Alemannia: „Mönig und Mönning sind keine Wunderheiler“

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„Jede Insolvenz ist einzig, und Alemannia ist einzigartig“: Interims-Geschäftsführer Michael Mönig (links) und Sachwalter Rolf-Dieter Mönning. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die gute Nachricht vorweg: Über 3300 der 8500 Dauerkarteninhaber haben ihre Tickets verlängert, bei einem freiwilligen Durchschnittspreis von knapp 30 Euro. Und für die Partie gegen den FC Bayern (20. Januar) sind bereits mehr als 23.000 Tickets verkauft.

Es gibt mutmachende Zwischenergebnisse für die neuen Finanzexperten bei Alemannia Aachen. Mit Interims-Geschäftsführer Michael Mönig und Sachwalter Rolf-Dieter Mönning unterhielten sich die Redakteure Klaus Schmidt und Christoph Pauli.

Was ist aus Ihren beiden Dauerkarten geworden, Herr Mönning?

Mönning: Ich habe natürlich verlängert.

Sie haben Erfahrung mit insolventen Unternehmen. Ähneln sich die Szenarien, oder ist Aachen anders?

Mönig: Aachen ist eine andere Dimension für mich, diese Erfahrung habe ich noch nicht. Das ist sportlich Dritte Liga, aber emotional spielt das in einer anderen Liga.Mönning: Jede Insolvenz ist einzig, und Alemannia ist einzigartig. Das Bewusstsein für die Situation, dass wir pleite und nur noch Dritte Liga sind, ist bei vielen nicht entwickelt. Wir müssen erst einmal den Blick dafür schärfen. Bei vielen ist einfach die rheinische Zuversicht sehr ausgeprägt.

Ex-Präsident Meino Heyen hat vor ein paar Tagen noch gesagt, er sei davon ausgegangen, dass die Stunde Null Anfang Juni geschlagen habe, als die Umfinanzierung mit der Stadt gelungen sei. Können Sie erklären, was tatsächlich passiert ist?

Mönning: Das ist eine der zentralen Fragen, die wir im Verfahren zu klären haben. Wir müssen bewerten, was die Alemannia der Stadt und dem DFB vermittelt hat und was sie hätte vermitteln müssen. Diese Vergangenheitsbewältigung wird uns noch ein halbes Jahr beschäftigen. Wir beide gucken aber gerade erst einmal in die Zukunft. Ich wähle folgendes Bild: Es hat einen schweren Unfall mit einem Schwerverletzten gegeben. Da prüfen wir erst mal nicht, ob der Wagen noch TÜV besitzt, sondern leiten lebenserhaltende Maßnahmenein. Mönig: Wir haben schon eine ziemliche Idee davon, was hier schiefgelaufen ist, aber das werden wir erst dem Gericht und dann der Öffentlichkeit erzählen.

Können Sie das Dilemma andeuten?

Mönning: Es hat sicherlich gute Ansätze gegeben, die aber nicht umgesetzt wurden. Wenn ich nach einer Ursachenanalyse eine saubere Planung mache und die notwendigen Maßnahmen nicht umsetze, wird es schwierig.

Sie haben intern schon davon gesprochen, dass Sie eine enorm kreative Buchführung vorgefunden haben. Was ist damit gemeint?

Mönning: Damit ist allgemein gemeint, dass de jure vielleicht so gerade alles noch in Ordnung ist, aber nicht mit den Grundsätzen der ordnungsgemäßen Buchführung übereinstimmt.

Mönig: Dann schieben sie Rechnungen vor sich her, die noch nicht eingebucht wurden. Das aktuelle Bild wird so verfälscht.

Sie sprechen die Bugwelle an. Wie groß war sie denn?

Mönig: Ich habe ja festgestellt, dass die Altschulden zum Zeitpunkt der Prüfung bei 4,5 Millionen Euro lagen. Die Welle hätte sich bis zum Saisonende auf einen knapp zweistelligen Millionenbetrag aufgetürmt. Aber vorher wäre Schluss gewesen.

