen munter „Regionalligazuschauerrekordbrecher“-T-Shirts über die Theke.

Nach Jahren der Tristesse keimte wieder Zuversicht beim gestrandeten Traditionsklub auf. Sportlich ging es bergauf, die Partie war ein weiterer Beleg, der Tabellenzweite Alemannia besiegte den Tabellenführer RW Essen 1:0. Zwei Tage nach dem Heimsieg stellte der Regionalligazuschauerrekordbrecher und neue Tabellenführer Alexander Klitzpera als neuen Sportlichen Leiter vor. Die Planstelle wurde geschaffen, um den Verein weiter zu professionalisieren bei der angestrebten Rückkehr in die höhere Liga.

Ende der Woche wird die Partie am Tivoli „wiederholt“. Im Fanshop werden diesmal Shirts mit dem Aufdruck „Alte Neue Liebe“ verkauft. Wieder überträgt der WDR, auf dessen Wunsch die Anstoßzeit leicht auf 14.05 Uhr verschoben wird. Es ist keine Spitzenpartie mehr, sondern nur noch das Duell des Achten (20 Punkte) gegen den Zehnten (18 Punkte). Zwei frustrierte Teams, die mit viel Zuversicht in die Saison gestartet sind und sich inzwischen näher an den Abstiegsrängen als am Meisterrang befinden, messen sich.

Die Tristesse ist im schönen Herbst an den Tivoli zurückgekehrt. Die Hoffnungen, die noch im Winter blühten wie die Krokusse, haben sich zerschlagen. Beide Teams sind schon frühzeitig im langweiligen Niemandsland der Tabelle gelandet. Alemannia hat gerade gegen die Hobby-Kicker der Sport- und Spielvereinigung Velbert verloren. Es ist die bislang größte Blamage in der Pannenserie. Und es macht die Beteiligten höchst angreifbar, weil den vielen Worten zu selten Taten folgen.

In den Foren und auf den Leserbriefseiten fordern Fans wechselseitig den Rauswurf des Aufsichtsrats und/oder von Trainer Christian Benbennek und/oder von Manager Alexander Klitzpera.

Es kursiert die These, dass der Aufsichtsrat um Thomas Deutz im Winter völlig unnötig in eine gut funktionierende Organisation eingegriffen hat. Durch die Einsetzung von Klitzpera sei der Meistertitel am Ende verhindert worden, so wird die Geschichte erzählt. Fußball ist ein Bauchgeschäft, der Nukleus des Spiels sind solche Legenden, die sich nicht belegen oder widerlegen lassen. Fakt ist, dass es im Sommer für die Trainer Peter Schubert und Reiner Plaßhenrich trotz aller Erfolge keine Zukunft mehr am Tivoli gab.

Auch Schubert hat in seiner ersten Saison sechs Spiele am Stück verloren, aber so zeitnah nach der Insolvenz kam wenig Unruhe auf. Die letzte, so erfolgreiche Saison hat andere Erwartungen geweckt, auch wenn es dort ausreichend öde Spiele gegeben hat. Klitzpera hat einen unveränderten Etat zur Verfügung, aber bislang steht der Nachweis noch aus, dass er bei seinen personellen Rochaden ein gutes Händchen besitzt.

Nicht einmal mehr Spurenelemente der winterlichen Zuversicht sind inzwischen zu spüren, obwohl auch das aktuelle Team den besten Saisonstart seit 58 Jahren feierte. Novemberstimmung breitet sich aus - mit verwelkten Illusionen.

Das Publikum ist enttäuscht, dass der Aufschwung nach jahrelanger Tristesse schon wieder vorbei sein soll. Der Aufsichtsrat hat sich in dieser Woche für eine Politik der ruhigen Hand entschieden. Man habe unverändert Vertrauen in diesen Trainer, sagt der Vorsitzende Christian Steinborn. Das Gremium ist durchaus in einer schwierigen Lage. Diese letzte desolate Niederlage hat den Handlungsdruck erhöht, aber das Führungsquintett will ihm standhalten.

Benbennek muss liefern, aber seine Mannschaft folgt dem Trainer nur phasenweise. In Velbert wich die Abwehr um Peter Hackenberg ohne große Gegenwehr immer weiter zurück, so dass der Gegner große Räume zwischen den Linien fand. Zudem steht das Team unter Verdacht, in der Schlussphase nicht mehr zulegen zu kommen. In Velbert nahm sie die Niederlage fast teilnahmslos am Ende entgegen. Die Warnleuchten sind auf rot geschaltet.

Es sind keine guten Tage am Tivoli. Es droht schon unerwartet früh eine langweilige Saison. Den Ticketzähler haben sie diesmal vor der Partie gegen RW Essen nicht aktiviert. Der Zuspruch hat nichts mehr mit dem „Meisterball“ vor neun Monaten zu tun, dennoch: Über 8000 Karten (1500 nach Essen) waren am Donnerstag schon verkauft, erwartet werden mindestens 12.000 Besucher. Von solchen Kulissen träumt mancher Zweitligist. Alemannia dagegen träumt davon, wieder ein Zweitligist zu werden. Irgendwann einmal, wenn die Zeiten wieder besser werden.

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