Mönning: Wenn ich 1,2 Millionen Euro Personalabbau plane, das aber nicht umsetze, sondern sogar noch Leute einstelle, fehlt mir das Geld in der Kasse. Das ist hier passiert. Oder es gibt Fälle von einem unechten Sponsoring, bei denen Leistungen nur gegengerechnet wurden. Viele Details summieren sich, wir werden das bis zur letzten Stelle hinterm Komma aufschlüsseln.

Mönig: Man wollte nicht realisieren, dass man in der Dritten Liga angekommen ist. Die entsprechenden Maßnahmen, um den großen Kostenapparat der Zweiten Liga zu reduzieren, sind zwar auf dem Papier skizziert worden. Sie wurden aber nicht umgesetzt.

Haben Sie den Eindruck, dass der Aufsichtsrat die Geschäftsführung ausreichend kontrolliert hat?

Mönig: Dazu kann ich noch nichts sagen. Wir müssen im Interesse der Gesellschaft prüfen, ob es Schadenersatzansprüche gegen den Geschäftsführer, den Aufsichtsrat oder andere Berater gibt, oder ob eine Berufshaftpflichtversicherung greift.

Mönning: Das Insolvenz- ist ein nichtöffentliches Gerichtsverfahren. Wir werden nicht gegen die Kleiderordnung verstoßen und alles öffentlich machen. Wir berichten ans Gericht oder an die Staatsanwaltschaft. Es ist deren Sache, was sie dann mitteilen wollen.

Haben Sie inzwischen errechnet, wie viele Millionen der Verein braucht, um aus der Überschuldung herauszukommen, damit Sie den Insolvenzantrag zurückziehen können?

Mönig: Vorläufig haben wir das errechnet, aber es macht keinen Sinn, mit einer solchen Zahl nach vorne zu preschen. Es tauchen täglich neue Verbindlichkeiten auf. Wir sind im Insolvenzverfahren mit entsprechenden Regularien. Alle Verbindlichkeiten bis zur Antragstellung sind Forderungen, die derzeit nicht bedient und in eine Tabelle aufgenommen werden. Wenn ich den Antrag zurücknehmen will, müsste ich die Alt-Verbindlichkeiten regeln. Unser Ziel ist es, mal zu einem späteren Zeitpunkt den Gläubigern eine angemessene Quote anbieten zu können, damit es zu einer Win-Win-Situation kommt.

Wie groß ist die Zahl der Gläubiger derzeit?

Mönning: Am Ende werden es wohl deutlich über 10000 sein. Jeder Dauerkarteninhaber oder Paymentkartenbesitzer kann theoretisch eine Forderung anmelden. Das Arbeitsamt hat Ansprüche, weil es drei Monate die Gehälter finanziert, es kommen Dienstleister und Lieferanten dazu.

In die lange Liste werden sich Stadt Aachen und AachenMünchener einreihen, die die Darlehen gekündigt haben.

Mönning: Das betrifft aber die ebenfalls insolvente Stadion GmbH. In diesem Verfahren ist die Stadt ein großer Gläubiger, aber nicht der größte. Die AachenMünchener ist auch bei der Stadion GmbH dabei. Aber das ist nicht unsere Baustelle, sondern die vom vorläufigen Insolvenzverwalter der Stadion GmbH, Frank Kebekus. Wir sind nur die Mieter der Stadion GmbH. Natürlich gibt es viele Berührungspunkte zwischen den Gesellschaften, nicht alles wurde klar getrennt.

Mönig: Die Alemannia Aachen GmbH kann derzeit keine Miete zahlen, aber in unserer Budgetplanung sind bis zum Saisonende fast eine Million Euro für die laufenden Kosten des Stadions vorgesehen. Dieses Geld braucht die Stadion GmbH, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Wenn Ale-mannia hier ausziehen würde, würde es über Jahre hinweg deutlich teurer, das Stadion vor dem Verfall zu retten.

Vor drei Jahren haben Sie für den Verwaltungsrat kandidiert, Herr Mönning. Hatten Sie damals Einblick in die Zahlen?

Mönning: Die Beteiligten wussten schon, dass es ein schwieriger Ritt werden würde. Deswegen wurde ich angesprochen. Es gibt ein frühes Gutachten von „Rolfs und Partner“, das die erheblichen Probleme im Falle eines Abstiegs in die Dritte Liga vorhersagt. Selbst Zweite Liga wäre problematisch gewesen.

Es wurde doch immer wieder betont, dass der Verein notfalls auch zwei Jahre in der Dritten Liga überleben könne.

Mönning: Man hätte es verkraften können, aber dafür braucht man eine saubere Planrechnung, die auch umgesetzt wird. Man muss sich der neuen Situation anpassen und darf nicht im Wolkenkuckucksheim bleiben. Hier herrscht doch noch der Gedanke, dass das Stadion erstligareif ist. Sportlich sollte es mindestens die Zweite Liga sein.

Nach unseren Informationen fallen die Stadionnamensrechte im Insolvenzfall für zehn Jahre an die Ufa. Können Sie das bestätigen?

Mönig: Das fällt zwar in den Bereich der Stadion GmbH, aber ich kenne den Vertrag. Die Ufa hat bei der Umschuldung ein inzwischen ebenfalls gekündigtes Darlehen gegeben, das durch den Tivoli-Namen abgesichert wurde. Die Vermarktungsrechte für den Tivoli sind bei der Ufa. Die könnte den Namen verkaufen.

Mönning: Es sei denn, der Kollege Insolvenzverwalter der Stadion GmbH findet einen insolvenzrechtlichen Hebel, um diese Verträge auszusetzen. Das macht ja die große Beliebtheit von Insolvenzverwaltern aus: Sie dürfen Verträge daraufhin überprüfen, ob sie insolvenzfest sind.

Wie weit tauchen Sie in die Geschichte der GmbH ein? Schauen Sie sich die Finanzierung mit Sätzen von zum Beispiel neun Prozent der Hellmich-Gruppe an?

Mönig: Der Anfechtungszeitraum geht zehn Jahre zurück, und diese Phase werden wir penibel aufräumen.

Gibt es Hinweise auf bauliche Mängel am neuen Tivoli?

Mönning: Die Hinweise sind augenfällig, dafür braucht man kein Bausachverständiger zu sein.

Mönig: Ich habe mal mit dem Hausmeister eine umfassende Führung gemacht. An manchen Stellen hängen Strippen heraus, und Akustikdecken sind nicht fertiggestellt. Ich bin kein Bauingenieur, aber es wundert mich schon. Deswegen habe ich alle Bauordner sichergestellt und inzwischen dem Insolvenzverwalter übergeben.

Mönning: Experten sagen seit Monaten, dass die Dinge angepackt werden müssen. Das wird passieren. Das ist der Vorteil der Insolvenz, da wird alles aufgerollt.

Bayern München kommt zum Tivoli. Gibt es noch weitere Ideen?

Mönig: Wir brauchen Einfälle. Geplant ist, einen „Retter-Cup“ mit namhaften Bundesligisten auszuspielen. Es gibt erste unverbindliche Zusagen. Andere Freundschaftsspiele scheitern bis dato am Terminkalender.

Ist es richtig, dass die Einnahmen des Schalke-Spiels zur Ablösung von Lewis Holtby bereits vom entlassenen Geschäftsführer Frithjof Kraemer an die Bodensee-Bank verpfändet wurden?

Mönig: Ja, das stimmt. Es macht keinen Sinn, die Kosten des Spiels jetzt zu tragen und nichts von den Einnahmen zu haben.

. . wenn der Vertrag denn insolvenzfest ist. Ideen gibt es einige. Wir brauchen dringend Einnahmen. Da kommt kaum noch etwas herein bis zum Ende der Saison. Es wird nur funktionieren, wenn diese Region den Willen aufbringt, diesen Verein zu erhalten. Wenn dieser Wille nicht ausgeprägt ist, geht es nicht. Mönig und Mönning sind keine Wunderheiler, die mit Handauflegen den Verein retten können.

Mönig: Ich habe eine Hand an der Notbremse. Unverändert habe ich noch das wirtschaftlich vernünftige Ziel, diese Saison fair und seriös zu beenden. Mit der jetzt vorhandenen Liquidität kommen wir nur bis etwa Mitte März auf Basis der von mir geplanten Kostenreduzierung, die noch umgesetzt werden muss. Wenn ich nicht im Januar die Tendenz sehe, dass wir über die Saison kommen, muss ich die Notbremse ziehen und das Verfahren eröffnen lassen. Dann hätte der Insolvenzverwalter ein ganz scharfes Schwert. Er könnte mit Sonderkündigungen Kosten radikal kappen. Aber dann kann man den Insolvenzantrag nicht mehr zurückziehen. Nur mit dem Wohlwollen des Verbandes könnte man dann in höheren Ligen als der Kreisliga starten. Und es blüht noch etwas: Der Abstieg würde sich auch auf die Jugendabteilung dramatisch auswirken. Das nächste Problem: Ab Februar läuft die Lizenzierung. Wir werden uns sowohl auf einen Antrag für die Dritte als auch für die Vierte Liga vorbereiten.

Welche Signale empfangen Sie?

Mönig: Es gibt viele kleine Steine, die bewegt werden. Das reicht aber nicht. Wir brauchen große Sponsoren, auch um langfristig hier weitermachen zu können. Der Sponsor muss erst einmal Vertrauen in die neue Führung finden. Meistens kommen zwei Fragen: Habt ihr die Vergangenheit bewältigt? Antwort: So weit sind wir noch nicht, aber wir arbeiten daran und haben Experten darauf abgestellt. Zweite Frage: Ist der sportliche Klassenerhalt gesichert? Antwort: Das können wir seriös nicht versprechen, und finanziell hängt es von euch Sponsoren ab.

Mönning: Da sind wir wieder bei der Eingangsfrage. Ein Sportverein tickt anders als eine Schraubenfabrik. Übliche Praxis ist es, große Teile des Unternehmens weiterzuverkaufen. Das geht hier nicht. Wir können Alemannia nicht an Borussia Mönchengladbach verkaufen und als deren Farmteam weiterspielen.

Mönig: Wir glauben daran, dass wir bis zum 30. Juni durchhalten können. Wir laufen nicht nur vor verschlossene Türen. Wir haben vertraglich vorgesorgt, dass mögliche Sponsoren kein Geld verlieren würden, falls es noch dramatischer wird. Sie können bei Interesse von Spiel zu Spiel zahlen.

Sie haben mit dem DFB zusammengesessen. Wie wird der Verband auf mögliche Verstöße im Lizenzierungsverfahren reagieren?

Mönig: Ich habe erst einmal zwei Strafpunkte verhindert, indem ich am Sonntagabend noch eine fehlende Zwischenbilanz zum Verband geschickt habe. Das war noch eine alte Hausaufgabe aus der Zeit vor meinem Amtsantritt, die nicht erledigt wurde. Wir haben uns mit dem DFB über die Zukunft unterhalten. Er darf uns nicht einseitig bevorteilen, aber auch er hat ein Interesse daran, dass wir wettkampffähig die Serie zu Ende spielen. Unsere Position ist es: Wenn wir das hier sportlich und wirtschaftlich schaffen, möchten wir nicht durch einen Zwangsabstieg bestraft werden.

Mönning: Wir haben dem DFB ziemlich klar gemacht, dass wir dessen Regelwerk für stark erneuerungsbedürftig halten – unabhängig vom Fall Alemannia. Das deutsche Insolvenzrecht müsste stärker in den Statuten abgebildet werden. Wer sich aus seiner misslichen Lage mit Hilfe aller Gläubiger befreien kann, darf nicht strafversetzt werden.

Wie würden Sie Alemannias Status quo beschreiben?

Mönig: Wir haben den Geschäftsbetrieb stabilisiert, aber es wird noch rau in der Zukunft. Zum Beispiel, wenn am 1. Februar das Insolvenzgeld ausläuft oder wir Geld im Lizenzierungsverfahren nachweisen müssen. Und immer noch fehlen 1,5 Millionen, um die Saison zu Ende spielen zu können.

Mönning: Zum Abschluss mal etwas Grundsätzliches: Das hier ist ein Fußballverein, das wollen wir in den Vordergrund rücken.

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